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Russische Soldaten: „Wenn Kameraden umdrehen, werden sie erschossen“

Russische Soldaten: „Wenn Kameraden umdrehen, werden sie erschossen“

Charkiw/Berlin – Sie sollen stürmen – und dürfen nicht zurück. Abgehörte Funksprüche russischer Soldaten geben seltene Einblicke hinter Putins Front. WELT (gehört wie BILD zu Axel Springer) konnte exklusiv Material auswerten, das ein System aus Einschüchterung, Misshandlungen und Gewalt offenbart.

Soldaten stehen sich nur noch selten Angesicht zu Angesicht gegenüber, hören nicht mehr den Atem des Feindes, riechen nicht mehr seinen Schweiß. Auf den Bildschirmen, auf denen die Aufnahmen der Drohnen in Echtzeit übertragen werden, ist der Feind „nur noch eine Ansammlung von Zahlen, eine Ansammlung von Pixeln – nicht wie ein echter Mensch“, wie es ein junger ukrainischer Drohnenpilot, Wadim, im Gespräch mit WELT formulierte.

Was Putin-Soldaten trotzdem immer wieder zum Losstürmen treibt, wird aus Funksprüchen russischer Kommandeure deutlich, die ukrainische Aufklärer abgefangen haben. Ein russischer Kommandeur brüllt: „Wenn ihr kommt, prügle ich euch alle mit dem Stock. Ich schneide euch die Zungen raus. Ihr verdammten Idioten!“

Ein anderer Kommandeur droht seinen Untergebenen: „Wenn ihr Mistkerle mir jetzt nicht antwortet, lasse ich einen Panzer auf euch feuern!“ Eine weitere Drohung: „Zur Hölle mit euch! Ich schwöre: Keiner von euch kommt zurück, bevor ihr den Ort gestürmt habt. Kein einziger von euch!“

„Wenn Kameraden umdrehen, werden sie erschossen“

Bei einer Aufklärungseinheit der Bureviy-Brigade im Osten der Ukraine wurden WELT zahlreiche Aufnahmen exklusiv präsentiert und anschließend eine große Auswahl zur Verfügung gestellt. Die Funksprüche zeigen, wie widerwillige russische Soldaten an der Front bedroht werden – und wie verzweifelt viele von ihnen, oft ausgehungert, um Hilfe rufen.

„In den abgehörten Funksprüchen hören wir immer wieder: Einige Russen haben Angst, Sturmangriffe durchzuführen. Aber es gibt Sperreinheiten. Sie haben den Befehl: Wenn ihre Kameraden umdrehen, werden sie erschossen“, sagt Soldat „Mario“, Teil der Aufklärungseinheit der „Bureviy“-Brigade.

Russen-Taktik „Fleischangriffe“

„Durch Sturm- oder Stoßtruppangriffe – im russischen Militärjargon ‚Fleischangriffe‘ – üben die Russen einen steten Druck auf die ukrainischen Verteidiger aus“, sagt der österreichische Oberst Markus Reisner, einer der profiliertesten Analysten der russischen Kriegsführung. Laut Reisner kann Putins Armee mit diesem Vorgehen operative Erfolge erzielen. Russische Infiltrationsangriffe zwingen die Ukrainer dazu, ihre Stellungen preiszugeben. Dadurch können die Russen diese identifizieren und anschließend gezielt Angriffsdrohnen und Gleitbomben einsetzen. „So können die Russen an einzelnen Frontabschnitten immer wieder vorrücken“, erklärt Reisner.

Gewalt innerhalb der Armee hat lange Tradition

Reisner verweist auf die über viele Jahrzehnte gewachsene Gewaltkultur in den russischen Streitkräften. „Dienstältere Soldaten wenden dabei ein System aus Schikanen, Misshandlungen, Erniedrigungen und Folter gegenüber jüngeren Soldaten oder Rekruten an. Schläge und Erpressung stehen dabei an der Tagesordnung.“

Tatsächlich existieren in sozialen Netzwerken zahlreiche Fotos und Videos, die Misshandlungen und Demütigungen in der russischen Armee seit 2022 dokumentieren: Soldaten, die bei Eiseskälte nackt mit Seilen und Klebeband an Bäume gebunden werden. Männer, die körperlich ausgemergelt über Tage in enge Erdlöcher an der Front gesperrt und dort immer wieder verprügelt werden. Russen, die trotz offensichtlicher Verletzungen durch Drohungen und Schläge ihrer Vorgesetzten zurück in die Todeszone an der Front geschickt werden.

„Sie sprachen darüber, Katzen gegessen zu haben“

Nach Einschätzung führender europäischer Geheimdienste werden pro Monat knapp 30.000 russische Soldaten in der Ukraine getötet oder so schwer verwundet, dass sie kampfunfähig sind. Ein Teil der verwundeten Soldaten kehrt jedoch nach einigen Tagen oder Wochen an die Front zurück – oft unter Zwang und noch nicht vollständig genesen. Gleichzeitig rekrutieren Russlands Regionen weiterhin zwischen 30.000 und 35.000 Männer pro Monat für den Krieg.

Die abgehörten Funksprüche offenbaren die Verzweiflung vieler Russen an der Front. Häufig harren sie hilflos in kargen Baumreihen oder Erdlöchern aus. „Oft klagen sie am Radio über fehlende Nahrung. Sie beschweren sich, dass ihre Vorräte komplett aufgebraucht sind und dass sie nur noch essen, was sie auf den Feldern finden konnten“, sagt „Mario“. Der Soldat präsentiert WELT eine Auswahl solcher Hilferufe.

Ein russischer Soldat stammelt: „Bitte ruft jemanden. Ich flehe euch verdammt noch mal an.“ Ein anderer Russe: „Ich kann nicht mehr laufen. Mir ist schwindelig. Weil es kein Essen und kein Wasser gibt und ich so nervös bin. Scheiße.“ Dann dieser Hilferuf: „Ich habe solchen Durst, so einen Durst, dass wir unseren eigenen Urin getrunken haben.“

„Mario“ berichtet, dass ihn die Zustände in der russischen Armee manchmal selbst verstört zurückließen. „Am meisten schockiert haben mich Funksprüche – sowohl im Serebrjanski-Wald als auch hier – über Katzen. Die Russen haben wirklich darüber gesprochen, Katzen gegessen zu haben.“

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