Es ist das Beklemmendste, was derzeit im Kino zu sehen ist: Der Film „Block 10“ schildert ein unbekanntes Kapitel der Nazibarbarei: wie NS-Ärzte in Konzentrationslagern Experimente anstellten, um Frauen unfruchtbar zu machen. Die Hauptrolle in dem Film der Produzentin Alice Brauner spielt Christian Berkel als jüdischer Arzt, der sich an den Versuchen beteiligt, weil er hofft, seine Familie vor der Ermordung retten zu können. Ein Gespräch.
WELT: Musste es so brutal sein?
Christian Berkel: Sie gehen ja gleich in medias res. Was fanden Sie daran brutal?
WELT: Gut, ich nehme das Wort „brutal“ zum Teil zurück und ersetze es durch „an die Nieren gehend“.
Berkel: Das ist etwas anderes. In „brutal“ steckt etwas Spekulatives. Die Frage ist: Wie soll man diese Geschichte erzählen, ohne Essenzielles wegzulassen? Was da geschehen ist, ist so beispiellos. Selbst wenn man nur in Worten davon berichten würde, wäre man allein durch die Bilder, die im Kopf dazu entstehen, schockiert. Für mich handelt der Film davon, was die Nazis weit über die Vernichtung von Leben hinaus geplant haben. Da waren drei Säulen: der Lebensborn zur Züchtung einer arischen Rasse, die Vernichtung eines Volkes und die Verhinderung, dass sich jüdische Menschen vermehren.
WELT: Eine gründliche deutsche Planung.
Berkel: Bernard-Henri Lévy hat definiert, was daran das wirklich Einzigartige war. Vernichtung hat es auch bei anderen historischen Gräueltaten gegeben, aber wer fliehen konnte, wurde nicht weiter verfolgt. Damit wäre es bei den Nazis nicht erledigt gewesen. Sie hätten nicht geruht, bis auch das letzte jüdische Leben – egal wo auf diesem Erdball – ausgelöscht gewesen wäre. Das empfand Lévy als das Diabolischste.
WELT: Sie fragen, wie man das sonst hätte filmen sollen. Andere Filme wären zum Beispiel vom OP-Tisch ferngeblieben.
Berkel: Das Entscheidende an „Block 10“ war aber genau das. Wir zeigen ja nur das Notwendigste, sozusagen. Nackte Frauen in der Dusche hat man in solchen Filmen schon hundertfach gezeigt. Nicht aber Frauen auf dem gynäkologischen Stuhl. Im Übrigen sind das bei uns keine menschlichen Körper, sondern Nachbildungen des Unterleibs aus Silikon. Es geht um Entmenschlichung. Nazis wollten immer zeigen, dass Juden keine Menschen sind, weil sie begriffen hatten: Wenn sie diese Menschen als Menschen stehen lassen, wäre die Gefahr zu groß, dass ihr Volk nicht mitmacht. In unserem Film sind wir bereits in der Phase, in der Juden nur noch „Material“ waren. Es gibt eine Konkurrenz zwischen zwei Ärzten, von denen jeder Anspruch auf „mein Material“ erhebt; er habe ja dafür bezahlt. Es sind absolut irrwitzige Argumentationen. Das ist für mich das eigentlich Schockierende. Was tatsächlich geschehen ist, ist um vieles unerträglicher als das, was wir zeigen.
WELT: Bei Testvorführungen haben Männer mit größerem Unbehagen reagiert als Frauen. Warum?
Berkel: Schwer zu beantworten. Vielleicht weil die Männer in dieser Situation die schuldige Position einnehmen und weil die Gewalt zu 100 Prozent vom Manne ausgeht. Männer sehen Gewalt manchmal ganz gerne, wenn sie ihnen zum Aggressionsabbau dient, wie wenn Rambo den Laden niederballert. Das funktioniert in „Block 10“ nicht, da kann es keine voyeuristische Freude an dem Vorgang geben.
WELT: Der Blick des Films ist eher sachlich, man könnte sagen: klinisch.
Berkel: Mich hat der Film nicht schockiert, weil er kaum emotionalisiert. Es gibt keinerlei Filmmusik. Filmmusik dient ja oft dazu, Gefühle hervorzurufen. Ich hatte schon bei dem vielgelobten Film „Son of Saul“ massive Probleme mit der Tonebene, weil ich die Überhöhung der Geräusche – des Stöhnens, des Keuchens – extrem manipulativ fand; das Ohr ist das am besten manipulierbare Organ des Menschen. Das ist ein Film, aus dem ich richtig wütend rausgegangen bin, und ich gehe sonst nie raus aus dem Kino. Die Frage ist: Was will ich erreichen? In „Block 10“ wird systematisch Gewalt ausgeübt – nicht einmal mit der erklärten Absicht, gewalttätig zu sein; eine Gewaltabsicht unterstelle ich diesen Ärzten nicht – und daher muss ich zeigen, was getan wird. Das Ausblenden von Gewalt in dem Denken der SS-Ärzte ist das wirklich Erschreckende.
