Noch kein Wagner, nirgends.
Stellen Sie sich Bayreuth als mittelgroße Stadt vor, eine hübsche Innenstadt, durch die Fußgängerzone fließt ein kleiner Bach durch ein Steinbett, in dem Kinder spielen. Eine Gruppe Mädchen versucht irgendetwas, das man vielleicht als Flashmob bezeichnen könnte. Sie haben Schuhkartons in den Händen. Ein Gitarrist beginnt, eine Melodie zu spielen, der Chor stimmt ein, wechselt ein paar Mal die Positionen. Niemand hört weg, aber es hört auch niemand richtig zu. Die Mädchen gehen, was in den Schuhkartons ist, werden wir nie erfahren.
In meinem Hotel, dem „Lohmühle“, checkt ein Pärchen ein, Motorradfahrer, nur für eine Nacht. Kein Problem, ein Zimmer zu bekommen. Neben mir parkt eine Dame ihr E-Auto an der Ladesäule. Nur für eine halbe Stunde, sagt sie, das mache sie immer so, weil es so praktisch ist.
Ab morgen wird das unmöglich sein. Während der Festspiele sind alle Hotels ausgebucht, die Zimmer und die Parkplätze auch.
Jetzt aber gehört Bayreuth noch den Bayreuthern. Neben mir sitzen zwei Freundinnen mit ihren Kindern. Die Frauen trinken Aperol und essen Nürnberger Rostbratwürstchen.
Für mein Abendessen im Hotel brauche ich keine Reservierung. Allerdings macht es erst um 18 Uhr auf, für den Ankunftsschluck muss ich ins Brauhaus. Die anderen Gäste haben leichtes Gepäck. Kleine Koffer, Tagesausrüstungen. Morgen werden die ersten SUVs und Limousinen kommen, aus ihren Kofferräumen werden Anzugtaschen und schwere Abendkleider in die Zimmer getragen, Hügel-Ausrüstungen.
Die Leute im Brauhaus reden über alles und jeden, aber nicht darüber, ob die „Rienzi“-Premiere unerhört oder genial war, ob die Künstliche Intelligenz das Theater befruchten oder zerstören würde. Nicht darüber, wie lange Vogt bei Stimme bleiben könnte, bei diesem Mammut-Programm. Weil er ja schon im letzten Jahr in der großen Florestan-Arie mit der Höhe Schwierigkeiten bekam.
Man spricht Deutsch. Nicht Japanisch, Englisch, Spanisch.
Ich bin in einer Halbwelt. Noch habe ich die Alltags-Wirklichkeit nicht hinter mir gelassen, antworte auf Mails, telefoniere, mache „Calls“ und „Meetings“. Die Abwesenheitsnotiz „Bin in Bayreuth“ wird von der strengen Freundin als harsch empfunden und ist doch in Wirklichkeit so viel mehr – die Sehnsucht nach Selbstversenkung, Eskapismus und Erkenntnisgewinn. Es ist schwer zu erklären, wie robust Bayreuth den Schalter umlegt, wie eine Welt eine andere in jeder Konsequenz ersetzt.
Das ist auch hart für die Familie. Zehn Tage in den Sommerferien ohne den Papa sind für Ehefrau und Töchter eine egoistische Zumutung. Klar. Danke für Euer Verständnis.
Der Kollege Brug ruft an, wir schmieden Pläne, was wir schreiben, wer für welches Detail verantwortlich ist, wann wir uns dann endlich mal in aller Ruhe zum Mittagessen (niemand hier würde „Lunch“ sagen) verabreden. Sonntag – nein, Friedman. Montag – ach, Kinderoper. Vielleicht Dienstag vor der „Walküre“…
Die Sonne kommt raus, schiebt sich zwischen ein paar Puderwolken, der Himmel ist jetzt fränkisch blau-weiß. Als ob das Wetter genauso auf Festspiele umschaltet. Über 30 Grad wird es wohl werden in der ersten Festspielwoche, das Festspielhaus und die Fußgängerzone mit ihren hellen Steinhäusern werden zu einem Brutkasten werden.
Noch werden Nachrichten gelesen. Nina Warken soll Kanzleramtsministerin werden. Noch ärgert man sich über Lars Klingbeil, der uns Leistungsträgern und Extremsteuerzahlern Rolex (habe ich) und Porsche (interessiert mich nicht) wegnehmen möchte, damit Mandy einen neuen UHCD+-Fernseher bei Medimax kaufen kann, obwohl Benzin jetzt ein bisschen mehr kostet.
Heute Abend esse ich Schäufele in der „Lohmühle“, das ist Tradition, allein am Tisch, gegenüber der Wand, an der die Fotos all der Heldinnen und Helden des Hügels hängen, die hier wohnten in all den Jahrzehnten. Ein Nachtisch vielleicht, ein Schlummer-Schluck aus dem Bocksbeutel. Die Stadt, in der ich erwachen werde, ist ein anderes Bayreuth.
Eine andere Welt. Eine bessere Welt, eine Welt, die sich aufbäumt gegen Dummheit und Kulturlosigkeit. In der Diskussionen, die jenseits von Hatz und Hetze und der Blödheit von Twitter und Co. geführt werden, sondern von Angesicht zu Angesicht. Mit offenstem Visier. Weil man sich gegenübersitzt.
Dafür braucht so eine Welt einen Ort.
Bayreuth ist heute noch eine sympathische, nette, fränkische Stadt. Morgen ist sie Labor. Nicht nur für Wagner, sondern darüber, wie wir leben wollen.
Mein Live-Ticker startet am Freitag um zwölf Uhr.