Kultur

Wie man die Welt umsegelt – auf einem Stausee

Wie man die Welt umsegelt – auf einem Stausee

Der neue Roman des polnischen Literaturstars Szczepan Twardoch spielt nicht nur an einem Freitag (auf Polnisch, in Lautschrift: Piontek), er erzählt auch von einem Herrn namens Freitag: Erwin Piontek ist „Bergrentner“, also Bergmann im Ruhestand. Er wacht morgens leider immer noch viel zu früh auf, als müsste er sich jetzt rasieren, seinen Proviant richten, und pünktlich unter Tage einfahren. Die Geschichte spielt in Schlesien, das wie das Ruhrgebiet eine traditionelle Steinkohlebergbauregion ist.

In seinem Dorf Pilchowice bei Gliwice, dem früheren Gleiwitz, denkt der schlesische Bergmann Piontek, der als Kind einmal ein Segelferienlager nahe Danzig verbrachte, dass er im Grunde viel lieber zur See gefahren wäre, als unter Tage zu malochen. Jetzt eine Weltumsegelung wie weiland Leonid Taliga, der polnische Abenteurer, das wär’s! Leider läuft es nur auf den fünf Kilometer langen Stausee von Rybnik hinaus. Ein Freizeitgewässer, auf dem der Träumer Piontek die Weltumsegelung simuliert und sich ausmalt, gleich gehe es von der Biskaya in den offenen Atlantik.

„Was soll der Quatsch?“, fragt sogar die Polizei, als Piontek zum Entsetzen seiner Familie zum regionalen TV-Ereignis und Gespött geworden ist. Was für ein Kauz, der monatelang seine Runden auf einem Wasser-Gehege dreht, als spiele er Xavier de Maistres Erzählung „Reise um mein Zimmer“ nautisch nach. Der Riesen-Wels, der dabei ab und an Pionteks Segeljacht knabbert, liest sich wie ein poetischer Verwandter von László Krasznahorkai, in dessen Roman „Melancholie des Widerstands“ es bekanntlich sogar ein Wal ist, der sich den Binnenland-Menschen bis auf den Marktplatz nähert.

Konnte man Twardochs Buch bis hierher als Parabel auf das Motto „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum“ lesen, zeigen der zweite und der dritte Teil des Romans, dass Träume enorm abhängig von dem Zeitalter sind, in dem sie gedeihen, und die Sehnsucht, Altvertrautes wie Heimat und Alltag zu verlassen, ruckzuck in einen Albtraum münden kann.

„Da kam mir der Gedanke, dass Erwin Piontek jemand ganz anderes hätte sein können. Erwin Piontek musste ja nicht an dem Tag geboren werden, an dem er geboren wurde, musste nicht so erzogen werden, wie er erzogen wurde. Erwin Piontek hätte früher oder später geboren werden können … Doch wäre er dann Erwin Piontek geworden?“ Mit diesem Gedankenspiel gönnt sich der auktoriale Erzähler des Romans die Freiheit, nicht nur allwissend, sondern allmächtig zu sein.

Qua Zeitsprung verlagert sich die Handlung ins Jahr 1905. Ein gewisser Erwin Piontek aus Pilchowitz bei Gleiwitz in Schlesien fährt jetzt tatsächlich zur See, landet in Deutsch-Südwestafrika und gerät in den Aufstand der Herero und Nama, den die deutschen Kolonialherren zum Anlass ihres Völkermords nehmen. Später wird er Farmer und imaginärer Attentäter auf den deutschen Offizier Curt von Francois in Königswusterhausen bei Berlin.

Polen 2031 ist kein „Pseudopolen“ mehr

Der dritte Teil des Romans hüpft in die Zukunft, ins Jahr 2031. Aus Polen ist ein autoritär regierter und nach Russland orientierter „Volksstaat“ geworden, und Erwin kommt in diesem Regime, das sich als Gegenentwurf zum „Pseudopolen“ der Jahre 1989 bis 2028 versteht, eine ganz besondere Aufgabe zu. „Erwin, jetzt musst du dich selbst erzählen, verstehst du?“ Mehrfach unterhalten sich Erzähler und Hauptfigur im dritten Teil vor den Augen des Lesers, streiten sogar ums letzte Wort. Twardoch gönnt sich und allen, die bei so etwas mitgehen, metafiktionale Späße, die sein Werk seit jeher grundieren.

Ironisch aufgespießt werden gängige Twardoch-Topoi wie sein Waffen-Spleen und sein Uhren-Fetisch, wobei das chronometrische Dingsymbol im dritten Teil, in dem auch ein deutscher Bundeskanzler Tino Chrupalla seinen Auftritt hat, auf die chinesische Kopie einer Patek Philippe hinausläuft.

Alle drei Erzählsituationen, zumal die zweite und dritte, hätten vollwertige Romane für sich werden können. Fehlte Twardoch der lange Atem oder die Lust, das in toto zu erzählen? Oder will er demonstrieren, was ein Romancier mit Zeit, Ort und Handlung alles anstellen könnte, wenn er nur wollte? „Sehnsucht“ treibt das in neue Dimensionen, ist eine einzige Ode auf die magische Kraft des Erzählens. Dass die Topoi Kolonialismus und Nationalismus dabei nicht plump wie in einem Thesenroman abgehandelt, sondern in ihren Abgründen und Affektionspotenzial gleichermaßen beleuchtet werden, versteht sich bei einem Autor der Liga Twardoch von selbst.

Szczepan Twardoch bleibt – neben der herrlich eigensinnigen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk – sein eigenes Literaturkraftwerk, das mit jedem neuen Werk Energie nicht nur in die polnische Literatur, sondern in die Weltliteratur pumpt. Schade nur, dass sein neuester – von Olaf Kühl gewohnt souverän übersetzter – Roman, den polnischen Titel so sträflich vernachlässigt. Wörtlich übersetzt hätte „Powiedzmy, że Piontek“ auf Deutsch „Sagen wir, Freitag“ geheißen. Zieht der relativ beliebige Titel „Sehnsucht“ in Verbindung mit einem Edward-Hopper-Gemälde, das ein Segelboot auf einem See zeigt, wirklich mehr? Die Lektüre lohnt sich bis zum letzten Satz, der da lautet: „Sagen wir, ENDE“.

Szczepan Twardoch: Sehnsucht. Aus dem Polnischen von Olfa Kühl. Rowohlt Berlin, 222 Seiten, 24 Euro

Vielleicht verpasst