Kultur

Ein Beckmann an der Wand ist noch immer ein Ereignis

Ein Beckmann an der Wand ist noch immer ein Ereignis

Mit seiner markanten Gegenständlichkeit lag das Werk des Malers Max Beckmann schon immer im Zielgebiet von Sammlern und Fans einer gemäßigten Moderne. Mehr noch als im Museum, wo die eindrücklichen Bilder den unaufhaltsamen Fortschrittsweg der Gegenwartskunst eher zu unterbrechen scheinen, spielen sie ihre Trümpfe im privaten Rahmen aus. Wenn man jetzt das Baseler Luftgässlein entlangspaziert und im bürgerlichen Filialhaus des weltweiten Galerieunternehmens Hauser & Wirth sich die Beckmann-Bilder an den Wänden zeigen lässt, dann fühlt man sich wie bei einem stolzen Kunstsammler zu Gast.

Die Ausstellung – ein großmaschiger Werküberblick – ist eine kleine Sensation: Zeigt sie doch nicht zuletzt, dass der millionenteure Beckmann gut 75 Jahre nach seinem Tod immer noch mit Bildern auf dem Markt ist, die sich heute kaum ein Museum leisten könnte. Neben kapitalen Arbeiten aus Privatbesitz besticht besonders die Auswahl, die Mayen Beckmann aus ihrer Kollektion beigesteuert hat. Die Enkelin, studierte Kunsthistorikerin, gehört zu dem Team, das sich seit Jahren um die wissenschaftliche Erschließung des immensen Werks bemüht.

Kernstück ist der aktualisierte Werkkatalog, den sie zusammen mit Jana Diermann und Siegfried Gohr erstellt hat. Herausgegeben von der privaten Kaldewei Kulturstiftung, zeugt er dickleibig vom enormen Bilderfleiß des Malers und darf digital als allerbeste Informationsbank gelten. Auch das gehört zum gutbürgerlichen Schicksal des Werks, dass sich die Erben, die Beckmann-Frauen Minna Tube und Mathilde „Quappi“ Kaulbach neben dem Sohn Peter, weitgehend einig waren und alle Anstrengungen auf die Pflege des enormen Nachlasses richteten.

Klickt man den digitalen „Catalogue Raisonné der Aquarelle und Pastelle“ an, stößt man gleich zu Beginn bei der Nummer „MB-A/P 004“ auf ein „Selbstbildnis mit Seifenblasen“, dem man jetzt in der Ausstellung bei Hauser & Wirth wiederbegegnet. Das kleine Bild, um 1900 entstanden, der Künstler war gerade sechzehn Jahre alt, zeigt schon Formen der typischen Selbstinszenierung, wie sie Beckmann zu einsamer Meisterschaft bringen sollte. Groß im Profil, die Landschaft wie ein machiavellistischer Fürst beherrschend, den Seifenblasen nachträumend, die vor ihm schweben.

Beckmann: schulterstark, stimmgewaltig, kampfbereit

Kein zweiter Maler hat sich so selbstbewusst in die Kunstgeschichte eingeschrieben, in allen dramatischen Spielberichten vom Welttheater sich selbst als Hauptdarsteller gesehen. Und wenn seine Bilder auch von den Abgründen des Lebens erzählen, dem Erzähler sollte keine Erschütterung anzumerken sein. In einer Epoche beschädigter Männlichkeit erscheint das virile Ahnenbild eines Max Beckmann wie ein wehmütiger Gruß aus stabileren Zeiten.

Der Mann war eben noch wirklich ein Mann – Raucher, feiner Herr, anders hat er sich nie gemalt, und gemalt hat er sich dauernd. Zur Baseler Auswahl gehört auch ein „Selbstbildnis auf Grün mit grünem Hemd“ (1938), das auch als lebenslanges Passbild gelten könnte. Jedenfalls ein Maler, vom Habitus grundgeeignet für Vater- oder Führerrollen: eitel, schulterstark, stimmgewaltig, kampfbereit.

