Prinzessin Kiko hat sich während ihres Studiums in Europa in die Zither verliebt. Zurück in Japan ließ sie Stephan Ander an den Kaiserhof holen, für sich spielen und trank danach mit ihm Tee. Ander ist mit seinen 42 Jahren der jüngste Zitherspieler in der Liste der Besten. Er ist ein Revolutionär seines Instruments, er möchte es aus seiner Nische holen und weiterentwickeln. Wir treffen uns zum Gespräch im Café Pavillon, im Garten des berühmten Schlosses Schönbrunn, seinem liebsten Ort in Wien.
WELT: Ihr Humor wird fast so sehr gelobt wie Ihr großartiges Zitherspiel. Braucht es Humor, sein Herz diesem Instrument zu verschreiben?
Stephan Ander: Ich glaub schon. Es ist halt ein ungewöhnliches Instrument. Ich spiele es ja seit Kindesbeinen an. Im Teenageralter, das können Sie sich sicher vorstellen, gibt es coolere Sachen, als die Zither zu spielen. In der Schule fliegt einem regelmäßig irgendein dummer Spruch um die Ohren, und es gibt verschiedene Wege, damit umzugehen: Man leidet darunter, man ärgert sich – oder man beginnt, es mit Humor zu nehmen und sich darauf einzulassen. Das macht deutlich mehr Spaß und ist mein Weg, damit umzugehen.
WELT: Mit 42 Jahren sind Sie der jüngste Zitherspieler unter den Weltbesten. Sie gelten als Ausnahmeerscheinung. Wie hat das bei Ihnen angefangen?
Ander: Früher war die Zither ein Volkssportinstrument, sie galt als das Klavier des kleinen Mannes, weil sie deutlich günstiger und transportabel war. Es gab Zither-Klubs mit 50 bis 100 Mitgliedern. Eines war meine Großmutter, sie spielte leidenschaftlich gern. Irgendwann hat mein Vater ihr Instrument auf dem Dachboden entdeckt, und ich war unheimlich neugierig darauf. Aber meine Eltern sagten: Moment, damit spielt man nicht einfach herum, das muss man lernen. Also sagte ich: Dann lerne ich’s halt. Meine Großmutter hat da noch gelebt, sie war begeistert und hat mich gecoacht.
WELT: Was hat Sie so an der Zither fasziniert?
Ander: Dass sie sonst keiner gespielt hat. Andere Kinder lernten Blockflöte oder Gitarre, ich kannte niemanden, der Zither lernte. Ich hatte viel Unterstützung durch meine Eltern, dazu gehört manchmal auch eine gewisse Strenge. Die hat mir durch schwere Zeiten geholfen, bis ich am Konservatorium war und das Instrument richtig studierte. Dann kamen die ersten Auftritte, und es wurde richtig cool, weil mich die Zither bis nach Japan führte.
WELT: Es heißt, nichts strahlt mehr die Wiener Gemütlichkeit aus als die Zither. Wie ist das gemeint?
Ander: In der österreichischen Folklore ist Heurigenmusik sehr wichtig. Die Legende besagt, dass die Vertreter der vier Siegermächte 1955 am Abend beim Heurigen zusammensaßen und vom Spiel der Zither so herzerweicht waren, dass sie Österreich die Unabhängigkeit schenkten.
WELT: Sie waren schon Gastspieler bei den Wiener Philharmonikern. Ihre Auftritte sollen absolute Highlights gewesen sein.
Ander: Das war an der Wiener Staatsoper, dort hatte ich eine Solostelle auf der Bühne. Das Wiener Staatsopernorchester wird durch die Philharmoniker besetzt, also darf ich sagen, ich habe mit den Philharmonikern gespielt. Ich habe eine große Wertschätzung der Orchestermusiker erhalten, die fasziniert von der Zither waren. Ein Instrument, das nicht mal sie richtig kennen.
WELT: Wie ist das, wenn man im Frack zwischen millionenteuren Stradivaris der Philharmoniker sitzt und die Zither spielt, ein Instrument, das viele eher vom Heurigen kennen?
