Lieber Fred Göcken,
Sie sind 60 Jahre alt und arbeiten seit einer halben Ewigkeit im Jobcenter Bremen. Vom ZDF haben Sie sich kürzlich interviewen lassen. Da haben Sie einfach mal frei von der Leber weg erzählt, wie es im Jobcenter so zugeht und wie Sie die Dinge sehen.
30 bis 40 Prozent derjenigen, die Bürgergeld kriegen, würden falsche Angaben machen. Ein beliebter Trick bestehe darin, dass Paare sich zum Schein trennen. Einer der Partner zieht angeblich in eine neue Wohnung, das Amt zahlt die Miete. In Wirklichkeit wird die neue Wohnung sofort untervermietet, schwarz, was sonst.
Sozialbetrug auf Kosten der Allgemeinheit nervt Sie. Leute wie Sie, die Missstände in ihrer Firma aufdecken, heißen „Whistleblower“ und werden für ihren Mut oft gelobt.
Das Jobcenter hat dann auch sofort und sehr entschlossen auf die Enthüllung des Wohnungstricks reagiert. Es hat Sie fristlos entlassen. Sie hätten „die Grenzen der Meinungsfreiheit“ überschritten. Aber das war doch gar keine Meinung. Es war die Schilderung eines Missstands.
Eines der größten Probleme bei uns ist, dass über manche Probleme nicht offen gesprochen werden soll. Jetzt gibt es also in Deutschland einen Arbeitslosen mehr, er heißt Göcken.
Warum? Weil Sie mutig waren. Mut soll nicht zum Massenphänomen werden. Wehret den Anfängen! Harald Martenstein
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