Bremen – Sich absichtlich übergeben, um eine Vergewaltigung zu verhindern? Die Bremer Polizei nennt nun genau diese ungewöhnliche Möglichkeit in ihren Präventionstipps. Bei Frauenrechtlerinnen und Betroffenen sexualisierter Gewalt sorgt der Ratschlag für Empörung.
Die Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ kritisiert den Ratschlag deutlich. Eine Sprecherin zu BILD: „Der Ratschlag, sich zu erbrechen, um einer drohenden Vergewaltigung zu entkommen, ist mehr als ungeeignet und schiebt Betroffenen die Verantwortung zu, eine Tat zu verhindern.“
Jetzt äußert sich die Polizei Bremen auf BILD-Anfrage zu der Kritik und stellt klar: Sich zu übergeben, sei ausdrücklich keine allgemeine Empfehlung zur Abwehr einer Vergewaltigung.
Betroffene schildert erschütternde Erfahrung
Wie schmerzhaft ein solcher Ratschlag für Betroffene sein kann, zeigt die Schilderung einer Frau, die nach eigenen Angaben über Jahre sexualisierte Gewalt erlebt hat. Auf Instagram wandte sie sich mit einem offenen Brief an die Polizei: „Ich habe mich während Vergewaltigungen erbrochen.“ Nicht als bewusste Abwehr, sondern als unwillkürliche körperliche Reaktion auf die Gewalt. Bei ihr war das Erbrechen keine bewusste Abwehr, sondern eine unwillkürliche körperliche Reaktion auf die erlebte Gewalt.
Auch „Terre des Femmes“ weist darauf hin, dass Betroffene in einer solchen Situation möglicherweise gar nicht bewusst handeln können. „Nicht selten stehen Betroffene unter Schock und frieren ein. Betroffenen zu empfehlen, sich zu erbrechen, ist daher der komplett falsche Weg und sollte auch nicht mehr kommuniziert werden.“
Über die umstrittene Empfehlung hatte zuerst die Kreiszeitung berichtet.
Polizei kann Entrüstung nachvollziehen
Polizeisprecherin Franka Haedke erklärt auf BILD-Anfrage: „Die Entrüstung können wir natürlich nachvollziehen. Gerade bei einem so sensiblen Thema kann ein einzelner, aus dem Zusammenhang gelöster Tipp irritieren.“
Die Polizei betont, dass Erbrechen lediglich eine von vielen denkbaren Reaktionen in einer extremen Bedrohungssituation sei. Welche Reaktion tatsächlich helfen könne, lasse sich nicht vorhersagen. Besonders wichtig ist der Polizei eine Klarstellung: „Niemand muss sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Und die Verantwortung für einen sexuellen Übergriff liegt ausschließlich beim Täter.“
Diesen Punkt betont auch „Terre des Femmes“. Die Organisation warnt davor, Betroffenen durch solche Verhaltenstipps indirekt die Verantwortung für eine nicht verhinderte Tat zuzuschieben. Die Sprecherin fordert: „Um solche Taten zu verhindern, muss Prävention endlich bei Männern ansetzen.“
Darum geht es in den Präventionskursen
Nach Angaben der Polizei geht es in den Seminaren vorwiegend darum, bedrohliche Situationen frühzeitig zu erkennen, Hilfe zu holen und sich selbst zu behaupten. Doch auch diese Möglichkeiten haben Grenzen: Wer bei einem sexuellen Übergriff vor Angst erstarrt, kann möglicherweise weder schreien noch fliehen. Erstarren ist keine falsche Reaktion. Und unabhängig davon, wie ein Opfer in einer solchen Situation reagiert: Es trägt niemals Mitschuld an der Tat.
Mehr als 1200 Menschen besuchten Seminare
Die Bremer Polizei bietet verschiedene Selbstbehauptungsseminare an, darunter „Starkes Auftreten statt starker Fäuste“. Allein im ersten Halbjahr 2026 nahmen mehr als 1200 Menschen an den Präventionsveranstaltungen teil.
Doch kein Präventionstipp darf den Eindruck erwecken, ein Opfer hätte eine Vergewaltigung durch das „richtige“ Verhalten verhindern können. Ob eine Frau schreit, flieht, sich wehrt oder vor Angst erstarrt: Die Verantwortung für die Tat trägt allein der Täter.