Kultur

Wer den Titel „Sachbuch des Jahres“ wirklich verdient hätte

Wer den Titel „Sachbuch des Jahres“ wirklich verdient hätte

Seit 2021 existiert der Deutsche Sachbuchpreis, mit dem das wichtigste nichtfiktionale Werk eines Jahres ausgezeichnet wird. Dem Buchhandel wünscht man ein im besten Sinne auch verkaufs­trächtiges Werk – und noch besser ein für männliche Leser interessantes, denn das traditionelle „Dad Book“ schwächelt, nicht nur in den USA, auch in Deutschland. Männer lesen bekanntlich lieber Sachbücher als Romane, doch zuletzt hatte das Genre, das noch während der Corona-Zeit und mit Beginn des Ukraine-Krieges beachtlich boomte, rückläufige Marktanteile. Es gibt, ganz ohne Jury-Insiderwissen, das hier sowieso nicht ausgeplaudert werden dürfte, ein paar objektive Befunde, welches der acht nominierten Werke den Preis besonders verdient hätte.

Heike Behrend: Gespräche mit einem Toten

Gustaf Nagel. Prophet vom Arendsee (Matthes & Seitz, 312 Seiten, 28 Euro)*

Gustaf Nagel. Prophet vom Arendsee (Matthes & Seitz, 312 Seiten, 28 Euro)*Gustaf Nagel. Prophet vom Arendsee (Matthes & Seitz, 312 Seiten, 28 Euro)*

Die Ethnologin Heike Behrend gehört mit ihren Büchern zu den originellsten Stimmen der Essayistik. Schon ihr Buch „Menschwerdung eines Affen“ über ihre Expeditionen nach Afrika war ein Hit, weil sie sich als Subjekt der Ethnologie selbst mit einbrachte (wie es in diesem Fach seit Levi-Strauss Tradition hat – gleichwohl nicht jedermanns Sache ist). Jetzt interpretiert Behrend einen „Kohlrabiapostel“ aus der Epoche des deutschen Kaiserreichs, und zwar im Lichte ihrer eigenen afrikanischen Erfahrungen als „Propheten“.

Fazit: Dieses Porträt über einen spinnerten Lebensreformer hat den Preis verdient, ist aber etwas zu speziell, um jeden lesenden Dad zu erreichen.

Florence Gaub: Szenario

Die Zukunft steht auf dem Spiel (DTV, 512 Seiten, 25 Euro)*

Außenpolitik in Planspielen: Das ist die Stärke der auch aus Talkshows bekannten Autorin, die das Nato Defense College in Rom leitet. Szenarien zur Geopolitik sind seit jeher ein Sachbuch-Genre eigenen Ranges – beliebt bei Historikern und Politikwissenschaftlern. Preiswürdig ist, dass und wie das Buch Zusammenhänge zwischen komplexen Akteuren herstellt. Fraglich ist, ob man für diese Form von Analyse ein Buch kauft – und welche Halbwertszeit es hat. Lesen Sie hier ein Interview mit Florence Gaub.

Fazit: Szenarien auf Buchlänge sind immer noch das Privileg der Science-Fiction.

Tilmann Lahme: Thomas Mann

Ein Leben (DTV. 592 Seiten, 28 Euro)*

Eine solide und süffig zu lesende Biografie, voriges Jahr zum 150. Geburtstag und 70. Todestag erschienen. Und doch gab es auch Kritik (etwa von Roman Bucheli in der „NZZ“): Ob hier wirklich ein rundes, ausgewogenes Bild von Thomas Mann gezeichnet werde? Oder ein obsessiv auf ein Thema hingeschriebenes Lebensbild (Manns unterdrückte Homosexualität)? Kürzlich legte Artur Abramovych dieses Argument noch einmal nach. In einem Essay für die „Junge Freiheit“ kritisierte er den queeren Zeitgeist, den diese Biografie über Thomas Mann ausbreite. Das Argument übersieht jedoch, dass Lahme einen Aspekt behandelt, der in der Thomas-Mann-Philologie lange unterschlagen wurde. Zudem hat Lahme Lücken geschlossen, auch bei der Überlieferung von Manns Tagebüchern.

Fazit: Biografien sind immer preiswürdig, doch ob ausgerechnet ein Schriftstellerporträt das „Dad Book“-Genre beflügelt, ist fragwürdig. Denn wer Thomas Mann wollte, konnte ihn schon vergangenes Jahr kaufen.

Konstantin Richter: Dreihundert Männer

Aufstieg und Fall der Deutschland AG (Suhrkamp, 543 Seiten, 30 Euro)*

Man nehme, erstens, die wirtschaftliche Lage in Deutschland, die mies ist und im strukturellen, vielleicht sogar irreversiblen Niedergang begriffen. Man nehme, zweitens, ein hervorragend geschriebenes, ein nach der Methode Florian Illies erzähltes, also in Vignetten komponiertes Buch. Man nehme, drittens, ein gesellschaftsweit relevantes, bis in die Gegenwart ausstrahlendes Thema, das Deutschland auszeichnet, ja vielleicht sogar der Glutkern deutscher Mentalität, Identität und Prosperität ist: die deutsche Industrie. Der Clou des Buches: Alle großen deutschen Unternehmen, und sämtliche Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft haben bis heute ihren Ursprung im deutschen Kaiserreich. Noch selten hat das jemand fürs breite Publikum so packend aufgeschrieben wie Konstantin Richter.

