Wirtschaft

Der rote Siegeszug – Warum ausgerechnet die republikanischen Staaten boomen

Der rote Siegeszug – Warum ausgerechnet die republikanischen Staaten boomen

Ken Bianco muss kurz lachen, als er die Frage hört. Ein Werk in Kalifornien eröffnen – dort, wo die meisten seiner Kunden sind? „Auf keinen Fall“, sagt der Vertriebs-Vizechef von JCB und zerschneidet die Luft mit der Hand, als wolle er eine lästige Fliege verscheuchen. „Kalifornien ist zu lahm geworden“, sagt er dann. „Alles dauert dort viel zu lange, das ist einfach nicht unternehmensfreundlich.“

Bianco steht in der Empfangshalle des Bau- und Industriemaschinenherstellers JCB. Links neben ihm ein Modell des weltweit schnellsten Dieselmotors, rechts ein Baggerlader mit aufgedrucktem Flammenmuster. Als das 1945 in Großbritannien gegründete Unternehmen im Jahr 2001 sein erstes Werk in den USA plante, war klar: Es geht in den Süden. „Georgia hat uns mit schier unglaublichen Anreizen angelockt“, erzählt Bianco. Heute steht dort die Nordamerika-Zentrale samt 46.500 Quadratmetern Produktionsfläche, und ein zweites großes Werk ist derzeit im Bau: im „Lone Star State“ Texas.

Dass die republikanisch regierten Staaten im Süden der USA derzeit so viele Investitionen anziehen, ist kein Zufall. Vielmehr zeigt sich mit Blick auf die Daten ein Muster. Noch vor Georgia gehören Florida, South Carolina, Utah und Texas sowohl beim Wachstum der Wirtschaft als auch der Bevölkerung zur Spitzengruppe des Landes. Während das US-BIP 2025 insgesamt um 2,4 Prozent zugelegt hat, verzeichnen Florida und South Carolina laut Bureau of Economic Analysis Zuwächse von gut drei Prozent – der höchste Wert unter allen Bundesstaaten. Utah liegt knapp darunter, Texas ebenfalls über dem Durchschnitt.

Der Trend der letzten Jahre ist klar: Während liberale Metropolregionen wie San Francisco, Boston oder New York das Zentrum der Finanzwelt, von Big Tech und der Forschung bleiben, verlagert sich die Industrie immer stärker in die Südstaaten. Gerade Firmen im produzierenden Gewerbe zieht es vermehrt dorthin, wo Republikaner das Sagen haben.

Zwar wächst die Wirtschaft auch in den Kraftzentren New York und Kalifornien weiter, vor allem getrieben durch den Tech-Boom. Doch die stärkere Dynamik spielt sich derzeit anderswo ab, wie auch die Bevölkerungsentwicklung zeigt. Während New Yorks Einwohnerzahlen stagnieren, verliert Kalifornien seit mehreren Jahren Einwohner – und auch die Liste namhafter Unternehmen, die dem „Golden State“ den Rücken kehren, wird immer länger.

South Carolina hingegen ist derzeit der prozentual am schnellsten wachsende Staat der Nation. Texas gewinnt laut U.S. Census Bureau absolut die meisten Einwohner: Innerhalb der letzten fünfzehn Jahre zogen hier fast sieben Millionen Menschen hin. Auch das oft übersehene Utah lebt von einer jungen, wachsenden Bevölkerung, Florida wiederum führt bei der Zuwanderung aus dem Ausland.

Hinter diesen Zahlen stehen Millionen einzelner Entscheidungen. In Summe allerdings zeigt sich: Im ersten Amtsjahr von Trump 2.0 sind es vorwiegend die republikanisch regierten Staaten, die Industrieinvestitionen und Menschen anziehen. Beispiele für diese Verlagerung gibt es viele.

Etwa der milliardenschwere Unternehmer Kenneth Griffin, der – aufgeschreckt von den Steuerplänen Zohran Mamdanis – angekündigt hat, lieber in Miami als in New York zu investieren. Oder Softwareentwickler von Tesla oder Oracle, die aus dem überhitzten Silicon Valley nach Austin gewechselt sind, weil dort die Kombination aus Tech-Job, Haus im Grünen und geringer Einkommensteuer lockt. Oder die stark wachsende Gruppe von Rentnern, die ihr Haus im Mittleren Westen verkaufen, um die Sonne Floridas zu genießen. Und gerade der Industriesektor sorgt in den Südstaaten für einen Aufschwung, während die einstige „Werkbank der USA“, der sogenannte Rust Belt, weiter ausblutet.

