Kultur

Dann zieht sie sich in einen inneren Reichsbürgerzustand zurück

Dann zieht sie sich in einen inneren Reichsbürgerzustand zurück

Michael Kohlhaas gehört zu den berühmtesten Figuren der Literaturgeschichte. Der Rosshändler, der vom protestantischen Gewissens- und Gerechtigkeitseifer getrieben, ganze Landstriche in Schutt und Asche legt, sei einer „der rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, heißt es bei Heinrich von Kleist. Eine eher eskapistische als rachsüchtige Gegenwartsversion des Kleistschen Helden hatte vor über 40 Jahren bereits der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee in seinem Roman „Leben und Zeit des Michael K.“ entworfen.

Jetzt macht die Leipziger Schriftstellerin Heike Geißler, die mit klugen Gesellschaftsbüchern aufgefallen ist („Saisonarbeit“, „Die Woche“, „Arbeiten“), aus Kohlhaas eine ostdeutsche Frau. Ihr neuer Roman „Michaela Kohlhaas“ erzählt von gentrifizierten Großstädten, Obdachlosigkeit und weiblicher Wut. Geißlers Ich-Erzählerin stellt uns Michaela Kohlhaas als eine ältere, kinderlose Frau vor. Sie arbeitet als stellvertretende Verwalterin eines städtischen Friedhofs im Leipziger Süden und empört sich als Arbeitnehmerin immer wieder, wenn reiche Steuerbetrüger höflicher behandelt werden als der Durchschnittsbürger. Sie ist eine „keinesfalls vorbildliche, sondern eher auf unauffällige Art anwesende Staatsbürgerin“, schreibt Geißler. „Michaela Kohlhaas war nicht außergewöhnlich rechtschaffen, aber dennoch würde ihrem herausgeforderten und überstrapazierten, im Übermaß zur Geduld gezwungenen und deshalb zur Geduld nicht mehr sonderlich fähigen Gerechtigkeitssinn eine Schrecklichkeit und Wehrhaftigkeit erwachsen, die gewaltig sein und auffallen würde.“ Anders gesagt: Eine Kleinbürgerin sieht rot.

Was ist nur mit diesem „beispielhaften Menschen“ Michaela Kohlhaas passiert? Es beginnt mit Überarbeitung und Erschöpfung. Als sich auch noch ihr Chef langzeitkrank meldet, hört Kohlhaas einfach auf, Beerdigungen zu organisieren. Kurz probiert sie es mit Social-Media-Aktivismus, lässt es aber schnell wieder bleiben. Und als sie dann noch eines Tages in die Tronkenburg geht, eine alte Kneipe im Erdgeschoss eines Plattenbaus, findet sie alles verändert. „Die alte Tronkenburg war weg. Der Gastraum zeigte sich stark verändert. Der lange Tresen war durch eine gläsern wirkende Bar ersetzt worden, die Wände waren allesamt in Beigetönen gefliest.“ In den Kneipenräumen hat eine Galerie des Sammlers Wenzel von Tronka eröffnet. Bier gibt es keines mehr, nur fancy Longdrinks. Von der Arbeit erschlagen und der Kneipe beraubt, beginnt sich in Michaela Kohlhaas ein Sturm zusammenzubrauen.

Weibliche Wut ist anders als männliche

Kohlhaas fragt sich nicht nur, wem eigentlich die Tronkenburg gehört, sondern wem die ganze Stadt gehört. Volkseigentum oder Privatbesitz des „neuen Gelds“? Als ihr klar wird, dass einfache Leute wie sie in der Stadt zwischen Immobilienspekulanten und Aufwertungspionieren keinen Platz mehr haben, will sie vom Oberbürgermeister ihre Wahlstimme zurück. Natürlich ist der Oberbürgermeister ein guter Freund des Galeristen Tronka, wie auch bei Kleist der Fürst die anmaßende Willkürherrschaft des Landadels schützt. Vom Wachpersonal aus dem Rathaus geworfen, beginnt Michaela Kohlhaas auf der Straße zu leben. Sie macht sich auf die „letzte Etappe ihres Lebens“, wie es bei Geißler heißt. Kein Rachefeldzug, sondern eher als Weigerung, weiter am Leben teilzunehmen. Von der marktkonformen Demokratie enttäuscht und verbittert. Keine männlich auftrumpfende Raserei, sondern eine stille weibliche Wut.

Mit Holzschwert und Planwagen zieht Kohlhaas als Mischung einer verwahrlosten Ritterin von der traurigen Gestalt und heruntergekommener Mutter Courage durch die Lande. „Michaela Kohlhaas, Stütze des Systems a.D.“ steht auf ihrem Wagen, eine Zeit schlägt sie sich noch als Freelance-Bestatterin durch. Selbst die Ich-Erzählerin macht einen immer größeren Bogen um die Obdachlose, die Aussätzige. Eines Tages kommt es zum Eklat. Doch die ganze Stadt niederbrennen? Bleibt bei ihr eine Fantasie. Michaela Kohlhaas ist eben kein Kleistscher Held, sondern eine Geißlersche Antiheldin, die am Ende tragisch zugrunde geht. Eine Gezeichnete, der sowohl Hybris als auch Gewaltneigung fehlt, um die Hauptrolle in einem hollywoodesken Female-Revenge-Drama zu spielen.

Auf die ihr typische, im Ton anklagende, aber zugleich nicht aktivistische Art und Weise gibt Geißler dem Zaudern und Zögern einen Raum und lässt wenig Heldisches übrig, dafür aber immer noch genug Ungerechtigkeit und Verzweiflung. Die 1977 in Riesa geborene Schriftstellerin zeigt, wie die sozialen Bindungskräfte erschlaffen und eine Gesellschaft zerbricht. Das ist weit mehr als nur ein zeitgenössisches Gentrifizierungsdrama. Geißler setzt mit „Michaela Kohlhaas“ einen rücksichtslosen Sozialrealismus in Szene, der durch die moralisch ambivalente Ich-Erzählerin keine erbauliche Beobachterposition erlaubt. Das ist nicht nur als Gegenfolie zu Kleists Novelle, sondern als Gegenwartsdiagnose hochinteressant und lesenswert.

Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Suhrkamp, 253 Seiten, 24 Euro.

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