Schon die DDR hatte sich in ihren letzten Lebensjahren durchgerungen, das nur unter politischem Murren als Ruine nach der Zerstörung 1945 sich selbst überlassene Dresdner Stadtschloss doch wieder aufzubauen. Wie dort dann wohl die Geschichte Sachsens unter den Wettinern erzählt worden wäre? Müßig, darüber zu spekulieren.
Wirklich begonnen, konzipiert und nunmehr fast vollendet wurde die Neugeburt des bis auf die Außenmauern verschwundenen Schlosses dann ohnehin in den vergangenen 37 Jahren von bundesrepublikanischen Kräften. Und so wie einige Räume – wie der Riesensaal oder die Schlosskapelle, in der Heinrich Schütz wirkte – wieder vollständig oder wenigstens in ihrer Kubatur neuerstanden sind, so wurde vielfach nur auf eine zeitgenössisch schlichte Ausstattung Wert gelegt, die vor allem die museale Präsentation dieser weltweit einzigartigen höfischen Sammlung optimierte.
Auf vier fast komplettierten Stockwerken des Residenzschlosses kann man nun die in verschwenderischer Fülle übrig gebliebenen Relikte einer Hofhaltung – wie es sie jenseits des großen Absolutismus-Vorbildes Frankreich kaum mehr gab – bewundern, studieren und durchaus auch infrage stellen. Und wie sich Dresden vor allem in der Barockzeit neben Berlin und Wien kaum prunkvoller selbst feierte. Ein Zeitzeuge schrieb schon 1716/17 über den „prächtigsten und galantesten“ Hof überhaupt: „Hier gibt es immer Maskeraden, Jagden, Schützen- und Schäferspiele, Kriegs- und Friedensaufzüge, Ceremonien – kurz: alles spielet. Man sieht zu, spielet mit, man wird selbst gespielt.“
Aus der Wunderkammer der Spätrenaissance, wie sie im ersten Schlossstock des Georgenbaus in schönen Überresten gezeigt wird, erwuchs das Grüne Gewölbe mit seinen völlig sinnfreien, aber grandiosen Preziosen. Sie breiten sich heute in der historischen Flucht des Erdgeschosses sowie in den neuen Räumen im ersten Stock in verschwenderisch kostbarer Überfülle aus. Daneben ist nüchtern die „Kunstkammer Gegenwart“ situiert, die mithilfe zeitgenössischer Galerien und Sammler andeuten will, was uns heute als Artefakt etwas bedeutet.
Weiter geht es auf dieser Etage – alles als Bestandteil der Rüstkammer – durch den blutigen „Weg zur Kurfürstenmacht“ (mittels Waffengewalt) und den wieder als imposante Gewehrgalerie genutzten Langen Gang zu den Solitären frühbarocker Garderobe – gipfelnd im Landschaftskleid des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1585–1656). Auf das wurde aus Perlen und Goldfäden die Elblandschaft rund um Dresden und Meißen gestickt, Ackerbau, Menschen und Tiere sowie das Dresdner Residenzschloss sind ebenfalls zu erkennen. Auch Schuhe Maria Theresias und berühmter Ballerinen warten in einer Vitrine.
Das sind die Requisiten einer Zeit, die etwa in Versailles vollständig von der Revolution verweht und zerstört wurden. In Dresden haben sie die Jahrhunderte, aber auch preußische Plünderung, Revolutionen, Bombenhagel, Feuersturm und russische Deportation überstanden. Und während im vierten Stock vom (in der Gemäldegalerie nebenan ausgestellten) Dresdener Bilderschatz nur die empfindlichen, daher nur temporär gezeigten Zeichnungen und Drucke im Kupferstichkabinett mittels Wechselausstellungen präsentiert werden, versteht sich der zweite Stadtschlossstock, die Belle Étage, wieder als Festflur.
Hier hatte man 2010 zunächst die Beuterelikte aus den Wiener Türkenkriegen neuerlich als „Türckische Cammer“ installiert. Man schwankt beim Betrachten zwischen der Schönheit und der Zerstörungskraft dieser Waffen wie Kriegsgeräte, bewundert die Brokatzelte genauso wie die Prachtrüstungen und juwelengeschmückten Pferdegeschirre im 2013 neuerstandenen Riesensaal, wo sie herrlich lebendig auf Puppen und Pferden glänzen wie zum Duell oder Turnier bereit. Das Münzkabinett und der komplett in seinem goldweißen Historismus rekonstruierte Kleine Ballsaal schließen sich an.
Die meisten hier gezeigten Objekte waren zur Zeit ihrer Herstellung nur noch Deko und Zitat, exotisches Festrequisit und Kostüm wie die türkischen Schwerter und Kaftane, die den Herrschaftsanspruch wie die (auch pekuniäre) Macht der Wettiner repräsentieren sollten. Baulich beeindrucken sollte auch das 1717/18 von August dem Starken anlässlich der Hochzeit seines Sohnes Friedrich August mit der Habsburger Kaisertochter Maria Josepha eingerichtete Paradeappartement, das 2019 teils komplett, teils in Annäherung rekonstruiert worden war.