Eines dieser Unternehmen auf Wachstumskurs ist JCB, das vor den Toren der Hafenstadt Savannah sein größtes Werk in den USA betreibt. „Vor 25 Jahren stand hier ein Acker“, erinnert sich Ken Bianco. Heute werden in der Fabrik allein mehr als 20 Bagger pro Tag zusammengeschraubt, und bald sollen es bis zu 30 sein – die Auftragsbücher sind gut gefüllt. 560 Arbeiter sind hier in der Fertigung angestellt, rund 200 in der Verwaltung.

Dass es so gut läuft, hat auch mit der Aufrüstung Amerikas unter Donald Trump zu tun. Zwar inszeniert sich JCB in seinen Werbefilmen als Problemlöser-Firma, die schweres Gerät für Baustellen herstellt. Doch längst ist das Unternehmen auch in das boomende Militärgeschäft eingestiegen, das man hier euphemistisch „Defense“ nennt.

Beim Werksbesuch in Georgia überwachen die Pressesprecher jeden Schritt der Besucher und ermahnen mehrfach, keine Fotos zu schießen – für den Militärbereich gilt höchste Sicherheitsstufe. Auch im Hinblick auf die US-Army hat Georgia einen strategischen Vorteil: Der Bundesstaat ist der größte Standort der Infanterie, die Armee als Großkunde also direkt vor der Haustür.

Eines haben die republikanisch regierten Staaten gemeinsam: Sie sind in den meisten Fällen traditionell „rot“ geprägt. Gerade in Texas und Florida versteht man sich stolz als Gegenentwurf zu den „blauen“ Küstenmetropolen; oft ist dort vom „Blue State Bullshit“ die Rede, den man sich vom Leib halten will. Der seit Jahren unerbittlich geführte Kulturkampf in den USA hat sich nur noch weiter angeheizt, seit Donald Trump wieder im Weißen Haus sitzt.

Tatsächlich sind die Gründe, warum gerade Industrieunternehmen am liebsten im republikanischen Süden investieren, eher profan. Gouverneure und Lokalpolitiker werben damit, Steuern niedrig zu halten, Vorgaben für Unternehmen begrenzt zu lassen und Infrastrukturvorhaben schnell durchzuwinken. Das bedeutet: weniger Auflagen, schnellere Genehmigungen, mehr Projekte. Namhafte Bauherren, die in Kalifornien oder im Nordosten jahrelang auf eine Baugenehmigung warten müssten, stoßen hier auf Kommunen, die aktiv um Investoren buhlen.

Kaum ein Beispiel zeigt das so deutlich wie das Firmenimperium, mit dem Elon Musk von Kalifornien nach Texas gezogen ist. Während im Südwesten des „Lone Star State“ die SpaceX-Raketen gen Himmel starten und das Unternehmen die höchste Börsenbewertung der Geschichte verzeichnet, hat der reichste Mann der Welt außerhalb der Hauptstadt Austin innerhalb weniger Jahre rund um seine Firmen Tesla, The Boring Company und X eine komplette „Corporate Town“ hochgezogen.

Ohnehin ist Texas ein Fall für sich. Das Öl- und Gasgeschäft profitiert von Trumps Politik, die fossilen Brennstoffen wieder mehr Raum gibt; gleichzeitig entstehen entlang der Highways um Austin, Dallas und Houston Tech-Cluster, in denen Start-ups neben Dependancen von Konzernen sitzen, die ihre Aktivitäten aus teuren Küstenregionen in den sogenannten Sunbelt verlagert haben.

Städte wie Austin sind längst nicht mehr das günstige Alternativziel für Hipster aus San Francisco, sondern haben sich selbst zu teuren Metropolen mit Staus und Wohnungsknappheit entwickelt. Doch im Vergleich zu vielen Küstenstädten bleibt ein Haus mit Garten erschwinglicher – und vor allem die Steuerlast ist geringer.

