Gaza – Der Wind peitscht über den Wüstensand, im Hintergrund ragt die Silhouette einer zerstörten Stadt auf. Wir stehen direkt an der Grenze zum Gazastreifen. Gleich werden wir mit israelischen Streitkräften in das Gebiet fahren. Als Journalist kann man sich hier nicht frei bewegen. Im Moment ist der Zugang nur mit den israelischen Soldaten möglich.
Die Rahmenbedingungen für unsere Berichterstattung sind extrem schwierig. Vieles von dem, was wir im Gaza-Streifen sehen, dürfen wir nicht filmen. Die Gesichter der Soldaten, mit denen wir sprechen, müssen unkenntlich bleiben. Gestattet ist nur, ihre Aussagen wiederzugeben. Sollte der Feind Informationen über israelische Soldaten und Militäreinrichtungen gewinnen, wäre das ein massives Sicherheitsrisiko, so die Begründung der Armee. Dennoch versuchen wir, uns so gut es geht ein Bild der Lage zu machen.
Wir wollen herausfinden, welche militärische Strategie Israel eigentlich hier im Gazastreifen verfolgt und vor welchen Herausforderungen die Soldaten in ihrem Kampf gegen den Terror der Hamas gerade stehen.
Die Illusion der Waffenruhe
Offiziell gilt im Gazastreifen seit Oktober 2025 eine Waffenruhe. Es war der große Wurf von US-Präsident Donald Trump: Ein 20-Punkte-Plan, unterzeichnet beim Friedensgipfel in Sharm el-Sheikh. Die erste Phase sah ein sofortiges Ende der Kämpfe, den Rückzug Israels auf eine vereinbarte Demarkationslinie und den Austausch aller Geiseln vor. Die letzten lebenden israelischen Geiseln kamen im Oktober frei.
Doch die Realität vor Ort sieht anders aus. In der Nacht vor unserem Besuch führt Israel einen massiven Luftschlag durch, um vier führende Kommandeure des Sicherheitsapparats der Hamas zu töten. Nach palästinensischen Angaben seien bei den neuen Angriffen mindestens neun Menschen ums Leben gekommen, darunter fünf Mitglieder einer Familie. Diese Informationen lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Fest steht nur: Die Waffenruhe ist auf beiden Seiten extrem brüchig.
Warnschüsse an der „Yellow Line“
Immer wieder zerreißt das Rattern von Maschinengewehrfeuer die angespannte Stille. Laut den israelischen Streitkräften handelt es sich dabei nicht um Gefechte, sondern um Warnschüsse. Sie werden auf potenzielle Bedrohungen abgegeben – zum Beispiel auf Hamas-Kämpfer, die sich in die Nähe der sogenannten „Yellow Line“ (Gelben Linie) bewegt haben.
Diese Linie, für uns erkennbar durch einen Sandhaufen, der sich durch den Gazastreifen zieht, ist die Demarkationslinie. Sie trennt das von Israel kontrollierte Gebiet von dem Teil, der von der Hamas kontrolliert wird. Gemäß dem Friedensdeal von Oktober 2025 zog sich Israel hinter diese Linie zurück und behielt damit die Kontrolle über mehr als die Hälfte des Gazastreifens. Aus dem provisorischen Puffer sind längst befestigte Militärposten geworden.
Der Kampf um die Prozente
Israel kontrolliert laut Premierminister Benjamin Netanjahu bereits 60 Prozent des Gazastreifens. Der nächste Schritt seien 70 Prozent. Die klare Begründung der israelischen Führung: Terror gegen Israel wie am 7. Oktober 2023 dürfe sich niemals wiederholen.
Eigentlich sollte der Trump-Plan in Phase zwei übergehen: Eine Übergangsregierung unter Aufsicht eines internationalen „Board of Peace“, der Wiederaufbau und die komplette Entwaffnung der Hamas. Doch genau hier stockt der Prozess. Israel weigert sich, dem Wiederaufbau zuzustimmen, solange die Hamas ihre Waffen nicht abgibt. Die Hamas wiederum pocht auf einen schrittweisen Prozess und weigert sich, bedingungslos zu kapitulieren.
Die Gefahr ist groß. Die Soldaten, mit denen wir hier an der Front gesprochen haben, berichten Alarmierendes: Die Terrororganisation Hamas hat den Waffenstillstand genutzt, um sich wieder zu bewaffnen, sich zu reorganisieren und vor allen Dingen auch, um neue Terroristen zu rekrutieren.
Laut den israelischen Soldaten gebe es sehr viele junge Männer dort drüben, die keine Perspektive hätten und deswegen das Angebot der Hamas annähmen, Terroristen zu werden. Die israelische Seite warnt: Während die Diplomaten in Washington und Nahost streiten, drohe die Hamas aus diesen Ruinen wieder aufzuerstehen.