Hier finden sich besonders kostbare Intarsien- und Silbermöbel, inkrustierte Posamentstickereien, zwei neu geschaffene Deckenmalereien nach Louis de Silvestre und – in den kleineren Rückzugsräumen – eine Fülle teuerster Kleidungsstücke aus der exzentrischen Garderobe August des Starken. Sein 1697 in Krakau getragener polnischer Krönungsornat mit der in Wachs abgenommenen Lebendmaske ist jetzt ein paar Meter weiter zu sehen: in den eben eröffneten, letzten drei Festräumen, die die wichtigste Schlossetage endlich abschließen. Nun fehlen nur noch finale Sgraffito-Malereien im Großen Schlosshof und der Gotische Saal, dann ist das Dresdener Stadtschloss neuerlich vollendet.
Der Große Ballsaal, das Porzellankabinett im Hausmannsturm und der besonders für politische Veranstaltungen genutzte Propositionssaal sind also jetzt wieder zugänglich. Vorher war hier nur rohes Mauerwerk, Sandsteine, Löcher und abgesplitterter Zierrat zu sehen, zusammengeflickt und mit neuem Betonboden. Nun also hat man ebenfalls teilrekonstruiert, nicht mehr im schwülstigsten Historismus mit längst verbrannten Gemälden, sondern in Bezug auf eine Ausstattungsperiode davor. Die Handwerker haben Stuck neu geschaffen, zeigen aber auch dessen wenige verbliebene Originalreste, genauso wie Prunkgitter oder Engelslüster im schlicht gehaltenen Propositionssaal mit seinem hölzernen Schnitzschmuck. Und im Porzellanzimmer stehen wieder die 21 in der Herstellung wagemutigen, fast überladenen Elementvasen Johann Joachim Kaendlers auf den Tischen. Viele der bunten Meißener Teile, die einst auf den Goldkonsolen vor den roten Wänden standen, wurden unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zerdeppert.
Die Wunden der Geschichte sind zwischen all der verwirrenden Pracht spürbar. Sie erzählen aber trotzdem davon, dass auch dieses Schloss immer eine Baustelle ohne Ende war, Planungen verändert oder aufgegeben wurden, und manches ein Kompromiss blieb. Davon könnten gerade die jetzt wieder schmucken Wände der drei neuen Räume ein Lied singen. Doch hier spreizt sich der verbliebene Partyfundus der großmannssüchtigen, trotz der reichen Silberbergwerke ständig über ihre Verhältnisse lebenden Wettiner samt ihrer Geschenkekiste und den symbolhaften Regalien.
Während in Wien Maria Josepha nur zwei Tage gefeiert wurde, waren es in Dresden vier Wochen. Sie wurde mit einem Nachbau der venezianischen Staatsgondel des Dogen, dem Bucentauro, von Schloss Pillnitz auf die Brühlsche Terrasse gepaddelt. Neben den Festgelagen gab es im Zwinger einen Planetenaufzug, Karusselle, Ringestechen und andere adelige Zeitvertreibe. In Sachen Show und Entertainment konnte im 18. Jahrhundert keiner den Sachsen das Wasser reichen. Dresden, das Las Vegas des Barock.
Davon sind jetzt Lanzen und Zaumzeug, Degen mit Kristallknauf und goldene Helme vom Hofjuwelier Dinglinger (für die Festivitäten für den dänischen Königsvetter 1709) sowie die Sonnenmaske August des Starken zu sehen. Schlittenpferde wurden mit Federbüscheln und Hunderten von Schellen absurd ausstaffiert. Prinzen ritten in der Rolle der babylonischen Regentin Semiramis neben Nimrod zu Pferde, wovon noch ihr Seidenkleid zeugt. Man trug Blechkronen, nachgemachte Römerharnische und zielte auf Papptürkenköpfe. August II. liebte dann mehr die Oper; auch dafür wurde Geld in Hülle und Fülle ausgegeben – und alles dann auf Bildern und in Prachtschwarten als Chroniken für die Nachwelt festgehalten. Doch auch die Reste echten Regierens werden im neuen Ostflügel inszeniert: der einzige verbliebene deutsche Kurfürstenhut, Ordensornate (inklusive seidenem Beinkleid König Friedrich Augusts I. zum Hosenbandorden), Marmorbüsten der sächsischen Könige.
Im Schloss ist der Aufbau Ost fast abgeschlossen. Dresdens Staatliche Kunstsammlungen sind als demokratische Institution nun also Hüterin einzigartig königlicher Schätze, die sich heute in so noch nie gezeigter Fülle auffächern. Man mag diese durch Steuern, Kriege und Ausbeutung finanzierte Hinterlassenschaft ambivalent sehen. Aber sie erzählt, abgesehen von ihrem fantastischen künstlerischen Wert, so viele staunenswerte wie groteske Geschichten. Die im Residenzschloss an der Elbe jetzt wie ein dreidimensionales Märchenbuch aufpoppen: verführerisch, verschwenderisch, faszinierend.
Dauerausstellung „Masken und Kronen – Festkultur und Machtrepräsentation am Dresdner Hof“, Residenzschloss Dresden; Katalog 19 Euro