Kriegschroniken

Was kommt als Nächstes? »Drohnenschwärme«

Was kommt als Nächstes? »Drohnenschwärme«

DIE ZEIT: Kleine Hobbydrohnen zwingen nicht nur die Ukraine dazu, ihr Militär komplett umzubauen. Auch für die Bundeswehr sind sie eine Herausforderung. Sie erforschen seit Jahren die Technik Drohne, wie schauen Sie auf die Kämpfe in der Ukraine?

Ulrike Franke: Ich finde es als Wissenschaftlerin spannend, zu sehen, was in der Ukraine technologisch passiert und inwieweit wir das vorhersehen konnten. Bei manchen Sachen denke ich, das war erwartbar. Doch dann gibt es Entwicklungen, die ich nie vorhergesehen hätte. Die kabelgesteuerten Drohnen etwa – weil sie ein technologischer Rückschritt sind, auch wenn die Kabel nun aus Glasfaser sind. So etwas – wenn auch auf dem Boden – hatte auch schon die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, den sogenannten Goliath. Es geht im Krieg aber nicht nur darum, was ein Fortschritt wäre. Es geht vor allem darum, ob etwas funktioniert. Im Zweifel sind das dann auch Drohnen aus Styropor und Spanplatten, sie sind billig und sie funktionieren.

ZEIT: Was hat Sie noch überrascht?

Franke: Ich habe nicht erwartet, dass nun Millionen von Drohnen über das Kampffeld fliegen. Beim US-Militär gab es bereits vor einigen Jahren Überlegungen, für den zivilen Markt gebaute Hobbydrohnen zu nutzen, und es wurde diskutiert, ob nicht bald jeder Soldat seine eigene Drohne dabeihaben wird. Dass sie in der Ukraine eingesetzt werden, war keine Überraschung. Ich habe mir nur nicht die Größenordnung vorstellen können. Auch das ist eine Lehre aus diesem Krieg: Schiere Menge kann eine ganz eigene Qualität entwickeln. Wir haben in Deutschland zehn Jahre lang über die Anschaffung von fünf Heron-TP-Drohnen für die Bundeswehr diskutiert. Die Ukraine produziert jetzt fünf Millionen Drohnen im Jahr.

ZEIT: Lässt sich die Entwicklung bei den Drohnen beispielsweise vergleichen mit dem ersten massenhaften Einsatz von Panzern 1917 – ist das also eine militärische Revolution, die wir hier erleben?

Franke: Eine wirklich revolutionäre Technologie hat fundamentale Auswirkungen auf die Organisation der Streitkräfte oder auf die Kriegsführung, also auch auf die gesamte militärische Doktrin. An diesen Punkt kommen wir langsam. Die Front in der Ukraine ist nicht mehr nur wenige Kilometer breit, sondern ein bis zu 40 Kilometer breiter Streifen wird komplett von Drohnen dominiert. Dadurch ist es unmöglich geworden, Truppen für einen Überraschungsangriff zu massieren, die Angriffe können nur noch von wenigen Soldaten auf einmal geführt werden. Drohnen haben also einen direkten Einfluss darauf, wie der Krieg geführt wird. Ja, das ist eine revolutionäre Entwicklung. Aber es geht bei solchen Umwälzungen nicht um die Technologie, sondern darum, wie sie eingesetzt wird. Und der Panzer war nicht 1917 revolutionär, als er auf das Schlachtfeld kam, sondern 1939, als um ihn herum die sogenannte Blitzkrieg-Doktrin entwickelt wurde. Dazu brauchte es mehr als nur die Panzer, sondern beispielsweise auch Funkgeräte. Es wurde überlegt, was die Vorteile dieser Waffe sind und wie sie genutzt werden kann, um diese Vorteile in den Vordergrund zu stellen.

ZEIT: Passiert das nicht gerade?

Franke: Wir sind gerade mitten in diesem Prozess. Das beste Beispiel dafür ist die ukrainische Operation Spinnennetz. Die Ukraine hat die globale Herstellungskette genutzt, um getarnt im gegnerischen Land Drohnen zu produzieren und die dann mit angemieteten Lkws zum Ziel zu transportieren. Das war eine revolutionäre Verwendung von Drohnen, die all ihre Vorteile genutzt hat: Sie sind klein und sie können von weit weg gestartet werden. Man kann sie also zum Gegner bringen und ihn von innen heraus angreifen. Das geht eindeutig in eine revolutionäre Richtung.

»Jeder Soldat muss zu Drohnen ausgebildet werden«

ZEIT: In Ihrer Doktorarbeit schreiben Sie, dass die größte Umwälzung, die die Drohnen verursachen, das Erleben der Soldaten ist. Wie meinen Sie das?

