Das Berliner Sommerloch ist 25 Meter lang, fünf Meter breit und 1,30 Meter tief. Letzteres ist für ein Schwimmbecken ziemlich flach, aber es sorgt dafür, dass man hinter dem Pool noch immer die vertraute Fassade der Berliner Volksbühne erkennen kann. Das war dem Denkmalschutz wichtig, hört man.
Die Berliner Volksbühne hat zwar noch bis Anfang Oktober Theaterferien, aber ihr neuer Intendant Matthias Lilienthal hat es geschafft, sein geschlossenes Haus über Wochen zum Stadtgespräch zu machen. Das schafft auch nicht jeder. Nun ist es also eröffnet. Im für 300.000 Euro errichteten sogenannten „Volksbad“ kann man seit diesem Wochenende umsonst schwimmen, wenn man es denn geschafft hat, eines der Zeitfenstertickets zu ergattern, die über die Volksbühnenwebseite für jeweils zwei Stunden vergeben werden. Angesichts von dreieinhalb Millionen Berlinern sind diese Tickets ein rares Gut, denn es dürfen maximal 46 Menschen gleichzeitig ins Bad.
Bei der Erstbegehung der Konstruktion am Freitagmittag begegneten und fotografierten sich vor allem Berliner Journalistenkollegen, von denen einer Tage zuvor beim Bier in einer Berliner Kneipeninstitution einen prophetischen und leider wahren Satz zum Volksbühnenpool gesagt hatte: „Es wird ein weiterer Ort in Berlin sein, an dem man Schlange steht, und sei es virtuell.“ Aber umsonst ist es doch, wenn man denn hineinkommt. Das Wasser ist nicht beheizt, dafür gibt es die kleine Schale Pommes frites für drei Euro gleich nebenan, die große für vier.
Ein Geschenk für alle Berliner? Ein Schelm, wer da die Aktion mit den am Ende des Sommers bevorstehenden Abgeordnetenhauswahlen zusammenbringt, die auch über die Kulturpolitik und die Ausstattung der Bühnen mitentscheiden werden. Matthias Lilienthal sagte im Vorfeld mehrfach, er sehe das Bad als politischen Protest gegen eine zunehmend unter Sparzwang gesetzte städtische Infrastruktur. Vielleicht ändert sich das ja mit einer neuen Regierung?
„Glückwunsch zu den Umfrageergebnissen“, sagte Lilienthal, als die Spitzenkandidatin der Linkspartei mit einer roten aufblasbaren Rettungsschwimmerboje erschien – und mit dem Theatermacher später einige Bahnen zog. Die 1981 geborene Elif Eralp liegt in den Umfragen derzeit vorne und könnte die nächste Regierende Bürgermeisterin werden – außerdem ist das Parteibüro der Linken gleich gegenüber, und das Theater hat eine lange linke Tradition.
Das öffentliche Bad ist ein Vehikel der Politik, seit die Römer lernten, warmes Wasser in Becken zu leiten. Mit wenig anderem kann eine Regierung oder Partei sich leichter zum Wohltäter der Allgemeinbevölkerung stilisieren, über wenig anderes werden erhitztere Debatten geführt als über Frei- und Hallenbäder. Dabei war die Idee hinter dem Volksbad eigentlich weniger, ein politisches Signal zu setzen, als dem einzigen verbliebenen Star der Volksbühne zu huldigen.
Matthias Lilienthal wollte die mit dem Haus verbundene österreichische Erfolgskünstlerin Florentina Holzinger samt ihrer bei der Kunstbiennale von Venedig umjubelten Wasserperformance „Seaworld Venice“ im österreichischen Pavillon nach Berlin holen. Das erwies sich je nach Konstellation als entweder terminlich unmöglich oder zu teuer. So blieb von den aquaristischen Extravaganzen aus der Lagunenstadt eben das 25-Meter-Becken mit der Pommesbude übrig.
Ein Theaterstück namens Freibad
Anstatt nun wie bei Holzingers Installationen den Performerinnen zuzusehen, wie sie nackt spektakuläre Dinge tun, sehen die Berliner vom Rasen des vor dem Theater gelegenen Rosa-Luxemburg-Platzes aus dabei zu, wie andere Berliner ziemlich unspektakuläre Dinge tun, wie zum Beispiel schwimmen oder dösen. Das Volksbad ist damit nicht einfach nur ein temporäres Schwimmbad in einer vom Klimawandel zunehmend aufgeheizten europäischen Metropole.
Es ist auch eine Inszenierung, ein Theaterstück namens Freibad, gespielt von Laien. Vor allem aber ist es „ein politisches Statement gegen den Verfall der Infrastruktur“, sagt Lilienthal – und beklagt bei der Eröffnung, stets von Dutzenden Mikrofonen umringt, die Einsparungen im Kulturhaushalt der Kulturmetropole Berlin. Es sind Einsparungen, die sein Haus besonders hart träfen: 5,5 Prozent weniger Budget statt wie bei anderen Bühnen 3,5 Prozent.
