Tel Aviv – Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist nach Angaben des israelischen Fernsehsenders i24News unter Umständen zu einem eigenständigen Militärschlag gegen den Iran ohne Unterstützung der USA bereit. Der Sender berief sich auf eine Kabinettssitzung am Montagabend und zitierte Netanjahu mit den Worten: „Es könnte sein, dass wir in eine Situation geraten, in der wir den Iranern allein, ohne Rückendeckung der USA, gegenüberstehen – mit allen damit verbundenen Kosten: Rüstungsausgaben und weltweite Isolation.“
Israel wolle nicht, dass es so weit komme, wisse aber, dass es so weit kommen könne, sagte Netanjahu demnach. US-Präsident Donald Trump hatte den israelischen Regierungschef zuvor vor einem Alleingang gewarnt. Die US-Regierung führt derzeit Verhandlungen über ein Abkommen mit Teheran, um den Konflikt diplomatisch beizulegen.
In der Nacht zu Mittwoch griffen die USA den Iran allerdings ihrerseits erneut an, nachdem ein US-Helikopter in der Straße von Hormus von einer Drohne getroffen wurde. Dennoch: Die Spannungen zwischen der US-Regierung und Israel wegen der Gefährdung des Iran-Deals haben in den letzten Tagen zugenommen.
Differenzen zwischen Trump und Netanjahu
Nachdem der Iran am Sonntagabend mehrere ballistische Raketen auf Israel gefeuert hatte, warnte Trump Netanjahu vor einem Vergeltungsschlag. In einem Telefongespräch mit der „Financial Times“ sagte Trump, dass Netanjahu ein künftiges Abkommen der USA mit dem Iran akzeptieren müsse. „Er wird keine Wahl haben. Ich habe das Sagen. Ich habe absolut das Sagen. Er hat nicht das Sagen.“
Wegen eines angedrohten Angriffs Israels auf den Libanon hatte Trump Netanjahu vergangene Woche scharf kritisiert. Der US-Präsident soll zu Netanjahu in einem Telefonat „You‘re fucking crazy“ (dt. „Du bist total verrückt“) gesagt haben.
Experte: Alleingang wäre gewaltiges Wagnis
Der israelische Iran-Experte Danny Citronowicz warnte auf X, ein signifikanter militärischer Schritt ohne amerikanische Unterstützung wäre ein strategisch gewaltiges Wagnis für Israels nationale Sicherheit und sollte daher nur in Betracht gezogen werden, wenn keine Alternativen bestehen.
Citrinowicz wies auch auf die Konsequenzen hin, falls es ein Abkommen mit dem Iran gebe, das die US-Regierung als zentralen Erfolg betrachte. Dann könnte eine einseitige israelische Aktion gegen den Iran ohne Abstimmung mit Washington einen hohen Preis fordern - auch in den strategischen Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Staaten.