Im Lucky-Luke-Universum bewegt sich der einsame Cowboy, obwohl viele Details das Gegenteil vortäuschen, niemals in einem realen historischen Jahr. Sondern alles passiert in einer imaginären Zeit, in der, was jemals im Wilden Westen passiert ist, zugleich stattfindet. Nur so ist es erklärbar, dass Lucky Luke, den frühere Geschichten beim Sturm Oklahoma 1889 und beim Goldrausch am Klondike 1896 agieren ließen, nun auf die Brüder Grimm treffen kann, die 1859 beziehungsweise 1863 starben.
Im neuen Band „Die Grimm Brothers“ sind Jacob und Wilhelm mit ihren „Kinder- und Hausmärchen“ auf einer Lesereise durch die USA. Rasch müssen sie feststellen, dass ihre Geschichten in amerikanischen Saloons weniger Begeisterung hervorrufen als in europäischen Salons. Die Verwechslung Salon/Saloon kam zustande, weil in den staubigen Kuhtreiberstädten viele Menschen eine Rechtschreibschwäche haben.
Doch so barbarisch, wie er in dem von den deutschen Comic-Schöpfern Flix (Text) und Reinhard Kleist (Zeichnungen) ersonnenen Abenteuer geschildert wird, war der Wilde Westen gar nicht. Lesereisen hat es dort wirklich gegeben – nur nicht mit den Grimms, die hier von Glück sagen können, dass sie nicht geteert und gefedert werden. Das verhindert unter anderem Lucky Luke, der den wütenden Saloonbesitzern regelmäßig ihre Verluste erstattet – sein Kapital verringert sich dabei auf eine Weise, die an das Grimmsche Märchen vom „Hans im Glück“ erinnert. Die Erzählung ist voll von solchen Anspielungen: In einem Albtraum begegnet Lucky Luke Rotkäppchen, sein Pferd Jolly Jumper bricht krähend, bellend, miauend und eselsgleich brüllend in ein Banditennest ein wie die Bremer Stadtmusikanten.
Die Struktur der Geschichte erinnert an vom Lucky-Luke-Erfinder Morris gezeichnete Klassiker wie „Das Greenhorn“ oder „Der Großfürst“ aus den 60er-Jahren. In den beiden genannten Bänden begleitete der Mann, der schneller zieht als sein Schatten, jeweils naive Ankömmlinge aus dem alten Europa – woraus sich allerlei komische Zusammenstöße ergaben, wie auch jetzt bei den Grimms.
Ein Running Gag ist ihre ewige Frage nach einem „Abendbrot“, dieser typisch deutschen Einrichtung. Von einem Saloonbesitzer wird sie beantwortet, indem er eine Ladung Nasenschleim in eine Spuckschüssel rotzt. Solche Ekelmomente hätte es vor 50 Jahren nicht gegeben. Dafür rauchte Lucky Luke damals noch. Jetzt erklärt er den Brüdern, dass er es sich abgewöhnt habe. In einem dramatischen Moment bittet er dann aber doch wieder um eine Zigarette.
In das Dilemma, das sich nur mit der Zigarette lösen lässt, haben ihn die beiden Deutschen gebracht. Ihr Tourneeflop bringt sie auf den Gedanken, nun authentische amerikanische Geschichten zu sammeln. Weil in Europa immer alte Frauen die besten Märchen erzählt haben, geraten sie ausgerechnet an die im Hochsicherheitsgefängnis einsitzende Ma Dalton. Diese erzählt ihnen ein Märchen über ihre edelmütigen und absolut zu Unrecht verdächtigten Söhne.
Den Daltons gefällt das allerdings gar nicht. Sie wollen lieber gefürchtet als geliebt werden und entführen deshalb die Grimms, weil sie begriffen haben, dass man mit Märchen ein Image im gewünschten Sinne verbreiten kann. Noch gefährlicher wird die Affäre dadurch, dass alle Banditen des Westens auf ähnliche Ideen kommen – darunter Billy the Kid und Jesse James, der hier aussieht wie der Sänger Nick Cave. Über den hat Kleist einmal einen Comic gezeichnet.
Grimm-Kenner werden allerdings etwas irritiert sein. Nicht nur, weil Wilhelm im Comic zwei bis drei Köpfe kleiner ist als sein Bruder Jacob. Das Größenverhältnis ähnelt dem auf einer berühmten Fotografie der beiden Germanisten – allerdings sitzt Wilhelm da neben dem stehenden Jacob. Flix und Kleist haben auch die Charakterzüge der Grimms vertauscht. Bei ihnen ist Wilhelm der strengere Philologe, der immer wieder darauf beharrt, sie seien ja nicht Hans Christian Andersen und würden keine Märchen dichten, sondern nur sammeln. In Wirklichkeit war es gerade Wilhelms dichterische Freiheit beim Umgang mit den überlieferten Texten, die dazu beitrug, dass die Märchen unsterblich wurden.
Das ändert nichts daran, dass „Die Grimm Brothers“ eine wunderbare Hommage ist, die vielleicht sogar auch außerhalb Deutschlands Fans finden wird – so wie es die Märchen ja auch, allen Startschwierigkeiten zum Trotz, geschafft haben. Übrigens nicht zuletzt wegen der kongenialen Zeichnungen des „Malerbruders“ Ludwig Grimm in späteren Ausgaben.
Flix (Text), Reinhard Kleist (Zeichnungen): Die Grimm Brothers, Egmont Ehapa, 52 Seiten, 17 Euro