Tel Aviv (Israel) – Über dem einzigen großen Pride im Nahen Osten kreisen Drohnen, auf dem Meer patrouillieren Boote und Jetskis, jeder Truck wird von Polizisten mit Sturmgewehren eskortiert. Israel befindet sich im Ausnahmezustand – und trotzdem ziehen in Tel Aviv Zehntausende für Vielfalt durch die Straßen. In weiten Teilen des Nahen Ostens drohen Homosexuellen Verfolgung oder sogar der Tod – aber hier können sie in knappen Outfits die Liebe feiern.
Die Demo findet am Freitag unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit über 1000 Polizisten statt. „Helikopter, Drohnen und Spezialeinheiten schützen diesen Pride“, sagt Polizeisprecher Dean Elsdunne (30) zu BILD. „Die Besucher sollen wissen, dass sie sicher sind. Es gibt nichts, worauf wir uns nicht vorbereitet haben.“
Israel feiert Pride nach Kriegspause
Es sind wenige Touristen da, doch nach einjähriger Kriegspause ist die Strandpromenade von Tel Aviv am Freitag wieder ein einziges Farbenmeer. Unter den tanzenden Menschen auf bunten Wagen tummelt sich auch Vize-Bürgermeisterin Chen Arieli (49), die das Amt als erste lesbische Frau bekleidet.
Sie erklärt: „Was Israel unterscheidet, ist nicht, dass das Land frei von Diskriminierung oder politischen Konflikten ist. Es ist vielmehr so, dass demokratische Institutionen und soziale Bewegungen Wege für Veränderungen geschaffen haben.“ Das Militär habe früh LGBTQ-Menschen integriert und sie in die Mitte der Gesellschaft gebracht. „Das machte Sichtbarkeit und Akzeptanz auf eine Weise möglich, die in der Region ungewöhnlich war.“ In Ländern wie Syrien oder Saudi-Arabien undenkbar!
„Hassverbrechen bleiben ein Problem“
Für die Politikerin ist Israel ein Ort der Gleichberechtigung. Aber: „Viele junge Menschen erleben noch immer Ablehnung im eigenen Zuhause. Hassverbrechen bleiben ein ernstes Problem.“ Laut einer aktuellen Erhebung von Israels queerer Jugendorganisation IGY haben schon 15 Prozent der LGBTQ-Schüler körperliche Angriffe erfahren (plus 9 Prozent zu 2021).
Doch heute steht CSD für Lebensfreude – und Regenbogen-Familien! „Mein Mann und ich haben zwei Kids“, berichtet Eidan (40). „Ich habe noch nie Hass erfahren. Das gesamte Land ist offener, als viele im Ausland denken.“ Auch Papa Lior (38) berichtet: „Tel Aviv ist eine der offensten Städte, in denen wir je gewohnt haben – und wir haben vorher in Deutschland gelebt.“
Teilnehmer beklagen Hass in Europa
Reise-Influencer Ohad Hanavad (32) bereist als „Ohad the Nomad“ (108.000 Follower) beruflich die Welt und erzählt BILD: „In arabischen Ländern oute ich mich natürlich nicht. In Israel ist es gar kein Problem. Leider muss ich mittlerweile vor allem in Europa gegen Vorurteile kämpfen.“
So bunt lebt Israel: „Die Welt hat uns alleingelassen“
BILD reiste zum Pride durch Israel – und traf Menschen, die für Vielfalt in Nahost einstehen.