Kultur

Worin der wahre Luxus eines Museums besteht

Worin der wahre Luxus eines Museums besteht

Kunst ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit, soll der Maler Lyonel Feininger gesagt haben. „Kunst ist kein Luxus, Kunst gehört zum Leben“, hat später der Dirigent Simon Rattle ergänzt. Und der Schriftsteller Salman Rushdie ist sich sicher: „Kunst ist kein Luxus. Sie ist die Essenz unserer Menschlichkeit.“ Wenn selbst der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sein sanierungsbedürftiges Schloss für eine Pop-up-Ausstellung mit den Worten räumt, die Kunst sei „kein Luxus, sondern essenzieller Teil der demokratischen Debatte“, dann muss das alles wohl stimmen. Allein der Preis von Kunstwerken kann mit dem Preis klassischer Luxusgüter bekanntlich nicht nur mithalten, sondern ihn oft übertreffen.

Der Hamburger Bahnhof, Berlins größtes Museum für zeitgenössische Kunst, leistet sich derzeit den Luxus, seine riesige Historische Halle mit 400.000 würfelförmigen Holzklötzen zu füllen. Auf Einladung der litauischen Künstlerin Lina Lapelyte breiten sie sich auf dem Boden zu Hügeln, Halden und kleinen Bauwerken aus. Die Besucher sind angehalten, eifrig mitzubauen – ein Angebot, das vor allem von Kindern begeistert angenommen wird. Gelegentlich tauchen singende Performer in der Baustelle auf und „aktivieren“ das „lebendige Monument für Zeit, Fürsorge und Koexistenz“, wie es im Museumssprech heißt. Finanziert wurde das Projekt von Chanel. Wer Kunst sehen will, statt sie erst zu bauen, muss in der Bahnhofshalle links abbiegen.

Ankaufsetat im fünfstelligen Euro-Bereich

Im Westflügel zeigt das Museum, was es in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten gesammelt hat. Die Ausstellung „Tausendmal Berlin“ fokussiert auf Kunstwerke seit dem Wendejahr 1989, die die Berliner Kunstszene „im globalen Dialog“ repräsentieren. Der Hamburger Bahnhof feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag. Seit seiner Eröffnung ist er auch eine Institution jener Generation, die den Kunstboom der 1990er- und 2000er-Jahre mitgetragen hat. Als „Nationalgalerie der Gegenwart“, wie das Museum seit Kurzem heißt, hat es den Auftrag, Gegenwartskunst zu sammeln. Und damit wären wir beim eigentlichen Luxus dieses Hauses: Denn eigenes Geld, um Kunst zu kaufen, gibt es nur in kaum nennenswertem Umfang.

„Es ist kein sechsstelliger Betrag pro Jahr“, sagt Till Fellrath, Direktor des Hamburger Bahnhofs auf WELT-Nachfrage, „aber es ist essenziell, dass ein Museum weiter sammeln kann.“ Von der öffentlichen Hand fordert er, dieser Verpflichtung nachzukommen. Ohne private Gelder – sei es direkt, sei es über Fördervereine – und ohne großzügige Schenkungen geht beim musealen Kunstsammeln jedenfalls kaum etwas.

Das zeigt der Blick auf die Labels der rund 70 ausgestellten Kunstwerke. Die minimalistische Architekturskulptur „Cellule No. 2“ von dem jung verstorbenen, israelisch-französischen Konzeptkünstler Absalon kam über eine Schenkung von Friedrich Christian Flick in die Sammlung; Flick, der seine umfangreiche Dauerleihgabe, die in den Rieck-Hallen des Museums gezeigt wurde, vor einigen Jahren abzog, hatte der Nationalgalerie 2008 und 2015 mehrere Werkgruppen geschenkt. Norbert Biskys große Protestierer-Leinwand „Eclipse“ wurde 2024 vom Verein der Freunde der Nationalgalerie und einem privaten Unterstützer erworben.

