Die Idee von Pop-up-Ausstellungen war einmal revolutionär. In Berlin stand sie für die Aufbruchstimmung der 1990er und frühen 2000er Jahre, als jeder Leerstand zur Ausstellungsfläche wurde. Es fing an in verwahrlosten Hinterhöfen und reichte über ehemalige Fabriken, Stasibüros und Schwimmbäder bis hin zum Palast der Republik. Kurz vor dem Abriss von „Erichs Lampenladen“ fand dort noch einmal schnell eine Ausstellung statt, die weder ein Thema noch einen Kurator brauchte – die Räume selbst waren die perfekte Kulisse für alles, was die damals interessantesten Berliner Künstler dort einbrachten.
Die Qualität der einzelnen Werke war ein bisschen egal, es sah einfach alles toll aus an diesem geschichtsträchtigen Ort, durch den man nun hindurchspazieren durfte wie durch eine Zeitmaschine. Es war die Ära, als sich Berlin noch spannend anfühlte und scheinbar alles möglich war – wobei der bevorstehende Abriss dieses historisch und architektonisch einzigartigen Gebäudes bereits andeutete, worauf die deutsche Hauptstadt sich zubewegte, nämlich auf diese schwerfällige Mischung aus Stagnation und Spießigkeit, in der irgendwann alles Experimentelle, Freie und Offene einem geistigen Beamtentum wich.
Umso erstaunlicher war es, als im Mai 2026 plötzlich die Ankündigung einer zweiwöchigen Pop-up-Galerie mit dem Titel „Freiraum Kunst – Akademie der Künste goes Bellevue“ kam, was ein bisschen so klingt wie ein ausländischer Filmtitel ins Deutsche übersetzt, mit erklärend-animierenden Nachsätzen wie „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“. Wie der Name schon sagt, findet die Schau im Schloss Bellevue statt, dem Sitz des Bundespräsidenten, kurz bevor dieses Gebäude am Rand des Tiergartens acht Jahre lang renoviert werden soll.
Doch jetzt wusste man nicht, worüber zuerst stolpern. Über das „Pop-up“, das mit dem von jeder Grandezza befreiten, pseudo-preußisch-barocken Provinzwohnzimmerstil unter abgehängten Decken einfach nicht matchen will. Oder über die acht Jahre Sanierungsdauer, in denen man andernorts drei Flughäfen, fünf Olympiastadien und zehn Museen von Superarchitekten gleichzeitig baut. Dagegen bezieht das Bundespräsidialamt, das neben dem Schloss ein eiförmiges, ebenso überholungsbedürftiges Bürogebäude besitzt, nun einen Interimssitz in einem Verwaltungsbau am Hauptbahnhof. Die Gesamtsumme der Sanierung des Schlosses und des Verwaltungsgebäudes, des Neubaus von Hauptwache und Technikzentrale sowie der Einrichtung der Außen- und Sicherungsanlagen liegt bei rund 600 Millionen Euro.
Aber hier soll es ja um die Kunstausstellung gehen. In den freigeräumten Schlossgemächern haben die Kuratoren Anh-Linh Ngo, Chefredakteur der Architekturzeitschrift „Arch+“ und Vizepräsident der Akademie der Künste (AdK), sowie die Schriftstellerin Cécile Wajsbrot Werke einiger namhafter und auch weniger bekannter Künstler und Akademiemitglieder untergebracht, darunter Katharina Grosse, Wolfgang Tillmans und Jochen Gerz. Von dessen Video- und Soundinstallation Rufen bis zur Erschöpfung von 1972 dringt ein stetiges „Hallo! Hallo!“ durchs Schloss.
Nachdem man die Ausstellung gesehen hat, möchte man einstimmen: Hallo? Wieso denkt die AdK, es reiche aus, Kunst jenseits von jedwedem ästhetisch-atmosphärischem Zusammenhang in ausgeräumten Sälen zu zeigen, deren Mischung aus Amtspragmatismus und Dahlemer Gardinendeko wirklich nicht leicht zu bespielen ist? Was im Palast der Republik funktionierte, nämlich Kunst erratisch in Räume zu hängen, die in ihrer glamourös vermufften, ideologisch-absurden Kaputtheit durchaus Stil hatten, klappt hier leider nicht. Und das ist nicht die Schuld der Künstler, die ihre Werke für die Schau selbst auswählen durften.
Gregor Schneiders Video von Joseph Goebbels’ Geburtshaus passt perfekt hierher: Unweit seines eigenen, berühmten „Haus UR“ in Rheydt bei Mönchengladbach gelegen, entdeckte der Künstler es auf einer Immobilienplattform und kaufte es, um sich dann beim beklemmenden Suppelöffeln und Im-Bett-Herumwälzen selbst zu filmen, bevor er das Haus entkernte und den Schutt ausstellte. Diese Arbeit im Schloss Bellevue zu zeigen, ist eine gute Idee. Doch das war’s dann leider auch schon.
Es gibt tatsächlich Gründe, warum man das Kuratieren normalerweise Fachleuten oder Künstlern überlässt und nicht Akademiemitgliedern aus anderen Sparten. Ngo betont zwar angenehmerweise, dass „Kunst keine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei“, sondern die Welt durch Ästhetik verarbeite – aber nur, um diese dann sich selbst zu überlassen. Wo früher eine wolkige, wandfüllende Malerei von Gotthard Graubner hing, die Bundespräsident Steinmeier, wie er in seiner Rede sagt, als Kulisse „für zentrale Entscheidungen der Republik“ vermisst, rutscht nun ein Riesenbild voller nackter Frauenkörper von Monica Bonvicini aus dem vorgegebenen Wandfeld gen Boden, was aussieht, als hätte das Schloss einmal ordentlich gehustet, um das Ding wieder abzuschütteln.
Let’s face it – die Zeit für „Pop-up“ ist vorbei in einer Stadt, die weder Schlösser noch Paläste mag und ihre einstigen Freiräume mit Investorenarchitektur oder gleich mit einer Schlosskopie zubetoniert hat. Auf das „Hallo“ hallt leider nur ein Echo.