Belgrad – Serbiens autoritärer Machthaber Aleksandar Vučić hat am Sonntagabend seine Niederlage gegen eine von Studenten angeführte Bewegung eingeräumt. Zwar lägen noch keine endgültigen Ergebnisse vor, auf Basis von Hochrechnungen sei jedoch klar, dass seine Partei die Wahl verloren habe, sagte Vučić. Damit kommt es jetzt zu einer tiefgreifenden politischen Wende in dem Balkan-Land. In den Straßen der serbischen Hauptstadt Belgrad brach Jubel aus. Autokorsos rasten hupend durch die Stadt.
Kurz nach der Ansprache veröffentlichte die Wahlforschungsgruppe „CRTA“ das Ergebnis ihrer Projektion. Demnach habe die Studentenliste 51,5 Prozent der Stimmen auf sich vereint. Vučićs rechtsgerichtete Serbische Fortschrittspartei (SNS) kam nur auf 40,4 Prozent.
„Liebes Serbien, heute Abend findet die Stimme des Volkes Gehör“, sagte Radomir Sajcic, ein Professor an der Universität Belgrad, der im Namen der Studenten sprach. Und weiter: „Heute Abend feiern wir den Sieg, morgen gestalten wir die Zukunft.“
Sieg nach zwei Jahre langem Protest
Vučić hatte im September Neuwahlen ausgerufen. Vorausgegangen waren fast zwei Jahre Proteste gegen mutmaßliche Korruption und seinen autokratischen Regierungsstil. Der Auslöser: Im Jahr 2024 stürzte das Vordach eines Bahnhofs in Novi Sad ein. 16 Menschen starben! Viele Serben machten Korruption und Misswirtschaft für das tödliche Unglück verantwortlich.
Seitdem wuchs die Studentenbewegung immer weiter – und wurde zu Vučićs größter Gefahr. Bei der hart umkämpften Parlamentswahl prägten im Verlaufe des Tages eine enorm hohe Wahlbeteiligung (bis 18 Uhr hatten fast 70 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt – so viele wie seit mehr als 30 Jahren nicht) und zunehmende Spannungen das Geschehen. Im Mittelpunkt stand das Kräftemessen zwischen Putin-Freund Vučić und der breit aufgestellten Bewegung, die unaufhörlich gegen ihn protestierte.
Kopf-an-Kopf-Rennen
Obwohl die 6,4 Millionen Wahlberechtigten in Serbien zwischen 18 Parteien wählen konnten, die um den Einzug in das 250 Sitze umfassende Parlament konkurrierten, entwickelte sich die Wahl faktisch zu einem Referendum über Vučićs SNS und die von jungen Menschen unterstützte Studentenliste.
Den Lagern wurde ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorausgesagt. Damit galt die Wahl als so ungewiss wie kaum eine andere in den vergangenen Jahren. Im Laufe des Wahltages verschärfte sich die angespannte Lage. In der Belgrader Innenstadt sperrte die Polizei in Anti-Aufruhr-Ausrüstung ein Gebiet rund um den Sitz der Wahlkommission ab. Lokale Medien berichteten von mehreren gewaltsamen Zwischenfällen im ganzen Land.
Bei einer Pressekonferenz weniger als zwei Stunden vor Schließung der Wahllokale rief ein Vertreter der Studierenden die Bevölkerung dazu auf, „ruhig und besonnen zu bleiben“.
Niederlage erinnert an Orbán-Aus
Vučić konnte sich in der Vergangenheit immer wieder gegen die zerstrittene serbische Opposition durchsetzen. Die führungslose Studenten-Bewegung hatte sich jedoch als ernst zu nehmender Gegner erwiesen. Sie erschütterte seinen festen Griff nach der Macht in Serbien so stark wie keine andere Bewegung seit dem Amtsantritt seiner Partei vor 14 Jahren.
Ihr Wahlsieg erinnert an die jüngste Niederlage eines Verbündeten Vučićs in Ungarn. Dort trug die Beteiligung junger Menschen dazu bei, den autokratisch regierenden Viktor Orbán nach 16 Jahren abzulösen und eine neue, proeuropäische Regierung an die Macht zu bringen. Ein solcher Ausgang dürfte auch über Serbien hinaus Beachtung finden, da in zahlreichen europäischen Ländern Proteste von Jugendlichen und Studenten stattfinden – u.a. in Albanien.