Monica Bonvicinis Duchamp zitierende Flaschentrockner-Skulptur „Fleurs du Mal (twisted)“ wurde vom neuen Förderverein Hamburger Bahnhof International Companions angekauft. Xinyi Chengs Gemälde „Stijn in the Red Bonnet“ verdankt sich einer Investition der Schweizer Baloise Group. Und um eine Serie von acht Bildern zur Berliner Spätkauf-Popkultur von Elif Saydam erwerben zu können, bewarb sich der Hamburger Bahnhof um den mit 50.000 Euro dotierten Tiemann-Preis des gleichnamigen Berliner Stifterehepaars – und überzeugte die Jury.

„Der Zweck des Sammelns ist, dass zukünftige Generationen nicht nur Objekte, sondern auch die Fragen erben, die Kunstwerke beinhalten“, sagte Sam Bardaouil, Ko-Direktor des Hamburger Bahnhofs. „Fragen, die ungelöst bleiben, die uns weiterhin herausfordern, die uns helfen zu verstehen, wer wir waren, wer wir heute sind und, vielleicht wichtiger, wer wir noch werden können.“ Die Verantwortung des Museums liege darin, „einen Ort zu sichern, an dem zukünftige Generationen die Komplexität ihrer eigenen Zeit erleben“.

Nun kommt es auf den Hamburger Bahnhof an, diesen Ort auch so zu bespielen, dass dieser Auftrag vermittelt wird. Die aktuelle Sammlungspräsentation kann dafür ein Anfang sein. Sie zeigt jedenfalls, dass die Ankaufspolitik der vergangenen Jahre sowohl die Berliner Ausnahmesituation als lokale Kunstproduktionsstätte spiegelt als auch auf internationale Qualität setzt. Ein Raum der Ausstellung ist etwa dem Gesamtkunstwerksduo Eva & Adele gewidmet, das über Jahrzehnte omnipräsent im Kunstbetrieb war, bis Eva 2025 starb.

Andreas Gurskys fotografisches Wimmelbild „Singapore Stock Exchange I“ von 1997 überzeugt auch in der unprätentiösen Hängung auf Metallleisten und Wellblechstellwänden, die im Hamburger Bahnhof zum Gestaltungsmotiv geworden sind. Eine der frischesten Neuerwerbungen, die prophetische Videoinstallation „Dedicated to the Youth of the World“ von Yarema Malashchuk und Roman Khimei, erinnert an den Verlust von Jugend, den eine ukrainische Generation derzeit erleidet. Und selbst Anselm Kiefer, der zur Eröffnung des Hamburger Bahnhofs mit monumentalen Bleiarbeiten die große Halle füllte, wird aus dem Depot geholt: Sein Bild „Leviathan“ von 1989 mahnt noch immer eindringlich den übergriffigen Staat.

Auch die Bundesrepublik Deutschland sammelt Kunst. Ein kluger Zug von Till Fellrath und Sam Bardaouil war es, diesen staatlichen Auftrag mit dem der Nationalgalerie zu verzahnen und ausgewählte Werke aus Bundeseigentum als Leihgaben in die Ausstellung zu holen. Darunter sind etwa Ming Wongs witziger, von Fassbinder inspirierter Videosprachkurs „Lerne Deutsch mit Petra von Kant“ und Katharina Sieverdings ikonisch-skeptisches Triptychon „Deutschland wird deutscher“, aber auch die Wohnzimmer-Installation „Treuhand Intern“ der kurz vor ihrem großen Biennale-Auftritt im Deutschen Pavillon von Venedig verstorbenen Henrike Naumann. Der Hamburger Bahnhof zeigt damit nicht nur, was er hat, sondern auch, was die Republik besitzt – und was sie von sich zeigen will.

Am Eingang zur Ausstellung übersieht man beinahe eine Vitrine mit dem Flyer zu einer Schau, die der damalige Direktor Udo Kittelmann organisiert hatte. „Hello World“ wollte 2018 die nationale Sammlung auf den Kopf stellen, Fragen an den Kanon richten und damit auch die Sammlungsstrategie verändern. Kuratorische Moden wechseln. Die Pflicht, mit der eigenen Sammlung zu arbeiten, bleibt. Warum also nicht wieder einmal am schönsten Ort, den der Hamburger Bahnhof zu bieten hat?

„Tausendmal Berlin. Die Sammlung Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart“, ab 12. Juni 2026, Berlin

Vielleicht verpasst