Die vielleicht sichtbarste Folge der Investitionen in die republikanischen Staaten ist der Bauboom. Rund um Städte wie Houston, Miami oder Atlanta entsteht derzeit eine neue Vorstadtsiedlung nach der anderen. Und im Umland von Knotenpunkten wie der Hafenstadt Savannah oder dem texanischen Laredo – dem größten Handelsumschlagsplatz an der Grenze zu Mexiko – ziehen Baukräne quasi im Wochentakt neue Logistikzentren hoch. Denn das Land ist hier noch vergleichsweise günstig und die Umweltauflagen sind lax.

Hinzu kommt ein zweiter, enorm kapitalintensiver Trend: der Boom der Rechenzentren. Weil der Platz an klassischen Standorten wie der Bay Area oder dem Großraum Seattle längst nicht mehr ausreicht und teuer ist, haben Investoren ihr Augenmerk dorthin gerichtet, wo Land und Energie günstig sind und die Politik ihnen entgegenkommt: Neben dem demokratisch regierten Virginia sind das vor allem ländliche Regionen in Staaten wie Texas und Georgia. Einer der Hauptgründe: Weil der Strom knapp ist, bauen einige Betreiber gleich eigene Gaskraftwerke neben die Rechenzentren. Bauvorhaben wie diese werden in Texas deutlich schneller genehmigt als etwa in Kalifornien.

Dass Unternehmen sich zunehmend gegen den „Golden State“ entscheiden, wenn es um neue Investitionen geht, hat noch einen anderen Grund, der oft unter den Tisch fällt: die Risikoabsicherung. Was klingt wie aus einem Wildwestfilm, beeinflusst tatsächlich maßgebliche Entscheidungen entlang der Lieferketten. In den vergangenen Jahren haben Zugüberfälle an der Westküste ein erschreckendes Ausmaß erreicht. Zu Hochzeiten wurden allein im Großraum Los Angeles pro Tag rund 90 Container geplündert.

„Firmen aus Südkorea, China oder Japan schicken ihre Container nun lieber in den Hafen von Savannah als nach Los Angeles“, sagt Arthur Hutton, der für die Abläufe in einem kürzlich eröffneten Logistikzentrum nahe dem Hafen von Savannah zuständig ist. Als Hutton durch die Hallen führt, ist gerade eine Großlieferung eingetroffen: Klaviere des japanischen Herstellers Yamaha und Papierrollen aus China. Und tatsächlich: Auswertungen des US-Verkehrsministeriums zeigen, dass Kalifornien Anteile an die Atlantikhäfen verloren hat – obwohl die Route aus Asien länger und damit teurer ist.

Kalifornien verzeichnet zwar nach wie vor die größte Wirtschaftsleistung der USA, dem Silicon Valley und Hollywood sei Dank. Doch neben dem texanischen Austin buhlen weitere Staaten um die Vorherrschaft in der Tech-Branche. Etwa das seit 1985 durchgehend republikanisch regierte Utah. Die Region um Salt Lake City hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Tech-Hub entwickelt, der immer wieder als „Silicon Slopes“ beschrieben wird. Softwarefirmen, Start-ups und Dienstleister, die von der teuren Westküste kommen, finden hier eine Mischung aus guter Bezahlung, relativ günstigen Lebenshaltungskosten und spektakulärer Natur.

South Carolina, Alabama und Georgia wiederum stehen stellvertretend für den industriellen Süden und haben in den vergangenen Jahren große Automobil- und Zulieferbetriebe angezogen – aus Europa, aus Asien und aus anderen Teilen der USA. Neben den Häfen in Savannah und Charleston liegt das auch daran, dass die Gewerkschaften hier schwächer organisiert sind als in den Küstenmetropolen – sicherlich auch ein starkes Argument für die Standortentscheidungen deutscher Autobauer wie Mercedes oder BMW.

Während die Konzerne in Deutschland vor allem durch Stellenabbau Schlagzeilen machen und die Autoindustrie in der Krise steckt, gelten die USA weiterhin als Wachstumsmarkt. Mercedes investiert allein in diesem Jahr sieben Milliarden Dollar in den amerikanischen Markt, bei BMW sind es immerhin 1,7 Milliarden. Der „rote Süden“ wächst also weiter – auch dank Geld aus Europa.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

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