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Wahl in Aue: Neonazi könnte Oberbürgermeister werden und niemand würde das stören?

Wahl in Aue: Neonazi könnte Oberbürgermeister werden und niemand würde das stören?
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Aue-Bad Schlema (Sachsen) – Er ist rechtsextrem, er hat Fackelmärsche gegen Asylunterkünfte organisiert. Heute will er Oberbürgermeister im sächsischen Aue-Bad Schlema werden. Und viele in der Erzgebirgsstadt fänden das offenbar auch völlig in Ordnung. BILD-Reporter berichten aus der 19.000-Einwohner-Gemeinde, in der so viele kein Problem damit hätten, wenn ein Rechtsextremer erstmals seit der Nazizeit Oberbürgermeister einer deutschen Stadt wird.

Samstag, 10 Uhr, in Aue: Der Postplatz liegt schläfrig in der Morgensonne. Zwei Rentnerinnen warten auf den Bus zum Krankenhaus, in der Drogerie nebenan gibt es Duschbad für 75 Cent im Angebot. Hier will Stefan Hartung (37), Landesvize der vom Verfassungsschutz als neonationalsozialistisch eingestuften „Freien Sachsen“, das Ruder übernehmen. „Die Idylle trügt. Hier treiben kriminelle Zuwanderer ihr Unwesen“, behauptet ein Passant.

Tatsächlich listet die Polizei den Postplatz als „gefährlichen Ort“, gründete sogar eine eigene Ermittlungsgruppe. Allein 2024 gab es sechs Fälle von Messer-Kriminalität, 94 Straftaten wurden insgesamt gezählt. Doch die erhöhte Präsenz zeigt Wirkung: Nachdem 2025 acht junge Intensivtäter in U-Haft oder Heime gekommen waren, wurde es ruhiger. „Die Sicherheitssituation auf dem Postplatz muss aber trotzdem weiter verbessert werden“, sagt Rentner Dieter S. (86), der deshalb Hartung wählen will. Der Ausländeranteil in Aue-Bad Schlema liegt derzeit bei 9 Prozent. Zum Vergleich: Deutschlandweit liegt der Anteil bei 14,8 %. Laut polizeilicher Kriminalstatistik Sachsen waren im Erzgebirgskreis nach aktuellem Ermittlungsstand 19,3 Prozent der Tatverdächtigen nichtdeutsche Staatsangehörige; 2024 hatte ihr Anteil 17,3 Prozent betragen.

Fackelmärsche und NPD-Mitgliedschaft

BILD trifft auf Familie Wagner mit Linus (2), Franziska (36) und Marcus (39, Angestellter): „Der Herr Hartung ist kein Nazi“, behaupten sie. Die CDU habe halt „jahrelang Scheiße gebaut“, nun solle es die Quittung geben: „Wir wollen ordentliche Spielplätze und eine Innenstadt ohne Messerstechereien.“

Hartungs Lebenslauf ist eindeutig: Er war nicht bloß NPD-Mitglied, sondern Funktionär dieser Partei, der das Bundesverfassungsgericht mehrfach eine Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus bescheinigte und ihr die staatliche Finanzierung entzog. Bis heute ist Hartung Mitglied der NPD-Nachfolgeorganisation „Die Heimat“. Der Verfassungsschutz stuft diese als gesichert rechtsextremistisch ein.

Hartung hat Fackelmärsche gegen eine Asylbewerberunterkunft organisiert und 2021 die „Freien Sachsen“ mitgegründet. Hier sammeln sich Neonazis, ehemalige NPD-Leute. Und auch hier spricht der Verfassungsschutz in Sachsen, der die Partei offiziell beobachtet, von gesichert rechtsextremistischen Bestrebungen. Für 2024 heißt es im Bericht der sächsischen Demokratiewächter: „Im Berichtsjahr machten die Freien Sachsen Flüchtlinge verächtlich und bezeichneten sie pauschal als Kriminelle. Diese rechtsextremistische Agitation verstößt mithin gegen die grundgesetzlich verbriefte Garantie der Menschenwürde.“

29 Prozent der Wähler in Aue hat das im ersten Wahlgang nicht gestört. Sie haben ihr Kreuz bei Hartung gemacht. Nun kann dieser zusätzlich auf die Stimmen des AfD-Kandidaten (18,5 Prozent) hoffen, den er rechts überholte und der nicht mehr antritt. Rechnet man die Ergebnisse zusammen, käme er sehr nahe an die 50-Prozent-Marke. Selbst die „New York Times“ berichtet aus Aue.