Fazit: „Dreihundert Männer“ handelt vom „Aufstieg und Fall der Deutschland AG“ und könnte das ultimative Dad Book sein, das wir jedem Vater oder Großvater, der liest, auf den Gabentisch zum Geburtstag oder unter den Weihnachtsbaum legen. Wenn man ein gut geschriebenes, interessantes Buch auszeichnen will, über das man sich auch auf Familienfesten klug unterhalten kann, dann dieses!

Irina Scherbakowa: Der Schlüssel würde noch passen

Moskauer Erinnerungen (Droemer, 328 Seiten, 25 Euro)*

„Wenn mich jemand fragt, ob ich Sehnsucht nach Moskau hätte, reagiere ich allein auf das Wort allergisch. Das Gefühl, das mich beim Gedanken an diese Stadt befällt, die so lange meine Heimat und die meiner Familie war, ist nur schwer zu greifen. Vielleicht ist es eher eine Mischung aus Trauer und Verdrängung.“ Mit diesen Sätzen beginnt das aktuelle Buch der Publizistin Irina Scherbakowa. Die 1949 in Moskau geborene Publizistin, die Germanistik und Geschichte studierte und als Mitarbeiterin der Forschungsstelle Memorial (zu Verbrechen des Stalinismus und Sowjetsystems) bekannt wurde, lebt seit 2022 im Exil in Deutschland. Im selben Jahr wurde sie – neben dem belarussischen Anwalt Ales Bjaljazki und dem ukrainischen Zentrum für bürgerliche Freiheiten – mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Lesen Sie hier mehr über Irina Scherbakowa und ihre Erfahrungen.

Fazit: Scherbakowas Buch, das an die Freiheiten des Individuums in totalitären Systemen erinnert, hätte den Preis verdient.

Bettina Schöne-Seifert: Leben, Körper, Tod

Zwölf aktuelle Kontroversen in der Medizinethik (Wallstein, 352 Seiten, 28 Euro)*

Falls man dieses Buch auszeichnet, hebt man gleichsam eine neue Gattung in den Sachbuch-Olymp. Den Edel-Ratgeber, denn immerhin geht es in dem Buch um existenzielle Fragen der Medizinethik wie Suizidhilfe, Demenzverfügung, Organspende und Leihmutterschaft. Essayistischer als in „Leben, Körper, Tod“ wurde dieses Thema bislang kaum verhandelt.

Fazit: Es würde in unsere Selfhelp-Zeit passen, dieses Buch auszuzeichnen, und doch ist es – im Gegensatz zu einem klassischen Wissensgebiet, mit dem sich alle gern freiwillig beschäftigen – ein Thema, mit dem sich zuvorderst Betroffene beschäftigen werden.

Roberto Simanowski: Sprachmaschinen.

Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. C.H. Beck (288 Seiten, 23 Euro)*

Künstliche Intelligenz ist ein Megathema unserer Zeit. Doch angesichts der vielen Aspekte, die es birgt – von KI-Industrie über die Angst vor Arbeitsplatzverlust bis hin zur Frage, wie „KI“-frei die künstlerischen und schriftstellerischen Berufe bleiben wollen/sollen/können – wirkt das Werk von Simanowski eher wie eine Momentaufnahme. Zweifellos ist es anspruchsvoll und philosophisch tief geschrieben. Doch es ist mit seinen Exkursen sicher kein Buch, das populär genug ist, um massenweise Dad verschenkt zu werden.

Fazit: Bei diesem Thema könnte der stilistisch ungleich versiertere Rüdiger Safranski das Rennen machen, dessen Buch „Die vierte Kränkung. Menschlicher Geist im Schatten Künstlicher Intelligenz“ für August bei Hanser angekündigt ist.

Ronen Steinke: Meinungsfreiheit

Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken – und wie wir es verteidigen (Berlin Verlag, 304 Seiten, 24 Euro)*

Steinke gehört zu den wichtigsten Journalisten seiner Generation und mischt sich als promovierter Jurist und Publizist immer wieder zielführend in gesellschaftliche Debatten ein. Er argumentiert, warum wir mehr Meinungsfreiheit wagen sollten, anstatt zu glauben, man überzeuge Menschen, indem man ihnen den Mund verbietet. Auf Buchlänge dürfte das aber vor allem Politiker, Juristen und Journalisten interessieren, doch ist es ein klassisches „Dad Book“?

Fazit: Dem lesenden Mann wird man dieses Buch vermutlich nicht unbedingt als Urlaubslektüre schenken, dem klassischen Bildungsbürger auch nicht zwingend. Nicht weil das Buch nicht preiswürdig ist, sondern weil man sich zum Thema fortlaufend über Medien und Leitartikel informieren kann.

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