Das ukrainische Militär hat nach eigenen Angaben und nach Darstellung russischer Besatzungsvertreter ihre Angriffe auf die Transportwege von Russland zur besetzten Krim-Halbinsel fortgesetzt. Wolodymyr Saldo, der Besatzungschef der südukrainischen Region Cherson, die im Süden an die Krim grenzt, sprach auf Telegram von ukrainischen Angriffen auf mehrere Brücken in seiner Region.
In der Nacht zum Donnerstag wurden demnach Brücken über den Nord-Krim-Kanal, der durch Cherson verläuft, angegriffen. Saldo sprach von drei Stellen, an denen Brücken attackiert worden seien. Darunter war auch die wichtige Brücke zwischen der Siedlung Perekop in Cherson und dem Ort Armjansk auf dem Norden der Krim. Die Schäden würden begutachtet, teilte Saldo mit.
Die seit 2014 besetzte Halbinsel hat nur wenige Verbindungen zum ukrainischen Festland. Die beiden Routen, die von der Südukraine auf die Krim führen, verlaufen über Armjansk im Nordwesten und bei Tschonhar im Nordosten der Halbinsel.
Nachdem die Ukraine in den vergangenen Tagen mehrfach die Tschonhar-Brücke angegriffen hat, ist diese offenbar unbenutzbar: Saldo rief Fahrer dazu auf, nur die Armjansk-Route zu nutzen. Dazu hatte er bereits Anfang der Woche aufgerufen, bevor auch die Brücke bei Armjansk angegriffen wurde. Satellitenfotos, die von ukrainischen Medien veröffentlicht wurden, zeigten indessen Schäden an der Brücke bei Tschonhar – und mutmaßlich Arbeiten an einem schwimmenden Ponton-Übergang parallel zur Brücke.
Ukraine attackiert systematisch Landverbindung zur Krim
Die Angriffe der Ukraine auf die von Russland 2022 eroberte Landverbindung zwischen dem Donbass und der Krim scheinen damit in eine neue Phase einzutreten. In den vergangenen Wochen hatte das ukrainische Militär Hunderte russische Lastwagen auf der Fernstraße angegriffen, die das südwestrussische Rostow über die besetzten ukrainischen Hafenstädte Mariupol und Berdjansk mit der Krim verbindet.
Schon diese Angriffe haben nach übereinstimmender Darstellung ukrainischer und russischer Militärblogger die Versorgung der Krim bedroht. Am Dienstag räumte Russlands Energieministerium Probleme bei der Versorgung mit Treibstoff in »südlichen Regionen« des Landes ein – stellte allerdings nicht klar, ob es sich um Regionen in Südrussland handelt, oder um die 2022 annektierten südukrainischen Gebiete.
Die »vorübergehenden Schwierigkeiten« bei der Treibstoffversorgung begründete das Ministerium in Moskau mit ukrainischen Luftangriffen. Dies könnte sowohl auf Angriffe mit Kurzstreckendrohnen auf Treibstofftransporte im besetzten ukrainischen Gebiet als auch auf Attacken gegen Ölraffinerien in der Tiefe Russlands bezogen sein.
Treibstoffverkauf auf der Krim kommt zum Erliegen
Auf der Krim haben die Angriffe die seit Mai anhaltenden Engpässe nach Angaben der örtlichen Besatzungsverwaltung weiter verschärft. Bereits Ende Mai wurde der Verkauf von Benzin rationiert: Der Treibstoff wurde nur noch gegen Vorlage einer Marke verkauft und auf 20 Liter pro Person begrenzt, wie Michail Raswoschajew, Besatzungschef Sewastopols, angekündigt hatte.
Seitdem musste Raswoschajew die Maßnahmen weiter regulieren. Am Mittwochabend kündigte der Besatzungschef an, dass es auch gegen Vorlage einer Marke kein Benzin geben werde: Die Stadt habe keine rechtzeitigen Lieferungen erhalten, die Versorgung von Rettungsdiensten, Sicherheitskräften und des öffentlichen Nahverkehrs habe Vorrang.
Am Donnerstagmorgen veröffentlichte Raswoschajew zwar eine Liste mit acht Tankstellen, an denen Benzin verkauft werde. Unklar blieb, ob das womöglich auf Kosten des öffentlichen Nahverkehrs in Cherson geht: Dort gab Besatzungschef Saldo nach einem Treffen mit Russlands Katastrophenschutzminister Alexander Kurenkow bekannt, dass mehrere Buslinien vorerst stillgelegt würden.
Russland könnte wieder zur Nutzung der Krim-Brücke gezwungen sein
Die ukrainischen Angriffe auf die Landverbindung zur Krim, insbesondere die Brücken aus Cherson, dürften darauf ausgerichtet sein, die Halbinsel weitgehend vom restlichen besetzten Territorium zu isolieren oder zumindest größere Transporte dorthin – sowie den für die Wirtschaft der Krim wichtigen Touristenreisen aus Russland zur Sommersaison – zu unterbinden.
Der einzige verbleibende Weg wäre dann die oft als Krim-Brücke bezeichnete Kertsch-Brücke zwischen dem Ostende der Halbinsel und Russland. Diese ist von Russland nach ukrainischen Angriffen 2022 und 2023 nicht mehr für militärisch relevante Transporte benutzt worden. Stattdessen setzte Russland seitdem vor allem auf den Ausbau der nun gefährdeten Landroute sowie Fährenverbindungen, die jedoch auch regelmäßig Ziel ukrainischer Angriffe sind.