Ander: Ziemlich lustig. Das sind die größten Experten auf ihren Instrumenten, und dann sitzt da einer, der etwas spielt, das sie nicht kennen. Übrigens gehört der Frack auch für mich zur Orchestermontur. Er soll halt ausdrücken: Wir machen ernste Musik.
WELT: Fühlen Sie sich wie ein Rock’n’Roller inmitten dieser Orchestermusiker?
Ander: Ein bisschen ist es genau so, ja. Zwischen ihnen zu sitzen, ist ein Glücksmoment, andererseits ist es schon etwas furchteinflößend.
WELT: Anton Karas, oder aus deutscher Sicht Rudi Knabl und Alfons Bauer werden als „Könige der Zither“ bezeichnet, wieso?
Ander: Alle Genannten haben auf einem exzellenten Niveau gespielt und hatten ein riesiges Repertoire. Ein Name fehlt mir: Klaus Waldburg aus Essen, auch ein fantastischer Musiker. Sie alle haben durch ihre Professionalität viel zum Musikschaffen insgesamt beigetragen.
WELT: Der Münchner Manfred Zick, genannt Zither-Manä, gilt als Rebell der Szene. Weil er die Zither aus der bürgerlich-konservativen Tradition riss und für Rockmusik „missbrauchte“. Mögen Sie so was?
Ander: Da gehe ich absolut gern mit. Aus diesem Grund habe ich mir eine E-Zither bauen lassen. Ich liebe Leute, die so etwas tun. Sie machen das Instrument einem Publikum zugänglich, das nie damit gerechnet hätte. Zither-Manä ist absolut cool. Das ist genau das, was mir auch am meisten Spaß macht.
WELT: Was spielen Sie am liebsten?
Ander: Ein paar Sachen von Metallica. „Nothing Else Matters“ ist natürlich ein Geschenk für die Zither und macht unheimlich Spaß zu spielen. Aber nicht nur das. The Coors, Red Hot Chili Peppers, System of a Down, Snow Patrol, Deep Purple.
WELT: Es heißt, Sie experimentieren mit der E-Zither wie kein anderer, gelten als Pionier für Klänge, die man sonst eher vom Synthesizer kennt.
Ander: Es macht mir unheimlich Freude, Effektgeräte auszuprobieren. Eine E-Gitarre klingt bei AC/DC anders als bei Metallica. So etwas auf der Zither auszuprobieren, macht Spaß. Dafür braucht man sehr viel Zeit. Da muss man sich zu Hause hinsetzen und stundenlang den gleichen Ton spielen und hören, wie es klingt.
WELT: Welches Ziel verfolgen Sie?
Ander: Mein großer Traum wäre, das in einem richtigen Bandsetting stattfinden zu lassen. Dass die Zither darin so normal wird wie Schlagzeug und Bass. Die britische Band Florence + The Machine hat eine Harfe in ihrer festen Besetzung. Das passt perfekt.
WELT: Amerikaner denken, in Deutschland und Österreich würde so gut wie jeder Zither spielen. Wissen Sie, warum?
Ander: Das liegt an Anton Karas und seiner Filmmusik zu „Der Dritte Mann“, es ist das führende Zither-Thema. Die Amerikaner sind sehr musicalaffin. In Karaoke-Bars können junge Leute sämtliche Musicals singen. Sie lieben solche Themen.
WELT: Anton Karas war der erste deutschsprachige Musiker, der in den USA mit seinem Harry-Lime-Thema aus dem Film „Der Dritte Mann“ einen Nummer-eins-Hit landete. Er machte die Zither weltberühmt.
Ander: Das Witzige ist: Für den Film war eigentlich ein klassisches Orchester geplant. Die Filmcrew ging am Abend aber zum Heurigen, und da spielte der Karas die Zither. Sie guckten sich nur an und entschieden: Das ist es, so etwas brauchen wir für den Film. Sie sperrten den Karas wochenlang in ein Studio ein und ließen ihn einfach drauflosspielen. Er war der König der Improvisation. So entstanden Stücke, die vorher nicht existierten, eines ist das Harry-Lime-Thema.