Man hat ihm vorgeworfen, vor allem PR für sich und seine Intendanz zu machen. Dass man es aber geschafft hat, binnen vier Monaten ein funktionierendes Schwimmbad auf einem deutschen Stadtplatz zu errichten, ist angesichts der bürokratischen Hürden tatsächlich erst einmal vor allem eins: bemerkenswert.
„Das neue Wunder von Mitte“ nennt Matthias Lilienthal das Volksbad. Und betont, dass er damit an die improvisationsfreudigen 1990er anknüpfen wolle, in denen er mit dem Enfant terrible Christoph Schlingensief zusammenarbeitete.
Lilienthal war in den 1990ern bereits Chefdramaturg der Volksbühne unter ihrem das Haus maßgeblich prägenden Intendanten Frank Castorf. Seine Berufung als Intendant dreißig Jahre später wurde begrüßt, aber man wird den Eindruck nicht los, dass nicht nur die Volksbühne, sondern auch Berlin insgesamt kein neues Selbstbild mehr erfinden kann, sondern weiterhin an diesem einen Moment seiner jüngeren Geschichte festhält, in dem die ganze Welt nach Berlin-Mitte schaute.
Es ist die große Paradoxie, dass eben die eventorientierte Gegenwart mit ihren Endlosschlangen und den diese Schlangen und Massen wiederum zum Maßstab ihres Erfolgs erhebenden Kulturmanagern sich auf lange Sicht nicht aufbaut, sondern selbst auffrisst. Denn wenn ich nur dann die nötigen Mittel für meine Kunst akquirieren kann, wenn ich mir ständig Medienereignisse ausdenke, dann verschleißt sich genau jene Aufmerksamkeit, von der die Kunst eigentlich leben sollte. Zumal Kultur im Berliner Wahlkampf eigentlich keine Rolle spielt.
Das Volksbad ist eine lilienthalsche Aufmerksamkeitsmaschine. Aber die Aufmerksamkeit hält nicht lange vor. Sie garantiert auch keine dauerhaften Investitionen. Befördert der Theaterpool also am Ende genau jene Entwicklung, die er angeblich zu bekämpfen angetreten ist? Was angesichts der oft avantgardistischen, stilsicheren Volksbühne überrascht, ist die ästhetische Schlichtheit des Projekts. Die temporäre Veranstaltungsarchitektur verströmt Festivalcharakter, alles ist rohes Sperrholz, Stahlrohrgerüst, Container und Flatterband. Einklappbare Liegestühle stehen auf dem Stein des Eingangsportals, vor den monumentalen Säulen aus Muschelkalk.
Das eigentliche Volksbad ist die Spree
Es hat etwas, wenn man beim Schwimmen auf die umliegenden Hausfassaden blickt, aber es gibt keine Pflanzen und keine Liegewiese – die gäbe es zwar direkt neben dem Pool in Gestalt einer Grünfläche. Wer aber das Bad innerhalb des Zeitfensters von zwei Stunden verlässt, der darf nicht wieder rein. Eigentlich, denkt man im flachen Wasser, ist es komplett unsinnig, hier einen Pool anzulegen. Die Berliner Freibäder sind viel besser dazu geeignet, an heißen Sommertagen Abkühlung zu bieten, und entgegen ihres Rufes auch eigentlich immer geöffnet und betriebsbereit. Aber die Freibäder sind eben kein Ereignis. Was also wird von diesem vier Monate vorbereiteten, acht Wochen dauernden Experiment bleiben?
Vielleicht kann es dazu beitragen, sich endlich von der ewigen Berliner Improvisation zu verabschieden. „Das eigentliche Volksbad“, sagt Matthias Lilienthal richtigerweise, „ist die Spree“. Doch ausgerechnet in der darf man nicht baden. Seit etwa fünfzehn Jahren versucht eine Initiative entlang der Berliner Museumsinsel, ein Flussbad zu realisieren, so wie man es aus Zürich kennt. Zwar ist die Spree sauber genug und auch die Schifffahrt kein Hindernis, doch die durch planschende Menschen angeblich gefährdete „Aura“ der Museumsinsel verzögert es ebenso wie der übliche Kompetenzwirrwarr der Behörden.
Unter dem Titel „FLUSS BADEN: Das VOLKSBAD für ganz BERLIN!“ wird am 20. August für „die Aufhebung des pauschalen Berliner Badeverbots“ demonstriert. An diesem Tag wird das Volksbad am Rosa-Luxemburg-Platz aus Solidarität geschlossen bleiben – und der Intendant wird sich mitsamt Hunderten anderer Schwimmer demonstrativ in die Spree begeben, damit es ein Volksbad als PR-Spektakel in Zukunft vielleicht nicht mehr braucht.