Kultur

Er machte das bessere Berlin französisch

Er machte das bessere Berlin französisch

Stolze 150 Jahre alt wird die Alte Nationalgalerie, die viele Menschen für das Herzstück der Berliner Museumsinsel halten. Hier hängen die Ikonen der Malerei des 19. Jahrhunderts. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ zum Beispiel. Viel von Menzel und Liebermann. Kein Wunder. „Der deutschen Kunst“ ist dieses hohe Haus gewidmet.

Aber von nationalistischer Verengung konnte nie die Rede sein. Es dauerte nicht einmal 25 Jahre, da öffnete sich der prachtvolle klassizistische Bau schon den Franzosen. Das hatte viel mit dem damaligen Direktor Hugo von Tschudi zu tun, der aus der Schweiz kam. Aber mehr noch mit einem Mann, den es so nur in Berlin geben konnte: Paul Cassirer.

Wie damals jeder richtige Berliner (laut Kurt Tucholsky) stammte der Sohn eines jüdischen Kabelfabrikanten aus Breslau. In der Reichshauptstadt gründete Paul Cassirer 1898 im vornehmen Tiergartenviertel seine eigene Galerie. Von da an begann ein Leben für die Kunst, wie es Berlin noch nicht gesehen hatte.

Cassirer, von dem der Bildhauer Ernst Barlach sagte, er sei „dionysisch durch die Welt gebraust“, war Kunsthändler, Gesellschaftslöwe und zugleich Kulturvermittler. Durch ihn wurde das Berlin der oberen Zehntausend für knapp dreißig Jahre französisch. Denn dank Cassirers Kontakten zu den maßgeblichen Kunstagenten in Paris waren sie auf einmal alle in Berlin zu sehen, die Maler einer impressionistischen Moderne, die dem Akademiegeschmack die Gefolgschaft aufgekündigt hatten.

Manet und Monet, Degas und Renoir, Pissarro und Cézanne, aber auch schon der Niederländer in Frankreich Vincent van Gogh: Sie alle wurden zumindest mit ihren Werken an der Spree genauso heimisch wie an der Seine. Jahr um Jahr gelangte Neues von ihnen hierher, fand den Weg in Privatbesitz, aber eben auch in den Tempel der deutschen Kunst.

Man muss sich das immer wieder vor Augen halten: In einer Zeit, da der letzte deutsche Kaiser säbelrasselnd seine Bannflüche sowohl gegen den „Erbfeind“ jenseits des Rheins als auch gegen die zeitgenössische deutsche „Rinnsteinkunst“ schleuderte und obendrein viele deutsche Künstler ihre Felle davonschwimmen sahen, weil der deutsche Kunsthandel die Franzosen hätschelte, hat das deutsche Geschmacksbürgertum zu Frankreich, zu Belgien und bald auch schon zu Skandinavien gehalten.

„Das Licht kommt jetzt von Norden“, hieß es plötzlich. Impressionisten und Postimpressionisten aus dem Westen bekamen kräftig Konkurrenz von dem Norweger Edvard Munch, dem Finnen Axel Gallen-Kalela. Die heute so angestrengt herbeigeredete Vielfalt der Kulturen war einmal in dieser Stadt gelebte Wirklichkeit, allerdings nicht als Karneval für die Massen, sondern als Wettkampf um künstlerische Qualität vor einem verständigen Publikum.

Aneinandervorbei von Mann und Frau

Es ist ein schöner Zug des Leitungsteams in der Alten Nationalgalerie, dass es zu ihrem 150. Geburtstag mit der Ausstellung „Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“ an diese Internationalität erinnert, von der das Museum, wie man jetzt staunend feststellen kann, selbst so immens profitierte. Denn der Löwenanteil der gezeigten 120 Werke gehört zum eigenen Bestand. Wer das Haus kennt, weiß: Wenn man die großen Schauräume im ersten Stock betritt, wird der Blick gleich gefangen von dem berühmten „Wintergarten“-Bild Édouard Manets, einer eindrucksvollen Darstellung jenes Aneinandervorbeis von Mann und Frau, das ein Kardinalthema der Kunst um 1900 werden sollte.