Franke: Beispielsweise durch die sogenannten Cubicle Warriors – also Soldaten, die irgendwo in einem Container in den USA sitzen und von dort aus Drohnen an weit entfernten Orten der Welt steuern, und die abends dann nach Hause gehen und das Schlachtfeld einfach wieder verlassen. Neu ist auch, dass jeder Zugang zu den Bildern dieser Waffe hat. Das ist eine Wahrnehmung des Schlachtfeldes, die es vor wenigen Jahren nicht gab. Auch für die Soldaten auf dem Schlachtfeld ist das leider revolutionär. Dieses Gefühl: Ich bin permanent von Drohnen überwacht. Ich muss mir darüber die ganze Zeit Gedanken machen. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, ebendiese Übersicht selbst zu erhalten. Und wir erleben nun, dass jeder Soldat in der Ukraine Drohnenerfahrungen hat. Entweder als Operateur oder als Gejagter. Das ist selten, dass eine Technologie so durchgreifend ist, dass jeder mit ihr zu tun hat.

Es bedeutet übrigens auch, dass jeder Soldat in unseren Streitkräften zu Drohnen ausgebildet werden muss. Jeder braucht ein Verständnis dafür, wie man mit dieser Bedrohung umgeht. Denn diese Jagd auf einzelne Individuen gab es in diesem Umfang auch noch nicht. Seit Jahren gibt es sogenanntes , also gezielte Tötungen einzelner Menschen, wofür die USA beispielsweise in Pakistan große Drohnen wie den Predator eingesetzt haben. Aber das waren zumindest mehrheitlich Führungspersonen, von lokalen Milizen oder Terrororganisationen. In der Ukraine jagen Drohnen jeden einzelnen Soldaten und auch jeden Zivilisten – alles, was sich bewegt. 

ZEIT: Die Bilder der Drohnen, die auf Panzer geflogen werden, die Soldaten in Gräben jagen, sind überall im Netz zu sehen. Ist es nicht auch neu und schrecklich, dass die Welt nun beim Töten live zuschaut?

Franke: Man mag sich das gar nicht ansehen. Diese emotionale Nähe bei gleichzeitiger geografischer Distanz ist eine fundamentale Veränderung. Obwohl die Drohne eine große physische Distanz herstellt, erzeugt sie durch diesen gleichzeitig enorme Nähe. Man wird fast selbst zur Drohne, selbst zum Sprengkörper, wenn man sich das ansieht. Diese persönliche Sicht ist eine fundamentale Veränderung, und wir wissen noch gar nicht, was das für die Soldaten auf beiden Seiten bedeutet. 

Im Gegensatz zu allen anderen Waffen machen Drohnen es außerdem möglich, dass sich Zivilisten einbringen. Viele Drohnen werden in irgendeiner Garage von Freiwilligen zusammengebaut. Kein Mensch baut sich einen Panzer in seiner Garage, aber bei Drohnen geschieht das massenhaft.

ZEIT: Weil sie ein Dual-Use-Produkt sind: Es gibt im Gegensatz zu Panzern viele zivile Anwendungen dafür.

Franke: Das stimmt, aber durch diese Videos wird der Krieg vielen Menschen nahegebracht. Jeder Drohneneinsatz hat ein Fernsehteam dabei. Diese Videos bringen auch den Lehrer in Kanada dazu, dass er Geld spendet, um in der Ukraine Drohnen zu finanzieren. Diese Spenden gehen in persönliche Schutzausrüstung, aber auch überproportional viel in Drohnen. Es gibt eine intime menschliche Verbindung zwischen Individuum und Drohne, das ist ungewöhnlich fürs Militärische. So etwas hat man zu keinem Panzer und zu keinem Maschinengewehr. Ein Maschinengewehr will man nicht anfassen, aber Drohnen sehen wir auch als Spielzeug. Viele haben selbst eine Drohne zu Hause und sind damit schon geflogen. Das sind dieselben Systeme, die auch in der Ukraine eingesetzt werden.

ZEIT: Wenn wir auf die Evolution der Drohnen in der Ukraine schauen, dann waren es anfangs zivile Drohnenmodelle zur Beobachtung, dann kamen die ersten Kamikazedrohnen, dann die Massenproduktion von Quadrokoptern, dann gegenseitiges Blockieren der Funkfrequenzen, schließlich Kabeldrohnen. Was kommt als Nächstes, wie geht das weiter?

Franke: Drohnenschwärme. Aber das sage ich schon sehr lange. Ich finde ich es interessant, dass sie noch nicht auf dem Schlachtfeld zu finden sind.

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