Kultur

Wie eine Berliner Milchbar beweist, dass Karl Marx recht hatte

Wie eine Berliner Milchbar beweist, dass Karl Marx recht hatte

Die Geschichte der Mokka-Milch-Eisbar an der Berliner Karl-Marx-Allee, die in dieser Woche wiedereröffnet wurde, ist der Beweis für Marx’ Theorie von Basis und Überbau. Demnach bestimmen die Produktionsverhältnisse einer Gesellschaft die Entwicklung ihrer Kultur, also ihres Überbaus. Anfang der 60er-Jahre schienen die beiden konkurrierenden Systeme Kapitalismus und Kommunismus eine Zeit lang ökonomisch gleichauf zu liegen. Der Schock über den Sputnik und den Vorsprung der Sowjetunion ließ sogar kurzfristig den Verdacht aufkommen, der Ostblock würde den Westen jetzt abhängen.

Auch in der DDR begann man sich endgültig von den Verwüstungen des Weltkriegs und der sowjetischen Industriedemontage zu erholen – nicht zuletzt, weil der Mauerbau die Abwanderung von Fachkräften bremste. In dieser Zeit der Hoffnung, die auch mit einem kurzen „Tauwetter“ verbunden war, sahen sich West- und Ostdeutschland so ähnlich wie nie. Nicht nur die Neubauten der Karl-Marx-Allee, die bis 1964 von Friedrichshain zum Alexanderplatz verlängert wurde, konnten sich weltweit sehen lassen – auch das, was darin war, entsprach dem internationalen Trend. Und der ging zur Milchbar. 

Dieser gastronomische Typus aus den USA wurde nach 1945 zu einer globalen Mode. Nicht zufällig ließ Anthony Burgess in seinem 1962 erschienenen düsteren Zukunftsroman „A Clockwork Orange“ den Schläger und Vergewaltiger Alex mit seinen „Droogs“ in einer Milchbar namens „Korova“ verkehren. Eine Zukunft ohne Milchbar war undenkbar. Durch Stanley Kubricks Verfilmung des Romans wurde die mit nackten Frauenkörpern dekorierte „Korova“-Bar dann ikonisch. Im Vergleich dazu war das Design der Mokka-Milch-Eisbar an der Karl-Marx-Allee nicht so aufregend. Doch ihre Gestaltung entsprach dem damaligen internationalen modernistischen Standard. Rasch wurde sie zum Treffpunkt von Ost-Berliner Jugendlichen. Thomas Natschinski besang sie 1968 im Schlager „Mokka-Milch-Eisbar“.

Ab 1970 entwickelten sich dann die Produktionsverhältnisse in der DDR und der BRD mehr und mehr auseinander. Und in vielen Bereichen blieb, wie Marx es beschrieben hatte, auch der Überbau stehen – vor allem beim Design. Was Wessis nach 1989 als typische DDR-Ästhetik wahrnahmen, war zu einem großen Teil die globale Formensprache der frühen 60er-Jahre: Der Wartburg und der Trabant, die äußerlich der Normalität ihrer Konstruktionsjahre entsprachen, waren kaum verändert und sahen nun lächerlich aus. Kugelaschenbecher auf Ständern, die 1965 in Ost und West allgegenwärtig waren (es gibt ein Bild von Doors-Sänger Jim Morrison, der einen streichelt) – standen im Osten weiter herum und auch die Mokka-Milch-Eisbar existierte immer noch, während im Westen die Milchbars längst von McDonald’s-Filialen verdrängt worden waren. Erst der entfesselte Nachwende-Kapitalismus hat ihr den Garaus gemacht. 

Wenn die Begeisterung über die Wiedereröffnung nun in Berlin Wellen schlägt, hat das nur zum Teil mit DDR-Ostalgie zu tun. Mindestens genauso gut ist sie dem ungebrochenen Retro-Boom und der Begeisterung für das Mid-Century-Design geschuldet. Burgess’ Droogs oder die jungen Pariser aus Godards „Masculin – Feminin“ würden sich dort wohl nicht fremd fühlen. 

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