Jetzt hängt an ihrem angestammten Platz auf einmal Besuch aus dem Folkwang Museum in Essen: das fast überlebensgroße Porträt „Lise“ von Pierre-Auguste Renoir. Mit hoher Taille, weißem Tüllgewand kommt einem die sonnenbeschirmte Frau in lichtdurchfluteter Waldlandschaft vor wie eine entfernte französische Verwandte der preußischen Königin Luise – ein so sinniger wie hübscher Aha-Effekt.

Dabei bleibt es nicht: Zwar haben sich die Kuratorinnen der Ausstellung für eine etwas starre chronologische Präsentation der Bilder entschieden. Sie zeigen sie in der Reihenfolge, wie sie nach und nach im Kunstsalon Cassirer aufschlugen. Trotzdem ergeben sich mannigfache Korrespondenzen – übrigens auch zu deutschen Zeitgenossen der Franzosen. Denn Paul Cassirer hätschelte keinesfalls nur den „Erbfeind“.

Er hatte Max Slevogt und Lovis Corinth bewogen, nach Berlin zu ziehen, und er förderte die Maler wie auch die übrigen Mitglieder der Berliner Sezession nach Kräften. Besonders ergiebig ist es, deutsch-französische Unterschiede bei den in beiden Nationen damals so beliebten Szenen aus dem Familienleben zu betrachten: hier die gedämpften, dunklen Töne, die noch im Banne Lenbachs stehen, dort leuchtende Farben, die von jener sprühenden Lebensfreude künden, die die Franzosen uns wohl bis in alle Ewigkeit voraushaben.

Ja, es ist viel Besuch gekommen, denn die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts brachten es mit sich, dass die Kunst sich in alle Welt zerstreute. Schon das ikonische Bild vom Aufbruch des jungen Mannes in die Welt, „Le déjeuner“ von Manet, ging 1910 mit Hugo von Tschudi, als er Berlin verließ, nach München. Die atemberaubend aus der Untersicht gemalte Trapezkünstlerin aus dem „Cirque Fernando“ von Edgar Degas hängt heute in London. Und eines der schönsten Gemälde Camille Pissarros, der in geheimnisvoll grauem Perlmutt wie von Corot gehaltene „Öffentliche Garten von Pontoise“, sogar in New York.

Hier kommen sie aber (und viele andere mehr) einmal wieder zusammen und lassen eine Hochblüte aufleben, die nicht wiederkehren wird. Cassirer hat den Niedergang seiner Epoche übrigens nicht mehr erlebt. Er schied schon 1926 (abermals ein Jubiläum) freiwillig aus dem Leben. Unmittelbar nach dem Notartermin zur Scheidung von seiner zweiten Frau, der großen Theaterschauspielerin Tilla Durieux, hat er sich erschossen. Das Unternehmen führte sein Teilhaber Walter Feilchenfeldt weiter, der später in Zürich das Paul-Cassirer-Archiv gründete, dem die Schau viel dokumentarisches Material verdankt. 1933 wurde der Kunstsalon geschlossen, 1937 aus dem Berliner Handelsregister gelöscht.

Aber wenn man jetzt die vielen Gemälde, Büsten, Zeichnungen sieht, die darum wetteifern, das „dionysische Brausen“ Paul Cassirers einzufangen, der offenbar nie ohne Zigarette anzutreffen war, dann wollen wir uns trösten mit der Gewissheit, dass er in die Unsterblichkeit eingegangen ist. Und jene Schätze, die seine Wünschelrute nach Berlin brachte, hundert Jahre nach seinem Tod bestaunen. Sie dürften die gleiche Begeisterung erregen wie damals.

„Cassirer und der Durchbruch des Impressionismus“, bis 27. September 2026, Alte Nationalgalerie, Berlin

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