Hauptnachrichten

Prozess um Selbstschussanlage: 120 Bleikugeln stecken noch im Körper des Opfers

Prozess um Selbstschussanlage: 120 Bleikugeln stecken noch im Körper des Opfers
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen

Gommern (Sachsen-Anhalt) – Ein paar Meter Angelsehne, ein Stahlrohr, eine Wühlmausfalle und eine Schrotpatrone – mit diesen Utensilien wollte Andreas M. (43) sein Grundstück vor Einbrechern schützen. Doch statt eines Einbrechers traf es seine Nachbarin, die ihren entlaufenen Hund suchte. Sie wurde lebensgefährlich verletzt. 120 Bleikugeln stecken noch in ihrem Körper. Ob die Mathematiklehrerin jemals wieder unterrichten kann, ist ungewiss.

In Handschellen wird der Angeklagte am Dienstag ins Landgericht Stendal geführt. Ihm wird versuchter Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vorgeworfen. Der unfassbare Vorfall ereignete sich am 2. Mai 2026 in Dannigkow, einem Ortsteil von Gommern in Sachsen-Anhalt. Die Hündin von Sandra L. (54) war an diesem Samstagmorgen ausgerissen und auf das Grundstück von Andreas M. gerannt. Die arglose Lehrerin krabbelte durch ein Loch im Zaun – dabei löste sie die Selbstschussanlage aus.

Die Schrotmunition traf die Frau frontal am Oberkörper. Sandra L. schildert im Zeugenstand: „Ich habe einen Knall gehört und spürte sofort starke Schmerzen in meiner rechten Schulter. Ich habe geschrien, bin hingefallen und wurde ohnmächtig. Als ich später erwachte, sah ich das ganze Blut unter mir. Mit letzter Kraft wählte ich den Notruf.“

Haus voller Waffen und Munition

Mithilfe einer Handyortung fanden Rettungskräfte und Notärzte die Frau. „Hätten die mich nicht entdeckt, wäre ich tot“, berichtet Sandra L. Nach dem Schuss rückte die Polizei mit dem SEK an. Bei der Durchsuchung des Grundstücks stießen die Beamten auf die lebensgefährliche Vorrichtung. Im Haus fand die Polizei ein ganzes Waffenarsenal, darunter Schrotflinten, scharfgemachte Schreckschusswaffen und Harpunen. Auch eine große Menge Munition wurde sichergestellt.

Staatsanwalt Thomas Kramer hält dem Angeklagten vor: „Sie manipulierten die Wühlmausfalle so, dass statt Platzpatronen scharfe Schrotpatronen durch einen angeschweißten Lauf abgefeuert wurden. Die Anlage war so konzipiert, dass sie einen erwachsenen Menschen im Bereich des Oberkörpers treffen musste.“

Angeklagter übernimmt volle Verantwortung

Der Angeklagte ist bereits mehrfach strafrechtlich in Erscheinung getreten – unter anderem wegen Drogen, gefährlicher Körperverletzung und Waffendelikten. Sein Verteidiger verliest eine Erklärung: „Ich möchte mich bei der Geschädigten entschuldigen. Es tut mir leid, sie verletzt zu haben. Ich werde die Verantwortung tragen.“

Die Selbstschussanlage will Andreas M. in der Nacht zuvor innerhalb von nur zwei Stunden zusammengebaut und aufgestellt haben. Als Motiv gibt er Angst vor dem Sohn des ehemaligen Lebensgefährten seiner Mutter an. Dieser soll ihn seit Jahren drangsaliert und im Februar sogar sein Haus in Brand gesteckt haben.

Die angeschossene Lehrerin ist seit Mai arbeitsunfähig. Die Bleibelastung durch die Schrotmunition in ihrem Körper liegt nach ihren Angaben beim Zehnfachen des Grenzwertes. Besonders dramatisch: Zahlreiche Projektile können offenbar nicht entfernt werden. Sandra L.: „Es stecken aktuell noch 120 Bleikugeln in meinem Körper, in den Knochen und in der Lunge. Die Ärzte trauen sich nicht zu operieren, weil die Kugeln zu nah am Herzen und an der Luftröhre sind.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

Vielleicht verpasst