WELT: Haben wir uns als Zuschauer an die Grauen der Konzentrationslager gewöhnt – auch wenn Filme es bisher vermieden, die Gefangenen in die Gaskammer zu verfolgen?
Berkel: Das hat ein bisschen den Effekt des „Nie wieder“. Ich will gar nichts dagegen sagen, das hat über eine ziemlich lange Zeit getragen. Aber es sagt sich leicht, und solche Filme gucken sich leicht. Ich habe nie zu denen gehört, die geglaubt haben, dass es keine Völkermorde mehr geben werde. Primo Levi hat „Es ist geschehen, also kann es wieder geschehen“ gesagt. „Nie wieder“ war für mich nie leicht auszusprechen, aber ich habe das Gefühl, dass es für viele eine einfache Art und Weise geworden ist, in zwei Wörtern Haltung zu zeigen.
WELT: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine rechtsextreme Partei ein hohes Staatsamt erhalten, den Parlamentspräsidenten in Sachsen-Anhalt. Muss man überdenken, wie man Rechtsextremismus bekämpft?
Berkel: Dieser Punkt war für mich schon früher erreicht, an dem Tag, als Alexander Gauland den „Vogelschiss“-Satz gesagt hat. Da wurde bewusst eine Grenze überschritten, um auszuprobieren, ob sie überschritten werden kann. Damit wurde auch die deutsche Geschichte für unschuldig erklärt, denn niemand kann etwas dafür, wenn ihn ein Vogelschiss trifft. Mit der Sprache fängt es an, und dann geht es immer weiter. Im Vergleich zu Siegmund war Gauland ja ein Chorknabe.
WELT: Wir haben zwei schockierende Wahlen gehabt, in Sachsen-Anhalt und in Berlin …
Berkel: Das bedeutet, die Enttäuschung über die Mitte ist so fundamental, und der Glaube, dass sich von dort aus etwas bessert, hat sich derart verflüchtigt, dass wir nun in einem Zangengriff sind, von links und von rechts. Die einen verkaufen Sehnsucht nach einer besseren Welt, die anderen geben den Leuten, was die insgeheim wirklich denken.
WELT: Die Linke hat in Berlin ja schon einmal mitregiert, und das war keine Totalkatastrophe.
Berkel: Klaus Lederer hat sogar eine wirklich gute Kulturpolitik gemacht, im Vergleich zu anderen Kultursenatoren. Ein Problem habe ich mit der aktuellen Linken-Mannschaft, mit einer Partei, bei der ich das Gefühl habe, die ist so uneins, wie man nur uneins sein kann. Es gibt einen Flügel, der schwer antisemitisch ist, der zwar die Opfer des 7. Oktober bedauert, aber nicht sagt, dass es sich um jüdische Menschen gehandelt hat. Auch die Nazis haben von Juden nicht als von Menschen geredet. Leider geht die Konstellation Rot-Rot-Grün nicht, weil die Linke so ist, wie sie ist. Wenn sie anders wäre, wäre es definitiv einen Versuch wert. Was nun kommen könnte, das ist meine große Sorge, wäre ein Zusammengehen von CDU und AfD. Auf Bundesebene sind noch zu viele, die das nicht machen würden, aber in Berlin? Liest man die internationale Presse, vor allem in Frankreich und England, werden ganz alte Ängste wach. Die Ressentiments sind mit einem Schlag wieder da. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich in den 1970er-Jahren als Deutscher in Frankreich angeguckt wurde. Wir waren eindeutig der Feind. Es bedurfte jahrzehntelanger Arbeit, bis wir in der Welt anders wahrgenommen wurden.
WELT: Frankreich war der Fluchtort für Ihre jüdische Mutter …
Berkel: Ich war vor zwei Jahren auf einem Geburtstag dort eingeladen, da war viel Mittelstand, Ärzte und Anwälte. Ich erwähnte, dass Frankreich mit dem Front National auch ein Rechten-Problem habe, da schauten mich mehrere Gäste an und sagten: „Na und? Ich bin auch rechts. Aber ihr habt ein historisches Problem, das haben wir nicht.“ Die sind der festen Überzeugung, die anderen rechten Parteien in Europa hätten nichts mit der deutschen AfD zu tun. In der sehen sie die Nachkommen der Nazis, und damit haben sie auch nicht unrecht.
WELT: Als die NPD Ende der 1960er-Jahre 7,5 Prozent bei Wahlen bekam, ging ein Aufschrei durchs Land. Jetzt bekommt die AfD mehr als 40 Prozent …
Berkel: Schreit jemand auf? Es ist ein Achselzucken. Das mag mit unserer Zeit zu tun haben, in der das Verarbeiten von Informationen nicht mehr gemeinsam im Freundeskreis stattfindet. Diese Gemeinsamkeit ist verschwunden, es gibt nur noch die Netz-Gemeinsamkeit, die keine echte ist.
WELT: Was macht Ihnen momentan Hoffnung?
Berkel: Dass es immer wieder dystopische Voraussagen gegeben hat und genau das Gegenteil eingetreten ist; keiner hat den Mauerfall vorhergesehen. Aber das ist eine sehr diffuse Hoffnung.