Beinahe wäre die in der Havel zwischen Berlin und Potsdam gelegene Pfaueninsel das brandenburgische Murano geworden. Denn im 17. Jahrhundert, als Venedig das Zentrum der Glaskunst war, trat ein selbstbewusster Alchemist im Dienst des Kurfürsten Friedrich Wilhelm den Versuch an, es den Glasbläsern in der Lagune gleichzutun – und aus Sand und Goldstaub leuchtendes Rubinglas zu erschaffen. Zumindest Ersteres gab es in Brandenburg bekanntlich reichlich.
Florian Illies erweckt in „Träume aus Feuer“ die historische Figur des Johannes Kunckel zum Leben. „Die Hoffnung der Landesherren, dass ihre Alchemisten in ihren Laboratorien irgendwann das Rezept für Gold finden würden, kannte Kunckel schon seit Kindertagen“, schreibt Illies. Und tatsächlich war der 1635 auf der Glashütte Ascheberg bei Plön geborene Sohn eines Glasbläsers schon an den Höfen in Dresden und Wittenberg tätig gewesen, ehe er 1678 die Potsdamer Glashütte in Drewitz übernahm. Gold aus niederen Metallen erschaffen, das wollten alle Regenten jener Zeit. Und mit seinem Buch „Ars Vitraria experimentalis“ hatte Kunckel auch Friedrich Wilhelm neugierig gemacht. Schon bald durfte er die zweite Glashütte in Potsdam öffnen.
Doch Johannes Kunckel war für die Alchemie schon viel zu skeptisch, für die wissenschaftliche Chemie aber noch etwas zu früh geboren. Der Große Kurfürst traute ihm aber so ziemlich alles zu und schenkte ihm 1685 die Pfaueninsel, auf dass er dort experimentieren konnte. Die Pfaueninsel hieß damals noch Pfauen-Werder, obwohl noch gar keine Pfauen dort lebten und es die Architektur-Follies, mit denen sie heute Besucher lockt, auch noch nicht gebaut waren. Stattdessen, so erzählt Illies, hoppelten die aus einer höfischen Zucht ausgebüxten Kaninchen durch die mit alten Eichen bestandene Wildnis des Havel-Eilands.
„Die Pfaueninsel im Februar, das ist ein Ort absoluter Tristesse“, lässt Illies seinen Kunckel sinnieren, sie ist aber auch „seine Lizenz zum Träumen“. Verglichen mit heutigen Baumaßnahmen ging es dann trotz brandenburgisch typisch langem und kaltem Winter schnell, einen Bauplatz zu roden, Öfen zu bauen, Gebäude für die Glasarbeiter, die mit ihren Familien auf die Insel zogen, zu errichten, nebenbei Felder anzulegen und sogar eine Mühle zu bauen, um das angepflanzte Korn zu mahlen.
Kunckel betätigte sich derweil als Alchemist, sozusagen rückwärts, indem er „eigentlich das Gold verschwinden lässt. Um es auf ganz andere, zauberhafte Weise in Rot wiederauferstehen zu lassen.“ Er konnte noch nicht wissen, dass beim Zerreiben von Golddukaten, dem Einschmelzen des Goldstaubs im Glas und dem mehrmaligen Wiedererhitzen der Masse zuerst eine Oxidation und dann eine Reduktion zu elementarem Gold stattfindet, welche die Brechung des erkalteten Glases derart magisch beeinflusst, dass es bestenfalls rubinrot leuchtet.
Friedrich Wilhelm ist jedenfalls begeistert, kam mit immer neuen Gestaltungswünschen. Doch Kunckels Magie und des Kurfürsten Gunst weckten auch Neider. Nur zwei, drei Jahre lang ging alles gut, dann überschlugen sich die Ereignisse, eine Tragödie folgte der nächsten, und 1688 gingen Kunckels Glashütten in Flammen auf. Der Alchemist saß auf einem Ascheberg – und auf einem Schuldenberg. 1692 ging er an den schwedischen Hof und konnte König Karl XI. anscheinend wiederum von seinen Fähigkeiten überzeugen, wurde er doch bald darauf in den Adelsstand erhoben.
Etwas redundant erzählt, auf gut 140 Seiten, bringt Illies einmal mehr auf den Punkt, wie man Kulturgeschichte popularisiert. Denn der Fall Kunckel war bislang nur Fachkundigen bekannt; nur bei wenigen Gläsern – fünf an der Zahl, die heute im Naturalienkabinett von Schloss Waldenburg in Sachsen aufbewahrt werden – ist heute seine Urheberschaft bezeugt. Der Anschlag auf Kunckels Unternehmergeist hat dem barocken Preußen nicht nur die Zauberkraft des künstlerischen Glases ausgetrieben, sondern auch einen potenziellen Exportschlager genommen. Mit Murano in der Havel wurde es bekanntlich nichts. Ob es Sabotage auf allerhöchste Order war? Das verliert sich im Dunkel der Zeit.
Florian Illies: Träume aus Feuer. Der Alchemist von der Pfaueninsel. Pfaueninsel Verlag, 144. Seiten, 20 Euro.