Hauptnachrichten

Sonderisolierstation der Charité: Im Mondanzug gegen die Killer-Viren

Sonderisolierstation der Charité: Im Mondanzug gegen die Killer-Viren
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Berlin – Minutenlang kämpfen sich zwei Pflegerinnen in einen luftdichten Schutzanzug. Jeder Atemzug wird gefiltert. Drei Stunden würden sie in ihrer Schicht so verbringen, ohne Essen, ohne Toilette, dabei 1,5 Liter schwitzen. Die Frauen, die aussehen wie Astronautinnen auf dem Mond, zeigen, wie es in Berlin gelang, einen Ebola-Patienten zu retten.

Durch eine Schleuse gelangen sie in einen Flur mit rotem Boden. Die Farbe signalisiert: Gefahrenzone. Sie gehen in ein Patientenzimmer. Der Luftdruck ist in Stufen geregelt, damit Viren aus dem Patientenzimmer nicht auf den Flur gelangen können. Jedes Zimmer hat eine eigene Luftfilteranlage. Sogar die Abwässer werden gekocht.

Viren-Gefängnis in der Berliner Charité

Die Isolierstation der Berliner Charité gleicht einem Viren-Gefängnis. Hier wird alles Menschenmögliche getan, einen infizierten Menschen zu behandeln, ohne dass Pfleger und Ärzte gefährdet werden oder Viren in die Außenwelt gelangen.

Besonders Ebola ist tödlich. An der Zaire-Variante sterben neun von zehn Infizierten, an der Bundibugyo-Variante vier von zehn. Doch in der Charité wurde gerade der amerikanische Arzt Peter Stafford (39) mit einer neuartigen Antikörpertherapie gerettet. Einen „individuellen Heilversuch“ nennt Charité-Professor Leif Erik Sander (49) das. Das US-Medikament „MBP 134“, es basiert auf Abwehrkräften überlebender Ebola-Patienten, ist noch nicht zugelassen. Dafür bräuchte es noch Studien.

Ebola nennt Sander eine „Disease of compassion“, zu Deutsch eine „Krankheit des Mitgefühls“. Denn sie erwischt hauptsächlich Menschen, die sich um bereits Infizierte kümmern. Wie Chirurg Stafford, der eine Erkrankte im Kongo operierte.

Drei-Stunden-Schichten im Anzug

Die Schwestern und Ärzte können in so einem Luftanzug nicht essen, nicht zur Toilette gehen und schwitzen bis zu 1,5 Liter Wasser in den drei Stunden aus. So lange dauert die kräftezehrende Schicht. Wenn sie fertig sind, gehen sie zu zweit in einen Raum und sprühen einander mit Essigsäure ab. Das soll Restviren töten. Danach werden sie aus ihren Anzügen geschnitten – und die schließlich entsorgt.

Drei Stunden pro Schicht, das macht bei 24 Stunden acht Schichten nötig, um Patienten rund um die Uhr zu betreuen. 80 Pflegerinnen und Ärzte sind dafür ausgebildet, bis zu 20 Ebola-Infizierte zu behandeln. Dazu kommt eine Schar von Technikern, die sich um die Abwasser- und Abluftanlagen kümmert.

Ein Riesenaufwand für einen Fall, der vielleicht niemals oder sehr selten eintritt. Aber wenn er eintritt, können die Folgen verheerend sein. „Kleine Wahrscheinlichkeit, große Konsequenz“, nennen das die Fachleute. Charité-Chef Professor Heyo K. Kroemer (66) schätzt die Kosten für die Rettung des Amerikaners Stafford auf eine niedrige Millionensumme.

Charité-Professor warnt vor Ernstfall

Und Professor Kroemer warnt: Deutschland ist beim Thema „Gesundheitssicherheit“ im Vergleich zu europäischen Ländern wie Finnland und Dänemark weit zurück. „Hier ist ein einzelner Patient in so eine Struktur gekommen. Was wäre, wenn es eine Vielzahl wäre?“, sagt er. Er glaubt, man sollte deutschlandweit ein Netz schaffen, das Menschen in medizinischen Ausnahmesituationen helfen kann. Denn, so Kroemer, es könnte auch große chemische Terrorangriffe geben oder einen Kriegsfall mit Biokampfstoffen. Da würden die 20 Betten der Charité nicht reichen.

Vielleicht verpasst