Es gibt Schriftsteller, die dem Genre der literarischen Reportage zu frischem Leben und neuem Glanz verhelfen. Wie David Foster Wallace. Der US-amerikanische Autor schrieb so anschaulich, lebensklug und witzig über Kreuzfahrten und Landwirtschaftsmessen, Hummerfestivals und Pornoevents, dass man dafür sogar seinen postmodernen Monumentalroman „Unendlicher Spaß“ zur Seite legte. Bei Stefanie Sargnagel ist es ebenso.
Die 1986 in Wien geborene Autorin, bekannt auch als Zeichnerin und für ihre ikonische Baskenmütze, veröffentlichte Anfang des Jahres den schmalen Band „Opernball“, in dem sie sich unter die Wiener Schickeria mischt und den Klassenkampf an der Champagnerbar aus der Nähe verfolgt – eine grelle Satire der Extraklasse.
Mit „Oktoberfest“ ist jetzt der Nachfolgeband von „Opernball“ erschienen, der mit knapp 100 Seiten ebenso schmal und nicht weniger unterhaltsam ausfällt. Den Buchdeckel ziert wieder ein selbst gezeichnetes Porträt der Autorin, wie sie auf einer Brezel in einem See menschlicher Ausscheidungen schwimmt. So kann man das deuten, denn Sargnagel beschreibt im Text allerlei Begegnungen mit Urin oder Erbrochenem, die sich auf dem Oktoberfest kaum vermeiden lassen. So wird der Hügel der Bavaria-Statue während der Festtage liebevoll als „Kotzhügel“ bezeichnet und Medienberichte über Hosen-, Zelt- und Wildpinkler gehören schon zur Wiesnfolklore.
„Mir als Österreicherin sind Volksfeste dieser Art nicht unbekannt“, schreibt Sargnagel herrlich lakonisch. „Nationalstolz, Alkoholmissbrauch und Übergriffe kennt man in der geliebten Heimat von Kindheit an.“ Schnell muss die Autorin jedoch feststellen, dass im bayerischen München die Grenzen ihrer österreichischen Vorstellungskraft gesprengt werden. „Nie hatte ich ein ähnliches Ausmaß an Exzess gesehen. Nie so viele Torkelnde, Fallende, auf dem Boden Schlafende aus allen Schichten und Weltregionen“, heißt es bei ihr. „Nie zuvor hatte ich bezeugt, dass Menschen sämtliche gesellschaftlichen Regeln missachtend mit letzter Kraft versuchen, in aller Öffentlichkeit die lasch getrunkenen Körper ineinander zu verknoten, mit schlaffen Weichteilen im anderen zu versinken und sich zu vereinen. Ich war sofort zu Tränen gerührt.“
Als Außenstehende stellt die Erzählerin einige alltagsethnografische Überlegungen über eine Gesellschaft im alkoholischen Vollrausch an. Sie sinniert über vom Bier gestärkte Bayern und vom Wein geschwächte Österreicher, während sie den verschiedensten Stadien menschlicher Unzurechnungsfähigkeit begegnet oder den Fahrgeschäften einen Besuch abstattet. Und immer wieder versucht sie, den tieferen Sinn des Geschehens mit den Begrifflichkeiten einer allgemeinen Kulturtheorie zu fassen.
Wie auch immer man es nennt: Auf dem Oktoberfest lässt man sich gehen, man eskaliert oder dreht völlig durch. Aber warum? „Die Leute wollen in den Sog, sie wollen gemeinsam in ein großes Fass gesteckt und durchgerüttelt werden, heute gibt es keine Verantwortung, keine Selbstbeherrschung und keine Schuld“, lautet Sargnagels Erklärungsversuch.
Sargnagel selbst kann und will sich dem faszinierenden Sog gar nicht entziehen. Wo die Hüllen des Anstands fallen, schaut sie ganz genau hin. Ihr Blick ist von zärtlichem Spott erfüllt, wie es der selbst gewählten Totalregression durch Unmengen von Starkbier angemessen ist. Vielleicht muss man aus der Geburtsstadt der Psychoanalyse kommen, um in der rauschhaften Enthemmung einerseits den Protest gegen die strengen Gebote der Kultur, andererseits aber auch den Rückfall hinter die Errungenschaften eben dieser Kultur zu sehen. Sargnagel hat diesen doppelten Blick: „Oktoberfest“ ist weder plumpes Wiesn-Bashing noch geschönte Verklärung, sondern bei allen dichterischen Freiheiten und literarischen Übertreibungen der klarsichtigste Blick auf das weltberühmte kollektive Komasaufen seit Herbert Achternbuschs legendärem Film „Bierkampf“.
„Oktoberfest“ ist, wie auch „Opernball“, zunächst für die Bühne geschrieben worden. Das Münchner Volkstheater hatte Sargnagel beauftragt, ein Theaterstück über die Wiesn zu schreiben. Für ihre Recherche besuchte die Autorin nach eigener Angabe zwei Wochen das Oktoberfest, von „O’zapft is!“ bis Zapfenstreich und das täglich von früh bis spät. Wenig später feierte „Am Wiesnrand“ seine Premiere und wurde „ein großer Erfolg, sogar Gerhard Polt war da, bis es leider nach kurzer Zeit von der Pandemie verschluckt wurde“, wie Sargnagel schreibt.
In der Buchausgabe geht es am Ende vom Kotzhügel noch auf den Grünen Hügel: Als kleine Zugabe enthält der Band nämlich Sargnagels berühmt-berüchtigte „Zeit“-Reportage über die Bayreuther Festspiele, die vor knapp zehn Jahren in der Wochenzeitung erstveröffentlicht wurde und damals eine rekordverdächtige Flut an Abokündigungen unter den Wagnerianern in der Leserschaft ausgelöst haben soll.
Stefanie Sargnagel: Oktoberfest. Ein Spaziergang auf der Wiesn. Rowohlt, 96 Seiten, 18 Euro