Die Stimmung ist nicht prickelnd im Land. Die Wirtschaft dümpelt vor sich hin, die Steuern sind zu hoch, der Staat ist überfüttert, und die Regierung verspricht im Rhythmus der Jahreszeiten Reformen, von denen nach viel Gezanke nur Reförmchen übrig bleiben.
Beschwingte Politiker, engagierte Unternehmer und emsige Hauptstadtjournalisten fühlen sich berufen, etwas Aufhellung herbeizureden. Sie fordern in diesen Tagen eine „positive Erzählung“, als führe der Weg aus der Krise vor allem über das richtige Mindset.
Der Familienunternehmer Maximilian Viessmann fordert in einem Interview „ein positives Narrativ“. Dennis Radtke, Chef des Arbeitnehmerflügels der Union, wünscht sich von seiner Partei eine „positive christdemokratische Zukunftserzählung“. Und der PR-Profi Jannis Johannmeier erwartet von der politischen Mitte „positive Propaganda“. „Positive Narrative funktionieren – wenn sie kraftvoll erzählt werden“, sagt Johannmeier.
Selbst Friedrich Merz gab im November auf einem Event der Finanzbranche den Erzähltheoretiker. Deutschland brauche als Land eine positive Erzählung, sagte der Kanzler, „eine Erzählung, die anschaulich darlegt, dass sich Investitionen in unser Land, dass sich Investitionen in die Unternehmen unseres Landes lohnen.“ Gehen Menschen also dann zur Wahl, wenn man ihnen zuvor nur das Richtige erzählt hat? Weil man sie erfolgreich eingefangen hat mit einem alles überspannenden Narrativ?
Wenn Politik zum Kindergarten wird
Das klingt ein bisschen nach Kindergarten und dem berühmten Pilzspiel. Man versammelt sich im Kreis und hält gemeinsam ein quietschbuntes Schwungtuch in den Händen. Durch koordinierte Bewegungen bringt die Tigerenten-Gruppe das Tuch zum Schwingen. Auf Kommando rennen alle Kinder unter das Schwungtuch und kauern in einem wohlgeformten Kreis, während sich das Tuch zu einer Kuppel wölbt. Von außen sollte es nun (wenn alle brav auf die Kommandos gehört haben!) aussehen wie ein bunter Pilz.
Alle Kinder erfüllen eine Aufgabe, keiner wird zurückgelassen, keiner schert aus: die Schicksalsgemeinschaft Schwungtuch.
Wenn das Positive ins Autoritäre tendiert
Aber was geschieht mit jenen, die sich unwohl fühlen unter dem narrativen Kuppelzelt? „Wir schaffen das“, sagte Angela Merkel im Spätsommer 2015. Die Worte der Kanzlerin waren eine gemeinsame Erzählung, ein positives Narrativ. Nur fühlten sich viele von diesem Wir, das die Kanzlerin formulierte, überhaupt nicht angesprochen, sie wollte das nicht schaffen.
Jede Erzählung, die von der Politik, der Wirtschaft, von NGOs und Medien über eine Gesellschaft gelegt wird, wirkt beengend für jene, die sich in dieser Erzählung nicht wiederfinden. Die positive Erzählung kann ihre Beschwingtheit verlieren, wenn Menschen ausscheren und Zweifel äußern und die tonangebende Mehrheit diese Abweichung ächtet, dann tendiert das Positive ins Autoritäre.
Es ist ja nicht so, dass es mit der gemeinsamen Erzählung noch keiner probiert hat. Im Schloss Bellevue versucht Frank-Walter Steinmeier seit Jahren, von seiner politischen Vergangenheit als Außenminister abzulenken und bundespräsidial das große Wir zu beschwören.
Er redet viel und sehr langsam von Zusammenhalt, Solidarität und putzt am Tag des Ehrenamtes Wanderwegschilder auf der Schwäbischen Alb. Doch das scheint kaum jemanden zu interessieren, außer den mitgebrachten Fotografen und ein paar politikjournalistischen Feinschmeckern.
Das mag an Steinmeiers fehlendem Charisma liegen. Oder daran, dass die meisten Menschen eine eigene Vorstellung davon haben, wie ihr Leben aussehen soll. Sie wollen ihre Biografie selbst schreiben.
Wer sich Vertrauen leisten kann – und wer nicht
Der Wunsch nach einer gemeinsamen Erzählung wirkt fast rührend. Er ist hilflos und bestimmt nicht bösartig gemeint. Doch er zeugt von Unverständnis. Wer glaubt, dem Land fehle vor allem eine gute Erzählung, entmaterialisiert die alltäglichen Sorgen der Menschen.
Kann ich mir die nächste Mieterhöhung leisten? Was mache ich bei einer Nebenkostennachzahlung, weil der Winter so kalt war? Wie teuer ist die Betreuung meiner Kinder? Warum kann ich mir keinen Urlaub mehr leisten? Warum zahle ich so viele Sozialabgaben und bekomme trotzdem keinen Hautarzttermin, wenn ich ihn dringend brauche? Werde ich bei der nächsten Kündigungswelle gefeuert?
Diese Fragen lassen sich nicht mit einem Narrativ beantworten. Diese Ängste lassen sich nicht durch einen metaphysischen Zauberspruch wegzaubern: „Eene meene Zukunftsschreck, Probleme reden wir uns weg.“ Oder, um es drastischer zu formulieren: Man muss sich leisten können, an das politische System des Landes zu glauben, in dem man lebt.
Wer in einer schönen Altbauwohnung wohnt, einen sicheren, gut bezahlten Job hat, im Supermarkt den Wagen volllädt, ohne auf die Preise achten zu müssen, wer noch Kapazitäten hat für postmaterielles Metaphysik-Chi-Chi, der mag sich nach einer anschmiegsamen Märchenerzählung sehnen. Aber wer sich sein Leben kaum noch leisten kann, trotz großer Anstrengung, verliert sein Vertrauen in die Demokratie.
Da helfen auch keine schönen Erzählungen. It’s not the story! It’s the economy, stupid!