Kultur

Der MDR hat den Osten schon aufgegeben

Der MDR hat den Osten schon aufgegeben

Bevor wir uns an dieser Stelle total echauffieren, bleiben wir mal bei den nüchternen Zahlen. Vier Sonntagabendkrimis produziert der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) im Durchschnitt im Jahr. Die Polizeireviere sind – nachdem das wunderbare Hallenser-Duo Peter Schneider und Peter Kurth vorzeitig und ohne Not in Rente geschickt wurde – in Magdeburg („Polizeiruf“ mit Claudia Michelsen als Kommissarin Brasch) und Dresden („Tatort“ mit Martin Brambach als Kommissar Schnabel und Cornelia Gröschel als Kommissarin Winkler).

Sie haben – im linearen Fernsehen, die Mediathek-Abrufe nicht mitgerechnet – am jeweiligen Sendetag um die acht Millionen Zuschauer („Das Kanu des Manitu“ hatte im kompletten Jahr 2025 an der Spitze der Kinocharts für deutschsprachige Filme fünf Millionen). Zwei Millionen Euro kostet ein Sonntagabendkrimi im Durchschnitt (rund 15 Millionen waren es beim „Kanu“). Gut eine Million davon bleibt jeweils als Ausgaben für regionale, lokale Schauspieler, Hotels, Handwerker und Catering in der Region.

Nun hat der MDR mit Hinweis auf die ohnehin angespannte Finanzlage und die nicht gesicherte Gebührenerhöhung beschlossen, die Produktion von Sonntagabendkrimis für drei Jahre auszusetzen. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, sich aufzuregen. Darüber, dass der MDR den ohnehin klammen mitteldeutschen Regionen in den kommenden Jahren sechs Millionen an Umwegrentabilität entziehen, Handwerksbetriebe ruinieren, jungen Schauspielern Karrierewege blockieren will. Darüber, dass er die drei Bundesländer, für die er verantwortlich ist, als Produktionsstandort marginalisiert und der ohnehin schon fortschreitenden Konzentration der Fernsehproduktion auf die Metropolregionen Köln, Hamburg, Berlin und München Vorschub leistet. Darüber, dass der MDR öffentlich erklärt, dass ihm 96 Millionen Zuschauer wurscht sind.

Vor allem aber, dass er sich und im Prinzip den kompletten Osten (der RBB produziert zwar auch bis zu vier Sonntagabendkrimis im Jahr, zwei davon allerdings sind Berlin-Krimis) unsichtbar macht. Unterrepräsentiert waren die gar nicht mehr neuen Bundesländer im ARD-Programm immer schon – von gut 40 Sonntagabendkrimis im Jahr verhandelten im Durchschnitt gerade mal sechs ostdeutsche Geschichten. Schon darauf, auf die Sichtbarkeit, aufs Öffentlichmachen des spezifisch Ostdeutschen zu verzichten, ist ein eklatantes Vergehen gegen den Senderauftrag von RBB und MDR.

Und die Einzigen, die sich darüber wirklich freuen und bei denen wahrscheinlich die Krimsektkorken geknallt haben, sind Mitglieder einer Partei, die notorisch schlecht wegkam in den Mord-und-Totschlag-Geschichten von Dresden und Magdeburg und die nicht die Bohne interessiert ist an einer irgendwie gearteten Widerspiegelung gesellschaftlicher Gegebenheiten und Veränderungen im Osten und deren Folgen für die Menschen. Was ja streng genommen der Erzählauftrag der Abteilung Fiktion im MDR ist.

Wenn man dem MDR ganz übel wollte, könnte man angesichts der anstehenden Landtagswahlen und des Hasses gegen die Öffentlich-Rechtlichen jener rechtsextremen Partei, die sie wahrscheinlich gewinnen wird, denken, das Pausieren von „Polizeiruf“ und „Tatort“ wäre nichts anderes als ein Selbstmord im Angesicht der Schlange.

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