WELT: Ist ein so dominantes Lied auch ein Fluch?
Ander: Es ist ein Türöffner. Man merkt, dass es einen Fußabdruck hinterlassen hat. Der Fluch ist, dass man dazu genötigt wird, es zu spielen. Alle kommen daher und erwarten nur dieses Lied. Ganz schlimm ist es in Japan. In Tokio wird in einer U-Bahn-Station permanent dieses Lied gespielt. Das kennt da wirklich jeder.
WELT: War Karas eher ein Popstar, eine Art Falco der Zither?
Ander: Wäre möglich, ja. Er hat einen ähnlich starken Eindruck hinterlassen.
WELT: Sie spielen das Harry-Lime-Thema bewusst etwas anders, deutlich rockiger.
Ander: Ja, ich spiele es gern etwas rockiger, baue auch mal ein Thema aus „Star Wars“ in einem Übergang mit ein oder auch „Smoke on the Water“ von Deep Purple.
WELT: Ist man als Zitherspieler automatisch konservativ?
Ander (lacht): Keine einfache Frage. Ich würde sagen, nicht zwingend, aber viele sind es tatsächlich. Ich komme aus bürgerlich-konservativem Hause, sehe mich aber nicht so.
WELT: Es heißt, eines Ihrer Ziele sei es, die Zither zu entstauben und weg vom Klischee der Lederhose und Alpenidylle zu bringen.
Ander: In der Tracht spielen zu müssen, ist für mich tatsächlich eine Strafe. Weil es für mich zu sehr das Klischee unterstreicht. Ich habe mich viele Jahre mit Händen und Füßen gewehrt, Wiener Musik zu spielen. Das macht jeder, das kann jeder, das erwartet jeder – das finde ich öd. Ich habe erst meinen eigenen Weg gehen müssen, um dann später zurückzukommen. Jetzt spiele ich mit Freude Wiener Musik. Ich muss mich nicht mehr davor fürchten, einem Klischee verhaftet zu sein. Gott sei Dank sind die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, willig und gehen mit mir auch in andere Genres. Die Wiener Musik ist übrigens vielfältiger, als man denkt. Es gibt mehr als nur ein paar Gassenhauer, die mit zwei, drei Harmonien durchkommen.
WELT: Was sagen Sie jungen Menschen, warum sie anfangen sollen, Zither zu spielen?
Ander: Weil es cool ist. Ganz ehrlich: Es ist doch viel reizvoller, etwas Außergewöhnlicheres zu tun als alle anderen. Wenn man natürlich sagt, ich möchte drei Lieder einüben, um meine Freundin am Lagerfeuer zu beeindrucken, dann kann man auch Gitarre lernen. Wenn man aber forschen möchte, Neues erleben möchte, dann wäre die Zither genau richtig.
WELT: Würden Sie sich eher mit Jimi Hendrix vergleichen, oder landen wir doch bei Anton Karas?
Ander: Das ist gemein. Ich will mir nicht anmaßen, mich in die Liga derer zu stellen, die ein Millionenpublikum auf der ganzen Welt begeistert haben. Aber wenn es um den Anspruch geht, dann würde ich mich lieber mit Jimi Hendrix vergleichen, weil er den Willen gehabt hat, mehr mit seinem Instrument zu machen, es weiterzuentwickeln und einen eigenen Touch zu hinterlassen. Selbst, wenn die Zither viel weniger Leute erreicht und etwas spezieller ist.
WELT: Wie würde denn die Welt ohne Zither aussehen?
Ander: Sie wäre weniger bunt und vielfältig, sie wäre fad und gleich. Natürlich ist die Zither ein Nischeninstrument. Aber dann würde es ganz viele andere Instrumente auch nicht geben. Den Dudelsack zum Beispiel. Ich kenne einen jungen Kerl, der Metallica auf dem Dudelsack spielt – so geil. Würde ich deswegen einen ganzen Abend in ein Dudelsack-Konzert gehen? Weiß ich nicht. Trotzdem würde ich ihn vermissen.