Das war eine gute Woche für alle, die schon länger finden, dass der Planet Erde als Wirtschaftsstandort heillos überschätzt ist. Ein Himmelskörper mit knapp 200 Staaten, jeder mit eigenem Rechtssystem, lässt selbst den Schrecken eines bürokratischen Ungetüms wie der EU verblassen. Das Weltall hingegen wird von erhabenen Naturgesetzen reguliert. Abgesehen von der gelegentlichen Supernova läuft der Betrieb angenehm geräuschlos. Im Gegensatz zum deutschen Steuerrecht passt Einsteins Relativitätstheorie auf einen Bierdeckel.
So war denn der erdnahe Orbit Partygespräch Nummer eins. Elon Musk hat SpaceX an die Börse gebracht – Bewertung: drölfzig Fantastillionen –, und Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA), Deutschland müsse in ebendiesen Bereichen wieder führend werden. Musk befeuerte die Vorstellungskraft zahlloser Kleinanleger mit der Ankündigung, eine Million KI-Satelliten ins All zu schießen. Merz hingegen forderte eine „Luftfahrtstrategie aus einem Guss“. Gemeint ist vermutlich Bronzeguss.
Dabei ist auf interessante Weise offen, welche Strategie am Ende obsiegt, Merz’ mondstaubtrockener Pflichtbewusstseins-Vibe oder Musks psychedelisch-kapitalistischer Größenwahn. Der eine verspricht freischwebendes Bewusstsein, Stichwort „orbital brains“ (orbitale Gehirne), der andere ressortübergreifende Arbeitsgruppen. Los gehen soll es hierzulande dem Vernehmen nach mit der deutschen Kerntechnologie des Luftschlosses.
Das hat erstaunliche Überschneidungen mit Musks Vorhaben, das Denken in die Thermosphäre auszulagern. Gekühlt werden sollen seine KI-Satelliten mit Weltraumkälte. Die Solarpanels sollen aus Mondstaub zusammengeklöppelt werden. Sogar eine eigene Abschussrampe auf der Mondoberfläche ist geplant. Auf den ersten Marketingfotos sieht sie aus wie eine überdimensionierte Kegelbahn, was sie auch den technologieskeptischen Deutschen schmackhaft machen könnte. Jedenfalls ein schöner Gedanke, dass unser smarter Kühlschrank die Milch demnächst über ein neuronales Netz im Asteroidengürtel bestellt. Dumm nur, wenn das orbitale Gehirn wegen eines fehlerhaften Software-Updates plötzlich denkt, es sei ein Thermomix.
Derweil konzentriert sich der Ehrgeiz des Berliner Kabinettsbeschlusses auf rhetorische Spitzentechnologie. Von „Steuerungskreisen“, „Förderinstrumenten“ und „strategischer Neuausrichtung“ ist die Rede. Die größten Würfe sind angekündigte Entlastungen bei Flugsicherungsgebühren und eine Senkung der Luftverkehrsteuer. Während der SpaceX-Börsengang Musk zum ersten Billionär der Geschichte macht, prüft Deutschland, ob der Förderaufruf Luftfahrtforschungsprogramm (LuFo) ordnungsgemäß gegendert wurde.
Aber vielleicht ist eine Zusammenarbeit nicht ausgeschlossen. Unter Friedrich Merz, dem Captain Future aus dem Sauerland, würde der Mars weniger kolonisiert als erschlossen: mit Planfeststellungsverfahren, Mittelstandsbeauftragtem und einer Abteilung für außerirdische Lieferkettenresilienz. Das wäre doch auch eine Vision: Wenn Deutschland schon keine Digitalisierung auf der Erde hinbekommt, installieren wir die Faxgeräte eben im Weltall. Die Bundeswehr sichert die Ostflanke der NATO fortan mit der bewährten Abfangtechnologie der Gorch Fock. Und Musk liefert die KI, die ausrechnet, ob der Transrapid zum Münchner Flughafen nicht doch eine gute Idee gewesen wäre.
Wenn wir Friedrich Merz wären, auch weil es hier unten für ihn ja gerade nicht so läuft, würden wir uns vorsorglich um einen Posten in Musks intergalaktischem Aufsichtsrat bewerben. Zuständigkeitsbereich: Kehrwoche in der Mars-Basis Alpha.