Kultur

Stalin, Mao, Intifada – Dieser Rapper bringt die Linkspartei in Bedrängnis

Stalin, Mao, Intifada – Dieser Rapper bringt die Linkspartei in Bedrängnis

Es sind provokante Zeilen, die am vergangenen Samstagabend weit über den Neuköllner Herrfurthplatz hinaushallen: „Yalla yalla intifada – Westbank, Palästina, Gaza“, „Death, death to the IDF“ und „Intifada wie die PFLP“. Eine Verherrlichung des Terrorismus im Nahen Osten – auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin.

Der Rapper Dahabflex hat damit drei Wochen vor der Wahl die Debatte um das Antisemitismusproblem der Partei neu entfacht. Die Parteiführung geht auf Distanz – doch Linken-Politiker treten immer wieder mit ihm auf. Wer ist der Mann, der nun zum Problem für die Partei wird?

Dahabflex, ein Frankfurter mit kurdisch-alevitischen Wurzeln, heißt mit bürgerlichem Namen Etkin Siar Sarikaya. Seinen Stil könnte man als energischen Elektrorap mit einem Hang zur Militanz beschreiben. Auf Instagram hat er knapp 70.000 Follower, auf Spotify rund 118.000 monatliche Hörer. Auf Fotos posiert er vor allem mit durchtrainierten Männern, die sich mit roten Schlauchschals und Kufiyas vermummen und Palästina-Flaggen schwenken.

Aktiv ist er seit Ende 2021. Zunächst ging es in seinen Texten vor allem um klassische Rap-Themen: Verbrechen, Drogen, Sex. Inzwischen glorifiziert er nicht nur terroristische Gewalt, sondern auch autokratische Regimes. So veröffentlichte Sarikaya 2024 etwa den Song „UdSSR“. Darin rappt er „Was für Adolf – ich bin Josef Stalin“ und: „Mein Block UdSSR, dawaj, lass die Straßen brennen.“ Er verwendet darin auch das homofeindliche slawische Schimpfwort „Pidaras“.

In zahlreichen Videos zum Lied posiert er mit Russlandflaggen und trägt eine dunkle Pelzmütze, auf der ein roter Stern mit Hammer und Sichel prangt. In einem Clip dreht er sich zu dem rollenden R von „UdSSR“ um und präsentiert seine Jacke mit „Russia“-Schriftzug und russischem Doppeladler. Da dauerte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits über zwei Jahre.

Wer durch seine Social-Media-Profile scrollt, stößt immer wieder auf Hammer und Sichel. Sarikaya beschränkt sich aber nicht nur auf die Sowjetunion. In einem Video vom Mai 2025 trägt er ein T-Shirt, auf dem der chinesische Diktator Mao Zedong abgebildet ist. Dazu rappt er: „Bringe Wohlstand wie Deng Xiaoping“ – ein positiver Bezug auf den faktischen Führer der Volksrepublik nach Maos Tod.

All das hielt Teile der Linkspartei nicht davon ab, die Nähe des Rappers zu suchen. Im Juni 2025 nahm der Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak vor dem Reichstagsgebäude ein Playback-Video zu „Rot“ auf, einem Song, den Dahabflex mit einem abgewandelten RAF-Logo samt Molotowcocktail bewirbt und in dem er ebenfalls zur Intifada aufruft. „Da-Da-Dahabflex kommt wie Mao und Stalin“, heißt es unter anderem darin.

Koçak verteidigte sich damals gegenüber der „B.Z.“, die wie WELT zu Axel Springer gehört: Er habe bewusst einen Part des Songs gewählt, „der sich gegen Nazis richtet – und für Kurdistan“. „Rap ist eine Kunstform, die oft bewusst übertreibt“, sagte der Bundestagsabgeordnete weiter. Drei Wochen später trat Koçak mit Dahabflex in einem weiteren Video auf, wieder vor dem Reichstagsgebäude – dieses Mal zum Lied „Fck AfD“. Darin heißt es: „Ro-Ro-Roter Block, guck’, wir lassen Faschos brennen“ und „Keine Toleranz, Fascho, er wird ausgeknockt“.