Wird ein Neonazi also Oberbürgermeister? Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz warnt: „Diese Gefahr ist da.“

Hüpfburgen für Demokratie

Einige stemmen sich dagegen. Auch öffentlich. Am Samstagnachmittag haben sie am Carolateich ein paar Hüpfburgen aufgeblasen. Beim Vereins- und Familienfest für Demokratie, Vielfalt und Zusammenhalt soll dafür geworben werden, demokratisch zu wählen. Damit meinen sie, den CDU-Kandidaten zu wählen. Der heißt Marcus Hoffmann (41) und brachte es im ersten Wahlgang auf 23,6 Prozent. Er will Nachfolger seines CDU-Parteikollegen Heinrich Kohl werden, der seit 1999 an der Spitze der Stadt stand und altersbedingt aus dem Amt scheidet.

Sind Sie ein Nazi, Herr Hartung?

Eine Stunde später läuft Hartung (verheiratet, drei Kinder) über den nahen Altmarkt. Die Kundgebung trägt zwar den Titel „150 Jahre Anton Günther“, doch die Folklore des beliebten Erzgebirgs-Sängers ist allenfalls die Begleitmusik für den Auftritt des aussichtsreichen Kandidaten. „Der Wahlkampf lief sehr gut, ich rechne mir gute Chancen aus. Ich sehe mich als ersten Lobbyisten der Stadt“, sagt Hartung, während seine Gäste anerkennend zu ihm aufblicken. „Sind Sie ein Nazi, Herr Hartung?“, fragen wir BILD-Reporter ihn ganz direkt. Er weicht aus. Solche Fragen würden nur „von der Presse“ kommen, nicht hier aus Aue. Und warum macht er nicht Schluss bei der rechtsextremen NPD? „Da gibt es keinen Grund, einen Schlussstrich zu ziehen“, findet Hartung. „Das sind alles anständige Menschen“, so behauptet er.

Viele in Aue sagen uns auf der Straße Ähnliches. NPD-Mitgliedschaft? Verfassungsschutz? Rechtsextremistisch? Sie würden ihn doch kennen, den Stefan Hartung. Er sei doch einer von ihnen. Auch Handwerker Markus S. (38,) zählt auf ihn: „Im ersten Wahlgang hatte ich AfD gewählt, jetzt wechsle ich zu den Freien Sachsen. In Aue geht ein Geschäft nach dem anderen kaputt, aber es gibt 20 Barbershops“, behauptet er.

Corina K. (32, technische Angestellte) warnt hingegen: „Den Hartung wähle ich auf keinen Fall. Das ist ein Rechtsextremer, der sich hier unschuldig gibt.

Landratsamt muss Eignung prüfen

Doch auch bei einem Wahlsieg des rechtsextremen Kandidaten, bleiben Zweifel, ob der dann das Amt tatsächlich antreten dürfte. Das letzte Wort hat das Landratsamt des Erzgebirgskreises. Da Oberbürgermeister Beamte auf Zeit sind, wird laut Lokalzeitung „Freie Presse“ nach der Wahl die beamtenrechtliche Eignung – also auch die Verfassungstreue – des Gewinners geprüft. Bei Hartung seien schon deshalb erhebliche Zweifel zu erwarten, da seine Partei auch den sogenannten „Säxit“ anstrebt, also den Austritt Sachsens aus der Bundesrepublik. Für die Überprüfung hat das Landratsamt einen Monat Zeit.

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