Reutlingen (Baden-Württemberg) – Ein Loch im Zaun, notdürftig mit Kabelbindern geflickt. Unscheinbar, leicht zu übersehen. Doch genau durch diese Lücke gelangten nach ersten Erkenntnissen unbekannte Täter in das Umspannwerk Reutlingen-West und legten vier Brände. Die Folge: 40.000 Menschen ohne Strom, eine ganze Stadt im Chaos. Die Ermittler sind sich sicher, dass es Brandstiftung war. Offenbar lassen Spuren am Tatort kaum einen anderen Schluss zu. Und es gibt erste Vermutungen dazu, wer dahinterstecken könnte.
Der Verdacht wiegt schwer: „Vorsätzliche Brandlegung und Störung öffentlicher Betriebe“, sagte Innenminister Manuel Hagel (38, CDU) am Montagabend. Der Staatsschutz und das Antiterrorzentrum des Landeskriminalamts haben die Ermittlungen übernommen. Hagels Ansage ist klar: „Wir werden die Täter mit aller Härte zur Rechenschaft ziehen.“
Autoreifen und Brandbeschleuniger benutzt
Wie BILD erfuhr, öffneten noch Unbekannte den Zaun an einer Ecke. Das Loch wurde am Montag provisorisch mit Kabelbindern repariert. Im Inneren angekommen, legten sie offenbar vier Brände. Nach neuen Informationen von BILD und WELT benutzten die Täter Brandbeschleuniger und Autoreifen. Fotos zeigen übrig gebliebene dünne Drahtgeflechte.
„Es bestehen Anhaltspunkte dafür, dass der Brand durch eine vorsätzliche Straftat gelegt wurde“, bestätigten zuvor bereits die zuständigen Terror-Fahnder. Das Feuer richtete innerhalb von Sekunden enormen Schaden an der kritischen Infrastruktur an und stürzte weite Teile der Großstadt ins Dunkel.
Ermittler prüfen Verbindung zu früherem Anschlag
Wer hinter den Bränden steckt, ist noch nicht klar. Aus Behördenkreisen in Berlin hieß es nach BILD-Informationen, dass es sich um eine Solidaritätsaktion für die Gruppe „Ulm5“ handeln könnte. Die israelfeindlichen Aktivisten sollen im September 2025 in die Ulmer Niederlassung des Rüstungskonzerns Elbit Systems eingebrochen und dort Verwüstungen mit einem Millionenschaden verursacht haben. Seit April läuft in Stuttgart der Prozess gegen die Bande.
Die Ermittler haben aber einen anderen, stärkeren Verdacht. Polizeisprecherin Tina Rempfer (51) zu BILD: „Mögliche Zusammenhänge zum Anschlag in Berlin werden geprüft.“ Das bestätigt auch Jürgen Glodek (60), Sprecher des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. Wie BILD aus Sicherheitskreisen erfuhr, weist das Brandbild im Umspannwerk Parallelen zu dem Feuer an einer zentralen Kabelbrücke in Berlin auf. Auch dort hatten die Flammen zeitgleich mehrere Hoch- und Mittelspannungskabel erfasst, kamen Reifen und Brandbeschleuniger zum Einsatz. Die linksextremistische anonyme „Vulkangruppe“ bekannte sich zu dem Anschlag, der den schwersten Stromausfall seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte. Rund 45.000 Haushalte waren betroffen.
Sicher ist: Der oder die Täter gingen in Reutlingen ein großes Risiko ein. Die Stelle, an der sie den Zaun aufbrachen, ist nur schwer zu erreichen. Sie liegt rund 80 Meter vom nächsten Waldweg entfernt. Dazwischen: dichter Wald mit Gestrüpp und ein kleiner Bach, der ebenfalls überquert werden musste. Und das alles im stockfinsteren Wald: Laut Innenminister Hagel brach das Feuer mitten in der Nacht, um 01.43 Uhr, aus.
Drei Prioritäten für die Behörden
Laut dem Minister gibt es drei Dinge, die nach der mutmaßlichen Brandstiftung aktuell auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. Erstens: Die Stromversorgung soll vollständig wiederhergestellt werden. Wann alle Haushalte wieder am Netz sind, ist noch unklar. Zweitens: Die Schäden durch die Brände müssen beseitigt werden. Drittens: Die Täter sollen ermittelt werden.