Essen (NRW) – Hunderte Bestellungen von Tausenden Büchern. Immer nur ein Exemplar, immer nachts, immer automatisiert und nicht selten ausgerechnet die Ladenhüter. Seit Wochen geht das schon so. Erfahrene Händler waren erst misstrauisch, doch die Rechnungen wurden stets pünktlich bezahlt. Und mittlerweile zeichnet sich ab, was hinter dem unverhofften Geldsegen stecken könnte.
Die Dimensionen sind gewaltig. Antiquariate berichten von Bestellungen über jeweils 100 Bücher. Manche Händler sollen innerhalb weniger Wochen bis zu 50.000 Euro Umsatz gemacht haben – nicht mit gesuchten Schätzen, sondern mit Titeln, die oft seit Jahren niemand mehr wollte. Kochbücher, Biografien, Reiseführer, Sach- und Märchenbücher: alles dabei.
Buchkäufer mit nahezu unbegrenztem Budget
Der Essener Antiquar Stefan Krüger berichtete der „WAZ“, dass er selbst und fast alle seine Kollegen ähnliche Bestellungen erhalten haben. „Viele waren erst skeptisch“, sagt Markus Brandis, Vorsitzender des Verbands Deutscher Antiquare. Dann wurde klar: Es steckt ein außerordentlich solventer Käufer dahinter. Mit Sitz in den USA.
Dort berichtete die „Washington Post“ über das „Projekt Panama“, hinter dem der Tech-Gigant Anthropic stehen soll. Ziel: die Digitalisierung möglichst vieler gedruckter Bücher. Dafür werden erst die Rücken abgeschnitten, dann wird jede Seite durch Hochleistungsscanner gezogen. Was übrig bleibt, landet auf dem Müll. Die eingescannten Texte dienen wiederum dem Training von KI-Systemen, die immer neues Material brauchen.
KI hebelt Urheberrecht aus
Vor zwei Jahren war Anthropic verklagt worden, weil das Unternehmen Hunderttausende Bücher aus sogenannten Schattenbibliotheken heruntergeladen und Urheberrechte verletzt haben soll. Der Streit konnte außergerichtlich gegen die Zahlung von 1,5 Milliarden Dollar beigelegt werden. Nach aktueller Rechtsprechung fällt das Training von KI mit legal gekauften Büchern hingegen unter das US-Prinzip des „Fair Use“ („gerechte Verwendung“).
Doch: „Der Urheber wird bei der Digitalisierung gar nicht mehr gefragt“, kritisiert unter anderem Brandis vom Antiquarsverband. Rechtlich lässt sich dagegen nichts unternehmen. Es gilt das Recht des Landes, in dem die Bücher eingescannt werden – also der USA. Ein Buchhändler in einem Branchenforum: „Ich komme mir vor wie in einem Science-Fiction-Albtraum.“