Kultur

Expertin warnt – komplette „Datafizierung“ unserer Idee von Intelligenz werde sich rächen

Expertin warnt – komplette „Datafizierung“ unserer Idee von Intelligenz werde sich rächen

Hier erscheint unsere monatliche Empfehlungsliste. Experten einer unabhängigen Jury küren die zehn „Sachbücher des Monats“ aus Geistes-, Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Im September lohnen sich:

1. Gisela Schmalz:

Fetisch Intelligenz. Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt, Berlin Verlag, 288 Seiten, 24 Euro*

„Warum gelten so viele Kinder in meinem Umfeld auf einmal als hochbegabt oder weisen kognitive Besonderheiten auf? Was soll die übertriebene Fokussierung auf Intelligenz?“ Das fragt Gisela Schmalz in ihrem aktuellen Buch „Fetisch Intelligenz“. Die Publizistin lehrt als Professorin für Digital Business an der Londoner Kingston-Universität.

Tatsächlich geben einem zwei paradoxe Entwicklungen gleichermaßen zu denken: Zum einen gibt es die Bestnoten-Inflation im Abitur, zum anderen lesen wir immer öfter, dass die Masse der heutigen Studenten kaum noch hochschulreif sei. Auch machen seit Jahren Meldungen um einen sinkenden Intelligenzquotienten (IQ) die Runde. Demnach schnitten Menschen bei Intelligenztests von Generation zu Generation lange Zeit besser ab. Doch seit einigen Jahren kehre sich der Trend um. Schon fragen Wissenschaftsjournalisten, woran das liegen könnte.

Genau an dieser Stelle interveniert die Streitschrift von Gisela Schmalz. Die Kingston-Professorin sieht unsere alleinige Definition von Intelligenz durch IQ-Tests als Einfallstor für Manipulation in Gesellschaftsbereichen wie Bildung, Beruf oder Strafjustiz. Intelligenz sei nicht mehr als das, was IQ‑Tests messen, habe man 1923 – kurz nach Erfindung des IQ-Tests – noch gespöttelt. Heute, mehr als 100 Jahre später, scheine man sich „mehr denn je auf IQ‑Messungen und -Vergleiche zur Bestimmung von Intelligenz zu verlassen. In unserer datafizierten oder dateninfizierten Gegenwart ist es mit der Ironie vorbei.“

Aktuell beobachtet Schmalz einen neuen „Intelligenzhype“, ausgelöst durch den KI-Boom. Schmalz warnt: „Wer das komplexe Bündel Intelligenz auf eine eindimensionale Definition oder einen numerischen Wert wie den IQ herunterkocht, kann ‚Intelligenz’ zur Erreichung bestimmter Ziele instrumentalisieren.“ Die Autorin erinnert an die historische Aussortierung und Zwangssterilisation von Menschen mit geringem IQ. Sie sieht aktuell vor allem zwei Konfliktfelder: die wieder stärkere Aussortierung von lernschwachen Kindern aus der normalen Schule – und den Machtzuwachs des Konzepts Intelligenz durch den wachsenden Einfluss von KI. Ein Themenfeld, das weiter zu diskutieren ist und mit dem Buch von Rüdiger Safranski auch auf Platz 3 der Liste Niederschlag gefunden hat.

2. Didier Eribon:

Michel Foucault. Eine Biografie. Erweiterte Neuausgabe. Übersetzt von Hans-Horst Hensche et al. Suhrkamp, 639 Seiten, 38 Euro*

Am 15. Oktober wäre der französische Denker 100 geworden. Pünktlich zum Jubiläum legt Suhrkamp diese erstmals 1991 erschienene Biografie wieder auf, deren Verfasser inzwischen selbst berühmt geworden ist.

3. Rüdiger Safranski:

Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz. Hanser, 111 Seiten, 22 Euro*

Sigmund Freud hat drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus ausgemacht. Die Künstliche Intelligenz ist die vierte. Von jetzt an geht der tote Geist unter uns Menschen um, argumentiert der Schriftsteller Rüdiger Safranski. Lesen Sie hier Safranskis Gastbeitrag zum Thema.

4. Åsne Seierstad:

Der Krieg ist anderswo. Russland von innen. Übersetzt von Anja Lerz. Hanser, 607 Seiten, 32 Euro*

Nach dem Überfall auf die Ukraine ist der norwegischen Autorin Åsne Seierstad klar: Sie muss nach Russland und herausfinden, was die Menschen denken. Sie trifft Kreml-Insider und Putin-Fans, Ex-Soldaten und Kriegsgegner – und viele ganz normale Russen. Ein Meisterwerk der Reportage, befand unser Kritiker Richard Kämmerlings. Lesen Sie hier die ausführliche Buchbesprechung.

5. Steve Ayan:

Die Revolutionäre des Ich. Und die Erfindung des modernen Selbst. DTV, 333 Seiten, 26 Euro*

Der Wissenschaftsjournalist porträtiert Karen Horney, Erich Fromm, Paul Watzlawick und Alice Miller – vier Ikonen der modernen Psychologie. In Zeiten, in denen ‚psychisch lädiert’ das neue Normal ist, sollte man sie wiederentdecken.

