Kiew – Heikle Entwicklung im Machtkampf zwischen Militär und Verteidigungsministerium in der Ukraine! Nach der Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow gerät jetzt offenbar Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj ins Wanken. Wie die „Financial Times“ und das russische Oppositions-Medium „Meduza“ berichten, prüft Präsident Wolodymyr Selenskyj (48), Syrskyj als Armeechef abzusetzen. Demnach sei ein Rücktritt des Generals inzwischen „ziemlich wahrscheinlich“, berichtet Meduza unter Berufung auf Präsidialamtskreise.
Auslöser der Krise war die Entlassung Fedorows. Laut dem Ex-Minister hatte Syrskyj dem Präsidenten ein „Ultimatum“ gestellt und die Absetzung des Ministers verlangt. Selenskyj gab zunächst nach, löste mit der Entscheidung aber heftige Proteste aus. Tausende Ukrainer demonstrierten seit Donnerstag vor dem Präsidialamt in Kiew und riefen: „Fedorow, Fedorow!“ sowie „Syrskyj raus!“ Auch in Lwiw, Dnipro und Odessa gingen Menschen auf die Straße.
Selenskyj schlägt Fedorow-Nachfolger vor
Aus dem Umfeld des Präsidialamts heißt es, dass Selenskyjs engster Kreis nicht mit der Wucht der Proteste gerechnet hat. „Die Demonstranten fordern nun zwei zentrale Dinge: die Rückkehr von Fedorow und die Entlassung von Syrskyj“, sagte ein Insider. Fedorows Rückkehr ist jedoch – zumindest im Amt des Verteidigungsministers – praktisch ausgeschlossen, nachdem Selenskyj am Sonntag offiziell den bisherigen kommissarischen Chef des Inlandsgeheimdienstes SBU, Jewgeni Khmara, vorgeschlagen hat. Er muss noch vom Parlament bestätigt werden.
Und auch die Zukunft von Syrskyj könnte schneller entschieden sein als erwartet. Laut „Financial Times“ will Selenskyj an diesem Wochenende die Meinung von Militärkommandeuren einholen und mögliche Nachfolger prüfen. Auch Meduza berichtet über Gespräche. Wie tief der Konflikt zwischen Syrskyj und Fedorow ging, beschrieb Selenskyj selbst: „Ohne mich setzen sie sich nicht zusammen und sprechen miteinander.“ Er habe sich Einigkeit gewünscht, sie aber nicht erreicht.
Fedorow: „Veränderung ist unvermeidlich“
Auf einer Pressekonferenz warf Fedorow Syrskyj nach seiner Entlassung vor, Reformen im Verteidigungsministerium blockiert und Korruption begünstigt zu haben. Gleichzeitig würdigte er dessen Rolle bei der Verteidigung Kiews und den Gegenoffensiven 2022. Syrskyj gilt als Architekt dieser militärischen Erfolge, ist aber auch unter Soldaten nicht unumstritten. Einige nennen ihn „Schlächter“, weil er nach deren Darstellung hohe Verluste in Kauf nehme, um seine Ziele zu erreichen.
„Veränderung ist unvermeidlich“, schrieb Fedorow auf X – und dankte Veteranen, Soldaten und den Ukrainern für ihre Unterstützung. Sein Beitrag endet mit den Worten: „Es findet ein Dialog statt – und ich glaube, dass wir erfolgreich sein werden.“