Temperaturen um die 30 Grad Celsius gelten für Hamburger schon als extrem. Entsprechend groß ist derzeit der Andrang an den Freibädern der Hansestadt. Doch im Festlandbad im Stadtteil Altona erlebten Erfrischungssuchende in den letzten Tagen eine Enttäuschung. Mitten im Hitzesommer war der Außenpool für Besucher gesperrt. Ein Schild informierte Besucher, dass das 25-Meter-Becken bis auf Weiteres nicht betreten werden dürfe. Die Ursache der vorübergehenden Sperrung ließ sich bei einem Blick aufs Wasser erahnen. Der sonst himmelblau leuchtende Pool hatte eine ungesund grüne Farbe. Die Ursache: Algen.
„Normalerweise ist Hitze in Hamburg ja nicht so das Problem“, scherzt ein Sprecher des kommunalen Badbetreibers Bäderland. Doch die aktuelle Hitzewelle hatte im betroffenen Bad in Kombination mit einem kurzzeitigen Ausfall einer Reinigungsanlage dazu geführt, dass es in kurzer Zeit zu einer erheblichen Algenbildung im Becken gekommen sei.
Die steigenden Wassertemperaturen wirkten auf die Bildung von Algen und Keimen „wie ein Brutkasten“, so der Sprecher. Zusätzlich belastend für die Wasserqualität seien der erhöhte Besucherandrang und das „Gästeverhalten“, welches mitunter zu erhöhten Harnstoff-Konzentrationen im Wasser führe. „Das kann dann schon mal kippen.“ Der betroffene Festland-Pool musste eine Woche gesperrt bleiben.
Viele Freibäder müssen Becken sperren
Die Hamburger stehen mit ihrem Algen-Problem nicht alleine da. In den vergangenen Tagen mussten in ganz Deutschland Freibäder einzelne Becken sperren oder vorübergehend ganz schließen, weil sich die Wasserqualität deutlich verschlechtert hatte.
In der Westpfalz mussten gleich vier Freibäder wegen hitzebedingt erhöhter Keimbelastung zeitweise gesperrt werden: das Warmfreibad Trippstadt, das Freibad Mehlingen, das Freibad Enkenbach-Alsenborn sowie das Waldfreibad Rodenbach. Am Bärenlochweiher in Kindsbach wurde zwischenzeitlich ein Gesundheitsrisiko durch potenziell toxische Blaualgen festgestellt. Die Stadtwerke München registrierten in zwei Naturfreibädern vermehrte Algenbildung, schlossen diese aber noch nicht. Anders im Ruhrgebiet, wo unter anderem in Bochum und Mülheim an der Ruhr bereits Becken gesperrt werden mussten.
„Hohe Temperaturen und Nährstoffe im Wasser bilden das Lieblingsmilieu von Cyanobakterien“, erklärt Mikrobiologe Thorsten Stoeck von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, der in seiner Heimatstadt zuletzt selbst vor einem gesperrten Bad stand. Die im Volksmund als Blaualgen bekannten Bakterien im Wasser stellten eine Gesundheitsgefahr für Badende dar, weil viele von ihnen Toxine ausstießen. Viele Badeseen werden deshalb immer wieder aufgrund von Blaualgenbildung gesperrt.
In Schwimmbädern führen die steigenden Wassertemperaturen zudem zu einem Versagen der Chlorreinigung, so Stoeck. „Ab einer Wassertemperatur von etwa 28 Grad beginnt die Hypochlorsäure schneller zu zerfallen und verliert ihre desinfizierende Wirkung“, so der Mikrobiologe. Hinzu komme, dass sich das Chlor mit organischen Stoffen wie Eiweißen aus Urin, Schweiß und Hautpartikeln zu Chloraminen verbinde.
„Es bringt dann auch nichts mehr, immer mehr Chlor nachzukippen. Die dann entstehenden Konzentrationen von Chloraminen reizen nur die Augen und Haut, ohne dass das zusätzlich zugesetzte Chlor desinfizierende Wirkung zeigt“, sagt Stoeck. Wirkungsvoller, aber teurer seien ergänzende Reinigungsmethoden wie Ozonierung oder eine UV-Bestrahlung des Pool-Wassers.
Den Bewohnern der Stadt Velbert im Niederbergischen Land droht die Algenplage den ersten Sommer mit ihrem erst im Mai eröffneten neuen Naturfreibad zu vermiesen. Nach der jüngsten Hitzewelle stellten die Betreiber des für 3,7 Millionen Euro neu gebauten Bades vor zwei Wochen erstmals die verdächtige Grünfärbung des Wassers fest.
Man habe in dem Bad drei verschiedene Filtersysteme eingebaut, darunter einen besonderen Schnellfilter, der speziell auf die Bekämpfung von Algen ausgelegt sei, sagt Andreas Bocklet-Schmidt, Bäderleiter bei den Stadtwerken Velbert. „Trotzdem haben wir Schwebealgen im Wasser festgestellt und mussten das Bad komplett schließen.“
Während der Flachwasserteil des Bades nach einem Tag wieder freigegeben werden konnte, habe man den Schwimmerbereich eine komplette Woche lang sperren müssen und gerade erst wieder freigegeben, sagt Bocklet-Schmidt. Möglicherweise wird das neu gebaute Bad in zusätzliche Filteranlagen investieren müssen.
Mikrobiologe Thorsten Stoeck geht davon aus, dass viele Freibäder in Deutschland wegen steigender Temperaturen in den kommenden Jahren technisch hochrüsten müssen. „Der Klimawandel wird dazu führen, dass Schwimmbadbetreiber in deutlich aufwendigere Filtertechnik und Entkeimungsmethoden investieren müssen“, sagt der Wissenschaftler voraus. „Oder sie müssen in Zukunft häufigere Schließtage in Kauf nehmen.“ Wenn man sie am dringendsten braucht, bleiben die Freibäder dann zu.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Luftfahrtbranche, Tourismus und die Sportbranche.