Wirtschaft

„Nichts ist so groß wie die Angst vorm Jugendamt bei migrantischen Familien“

„Nichts ist so groß wie die Angst vorm Jugendamt bei migrantischen Familien“

Die Bluttat von Stade in einem Mutter-Kind-Heim mit sechs Toten hat Deutschland erschüttert. Der Tatverdächtige – ein 45-Jähriger mit türkischer Staatsangehörigkeit – befand sich ersten Erkenntnissen zufolge in einem Sorgerechtsstreit mit der Mutter um die beiden Kinder. Fatih Khan G. tötete alle drei Mitarbeiter der Jugendhilfeeinrichtung in Stade und drei Mitarbeiter des Jugendamtes. Der Vater habe als auffällig gegolten, daher sollte das Gespräch in großer Runde stattfinden.

Der Experte für Extremismusprävention Ahmad Mansour sagte bei WELT TV, er könne zu dem konkreten Fall nichts sagen. Allgemein gelte jedoch: „Nichts ist größer als die Angst und die Ablehnung vom Jugendamt bei migrantischen Familien“, sagte Mansour. Vor allem da, wo „patriarchalische Strukturen herrschen, da, wo Gewalt als legitime Erziehungsmethode stattfindet“, sei diese groß. Mansour nannte die europaweite syrische Community, die türkische Community derer, die nicht integriert sei, und „viele andere Migranten“.

Aufgrund ihrer Sozialisation wüssten viele dieser Familien nichts über die eigentlichen Aufgaben des Jugendamtes. Es herrsche die Angst, dass diese Institution Kinder aus den Familien reiße. „Dass es da zu Gewalt kommt, ist alltäglich. Ich hörte von Jugendämtern, wo zum Beispiel ein roter Knopf vorhanden ist, wo dann in Gewaltsituationen ganz schnell Hilfe gerufen wird“, berichtet Mansour. Dies seien keine Einzelfälle, sondern strukturelle Probleme, welche die Arbeit des Jugendamtes erschwerten.

Es handle sich hier keineswegs um ‚Kultur‘, sondern um die Missachtung von Menschenrechten, stellt Mansour klar: „Dass man seine Kinder nicht schlägt, sollte eigentlich jedem klar sein.“

Dennoch könne die Situation entstehen, dass jemand aus einem anderen Land verunsichert sei und das Gefühl entwickle, wenn er sein Kind nach seinen Vorstellungen erziehe, führe dies dazu, dass das Kind weggenommen werden könne: „Dann entsteht diese Ablehnung.“

Deutschland habe es nicht geschafft, genau zu definieren, was Integration bedeutet, kritisiert der Experte: „Integration ist nicht nur Sprache, es ist nicht nur Arbeit, sondern auch, emotional anzukommen und zu begreifen: Mein Kind ist ein Individuum, das ich schützen muss.“ Weiter sagt Mansour: „Gewalt ist keine legitime Erziehungsmethode. Die Selbstentfaltung von Kindern muss zentraler Bestandteil einer Erziehungsmethode sein.“ Wenn genau dies nicht der Fall sei, entstünden jene Konflikte, die häufig in den eigenen vier Wänden blieben, aber manchmal auch nach außen drängen: „Natürlich kann so ein Fall auch von einem Deutschen ohne Migrationshintergrund ausgehen. Aber auch da werden wir die Frage stellen, was sind die Tatmotive, und nach Strukturen suchen, die vielleicht so etwas begünstigen.“

Wenn Frau und Kinder als Besitz betrachtet würden, die vor dem Staat zu schützen seien, helfe nur eines. Der Staat müsse die Grenzen aufzeigen und diese selbstbewusst kommunizieren: „Dann werden manche, die so denken, zweimal darüber nachdenken, ob sie in diesem Land auch bleiben wollen.“ Solange dies aber nicht kommuniziert würde, entstünden genau diese Probleme mit dem Jugendamt und anderen staatlichen Einrichtungen.

Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendhilfeeinrichtung in Stade hat das Amtsgericht der niedersächsischen Stadt gegen den mutmaßlichen Täter Haftbefehl wegen sechsfachen Mordes erlassen. G. wurde demnach in eine Haftanstalt gebracht. Zwei tatverdächtige Frauen wurden dagegen auf freien Fuß gesetzt.

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