6. Avner Ofrath:

Israel, Palästina, Deutschland. Versuch einer Entwirrung. Suhrkamp, 176 Seiten, 16 Euro*

Der an der Freien Universität Berlin lehrende Historiker Ofrath argumentiert, dass es seit dem 7. Oktober 2023 sehr viel schwieriger geworden sei, sich kritisch mit dem „Siedlerkolonialismus“ auseinanderzusetzen. Ofrath verwendet den Begriff in Anführungszeichen, weil man Israel und den jüdischen Kolonialismus nicht mit dem europäischen Kolonialismus gleichsetzen könne. Es scheint allerdings fraglich, wie sehr der postkoloniale Diskurs, der im Blick auf Israel global dominiert, überhaupt noch Wert auf Differenzierungen legt.

7. Marlen Hobrack:

Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft. HarperCollins, 238 Seiten, 24 Euro*

Ein Fünftel der Frauen in Deutschland bleibt kinderlos – und da sind die vielen jungen Frauen, die sich gerade gegen Kinder entscheiden, gar nicht eingerechnet. Warum aber wollen sie keine Kinder? Höchste Zeit, zu sagen, wie es ist. Lesen Sie hier einen Auszug aus Marlen Hobracks Buch.

8. Robert Misik:

Erziehung zur Grausamkeit. Suhrkamp, 200 Seiten, 18 Euro*

Geht denn nichts mehr ohne F wie Faschismus? Der Wiener Publizist liest einen Brecht-Essay aus den 1920er Jahren – und sieht uns mit Bertolt Brecht auf ein neues Zeitalter der Massenlenkung zudriften.

9. Navid Kermani:

Köln. E Jeföhl. C. H. Beck, 175 Seiten, 23 Euro*

Kölnhasser gibt es viele. In Navid Kermanis „Liebeserklärung“ an die Stadt werden sie paradoxerweise eine Menge Argumente für ihre Verachtung finden. Lesen Sie hier die ausführliche Buchbesprechung.

10. Andreas Folkers:

Fossile Moderne. Eine Naturgeschichte der Gegenwart, Suhrkamp, 500 Seiten, 28 Euro*

Freiheit und Fortschritt, Krieg, Kolonialismus und Kapitalismus: Alles basiert auf Kohle. Ein Buch für alle, die vom CO2-Diskurs immer noch nicht genug haben.

Die Extra-Empfehlung:

Neben den zehn Favoriten der Jury kommt jeden Monat eine Extra-Empfehlung von einem Gast. Dieses Mal von Prof. Joachim Treusch (Bremen). Er empfiehlt:

Christian Spiering: Das seltsamste Teilchen der Welt. Hanser, 332 Seiten, 28 Euro*

„Gehören Sie auch zu den gut 99 Prozent der Menschen, denen die Physik und jene, die sich ernsthaft mit ihr beschäftigen, schwer verständlich, manchmal merkwürdig, kurz: seltsam vorkommen? Dann sollten Sie sich dieses Buch spätestens zu Weihnachten wünschen und dann in Ruhe lesen. Aus der Jagd nach dem Neutrino macht der Autor, selbst ein international anerkannter Experte auf diesem Gebiet, einen spannenden Krimi. In dem wird deutlich, was die Menschen antreibt, die den Geheimnissen der physikalischen Welt als wissenschaftliche Detektive auf der Spur sind, und dabei viele Höhen und Tiefen erleben.

Allein die ersten 100 Seiten zu lesen, den Lebenslauf der wunderbar klugen Lise Meitner und den des erstaunlichen, von allen bewunderten Genies Wolfgang Pauli, lohnt die Lektüre. Sie werden das Buch danach nicht aus der Hand legen. Manches Ihrer bisherigen Urteile werden Sie bestätigt finden, aber auch viele der Personen auf der Bühne dieses meisterlich komponierten Romans werden Ihre Sympathie finden, so wie das Neutrino Ihre Neugier wecken wird. Übrigens: Auch Physikerinnen und Physiker werden diesen Wissenschaftskrimi mit Gewinn lesen.“ (Joachim Treusch)

Die Jury der Sachbücher des Monats:

Tobias Becker, Der Spiegel; Natascha Freundel, radio 3 vom rbb; Dr. Eike Gebhardt, Berlin; Knud von Harbou, Feldafing; Prof. Jochen Hörisch, Universität Mannheim; Günter Kaindlstorfer, Wien; Dr. Otto Kallscheuer, Sassari, Italien; Petra Kammann, FeuilletonFrankfurt; Jörg-Dieter Kogel, Bremen; Dr. Wilhelm Krull, Hamburg; Marianna Lieder, Berlin; Lukas Meyer-Blankenburg, Redaktion Das Wissen, SWR; Gerlinde Pölsler, Der Falter, Wien; Marc Reichwein, DIE WELT; Thomas Ribi, Neue Zürcher Zeitung; Prof. Dr. Sandra Richter, Deutsches Literaturarchiv Marbach am Neckar; Wolfgang Ritschl, ORF Wien; Florian Rötzer, krass-und-konkret, München; Norbert Seitz, Berlin; Mag. Anne-Catherine Simon, Die Presse, Wien; Prof. Dr. Philipp Theisohn, Universität Zürich; Dr. Andreas Wang, Berlin; Prof. Dr. Harro Zimmermann, Bremen; Stefan Zweifel, Zürich. – Die Redaktion der Jury-Voten liegt bei Andreas Wang.

* Dieser Text enthält Affiliate-Links. Sollten Sie über die mit einem Stern gekennzeichneten Links einen Kauf abschließen, erhält WELT eine geringe Provision. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit

Vielleicht verpasst