Als Beckmann im Dezember 1950 in New York verstarb, mischte sich in die Verneigung vor dem Lebenswerk auch ein wenig Verlegenheit. Einer von gestern war gegangen, einer aus der Heldengeneration, den die Diffamierung der Nazis ins Exil getrieben hatte und der nach Kriegsende keinerlei Anstalten machte, nach Deutschland zurückzukehren. In Amerika war er ein Star, dessen Ruf auch mit dem Aufkommen der New York School intakt blieb. In der alten Heimat war sein Stern verblasst.

Der bundesdeutschen Kunstelite, die mit emphatischer Pflichtschuldigkeit dabei war, ihren Schwenk zur Abstraktion zu tun, war das gegenständliche Erbe eines Beckmann eher peinlich. Otto Dix und Erich Heckel ging es nicht anders. Es hat noch eine ganze Weile gebraucht, bis der museale Rang der 1920er-Jahre-Malerei neu bewertet wurde, und das zeigende, erzählende, diskursive, an seiner Zeichenhaftigkeit interessierte Bild wieder in den Ausstellungsbetrieb zurückkehrte.

Mit ihrem Vorrang an Figurenbildern gibt die Schau tiefe Einblicke in das Rollen-Set, das dem Maler für sein Welttheater zur Verfügung stand. Ob Selbstbildnis oder Porträt, ob Aktbildnis oder Gruppenauftritt: Immer gewinnen die Figuren gleich Zeichencharakter, spielen in einem Stück, das bei allen Nachtseiten, von denen es handelt, immer auch eine kernige Zuversicht bewahrt, die sich vor allem in der malerischen Textur beglaubigt. Wenn man an das Flirrende, Huschende bei Emil Nolde denkt, an das neurotisch Zackige bei Ernst Ludwig Kirchner, dann ist bei Beckmann alles feste Form.

Selbst wenn sich die Bäume biegen und die Figuren mit ihren angespannten Gliedern wirken, als seien sie zum Stresstest angetreten, dann steht einem auch das mit Gravität vor Augen. Ein grandioses Beispiel ist die „Erschrockene“ (1947), vielleicht das Krönungsbild der Ausstellung. Wer sie an der Wand hat, muss sie wie einen Einbauschrank erleben. Wo man sie abnehmen würde, wäre ein Loch.

Der Galeriedirektor Carlo Knöll, der die Ausstellung mit Mayen Beckmann kuratiert hat, hatte den klugen Einfall, eine Handvoll aktiver Künstlerinnen und Künstler ihr Verhältnis zum urdeutschen Maler erzählen zu lassen. Allen voran gibt William Kentridge eine spannende Lektion, in der er eine 1930er-Jahre-Arbeit Motiv um Motiv nach kunstgeschichtlichen Spuren absucht und zeigt, wie Beckmann dem dekonstruierten Bildraum der Moderne seine eigenen Raumvisionen entgegenstellt.

Der Maler, der sich in den 1910er-Jahren mehr und mehr die Rolle eines bekennenden Antimodernisten angeeignet hat, braucht die Mittel der neu entdeckten Abstraktion nicht, um die illusionären Rauminformationen fast gänzlich zu tilgen. Die Gegenstände bilden bei Beckmann ihre eigene Bühne, folgen ihrer eigenen Raumlogik, organisieren sich nach einem eigenen Flächenkonzept.

Inzwischen ist das Beckmann-Copyright erloschen – was dem Marktwert eher Auftrieb gibt. Der familieneigene Bilderbesitz muss, wie die Ausstellung illustriert, erheblich sein. Nicht wenige Arbeiten hängen als Leihgaben in Hamburg und Leipzig. Bilder aus Privatbesitz in den USA ergänzen die millionenschwere Schau. Wenn man vor dem schlanken Bildnis der „Quappi Beckmann“ steht und sich erinnert, dass eine verwandte „Quappi“ bei Grisebach für 4,4 Millionen Euro versteigert worden ist, kann man ermessen, was hier an den Wänden hängt. Aber auch wer mittellos durchs Luftgässlein spaziert, kommt drinnen bei Hauser & Wirth sehr auf seine Kosten.

Max Beckmann, bis zum 11. Juli 2026, Galerie Hauser & Wirth, Basel

Max Beckmann, bis zum 11. Juli 2026, Galerie Hauser & Wirth, Basel

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