Die Intifada-Zeilen, die nach der Wahlkampfveranstaltung der Linken am Samstag für Kritik sorgen, stammen aus dem Song „Stop the Genocide“, den Dahabflex gemeinsam mit dem Rapper Erzin und dem Produzenten Ikarus aufgenommen hat und der im September 2025 erschien. Kurz darauf trat Dahabflex auf einer Gaza-Demo der Partei am Alexanderplatz auf: Er wurde auf dem Plakat als eine Art Headliner angekündigt und gehört zu den Erstunterzeichnern des Demoaufrufs, der von der Parteichefin Ines Schwerdtner mitinitiiert wurde. Auch dort wurde „Stop the Genocide“ gespielt.

Schon damals war das umstritten. Martina Renner, die elf Jahre für die Linke im Bundestag saß, thematisierte den Auftritt und die terrorverherrlichenden Textstellen in den sozialen Medien. In Teilen der Linkspartei schadete das aber seinem Image wohl kaum. So trat Dahabflex auch in diesem Jahr bereits auf der Demo „Free Görli – Rave against the Zaun“ in Berlin auf, die sich gegen die Einzäunung des Görlitzer Parks richtete. Zu den Veranstaltern zählte der Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg der Linkspartei. Als Rednerin trat die Berliner Landesvorsitzende Kerstin Wolter auf.

Und am vergangenen Samstag war Dahabflex auf der Wahlkampfveranstaltung der Linken wieder als Headliner angekündigt: Auch auf diesem Plakat der Partei stand sein Name ganz oben. Nachdem viele Medien den Vorfall aufgegriffen hatten, kritisierte der Rapper eine „verzerrte Berichterstattung“. „Eine zweieinhalbstündige Veranstaltung wird auf zwei Zeilen reduziert, die völlig aus dem Kontext gerissen werden“, schrieb er in einer Instagram-Story.

Aber es geht nicht nur um zwei Zeilen: So bezieht er sich im Song auch positiv auf Leila Khaled und George Abdallah – Mitglieder der Terrorgruppen PFLP und LARF. Abdallah war zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Beihilfe zum Mord an einem US-Militärattaché und einem israelischen Diplomaten in Paris verurteilt worden. Im Juli 2025 kam er frei.

Ist das alles nur künstlerische Provokation? Erst im August hat sich der Rapper ausdrücklich auch inhaltlich zu seinen Texten bekannt: „Alles, was ich rappe, das bin ich“, sagte Sarikaya im Podcast „Bedauerlicher Einzelfall“. „Dahabflex ist auch keine Kunstfigur.“ Auf eine Anfrage von WELT über Instagram und seine Bookingagentur reagierte er nicht.

Vor der Berliner Wahl steht die Linke in den Umfragen aktuell leicht vorn. Spitzenkandidatin Elif Eralp hat sich von dem Auftritt inzwischen distanziert und verurteilt ihn „aufs Schärfste“: „Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen sind absolut inakzeptabel“, sagte sie und fordert Konsequenzen. Deutliche Kritik an der Partei kommt von den möglichen Koalitionspartnern Grüne und SPD. Auf eine Anfrage von WELT reagierte die Pressestelle der Berliner Linken bis Redaktionsschluss nicht.

Nicht alle im Umfeld der Linken zeigen sich einsichtig. Die Bundestagsabgeordnete Lea Reisner, „Sprecherin für internationale Beziehungen“, schrieb auf X: „Israel begeht mit deutschen Waffen einen Genozid, deutsche Medien skandalisieren Künstler, die das benennen“ (sic). Und weiter: „Wir müssen demokratische Errungenschaften, wie etwa die Kunstfreiheit, dringend gegen autoritäre Kräfte verteidigen!“

Auch Jorinde Schulz, Vorsitzende des Neuköllner Kreisverbands und Vorstandsmitglied des Landesverbands, stellte sich gegenüber dem rbb demonstrativ hinter den Rapper: Er habe sich auf der Bühne klar positioniert – „gegen Nazis, gegen Dschihadisten und gegen die israelische Armee, die aktuell mitverantwortlich ist für einen Genozid“. Zum Titel seines Songs „Stop the Genocide“ sagte sie, die Partei stünde „uneingeschränkt dahinter“.

Die „Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität“ der Berliner Linken geht noch einen Schritt weiter, sie spricht in einem Instagram-Post von einer „Hetzkampagne“ der „Springerpresse“ und schreibt: „Wir stehen an der Seite unseres Genossen Dahabflex und unserer Genoss:innen in Neukölln!“

Leander F. Badura ist Volontär an der Axel Springer Academy of Journalism, aktuell im WELT-Ressort „Nachrichten und Gesellschaft“.

Nicholas Potter ist Chefreporter von WELT, POLITICO und Business Insider.

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