Detroit (US-Bundesstaat Michigan) – „Seid ihr Feuer und Flamme? Seid ihr bereit? Dann legen wir los!“ Barack Obama (65) sprintete unter dem Gejohle seiner Fans in der Turnhalle einer Highschool in Detroit zum Podium. Er krempelte die Ärmel hoch – für den demokratischen Senatskandidaten Abdul El-Sayed (41). Während im Wahlkampffinale vor den Kongress-Zwischenwahlen, den „Midterms“ am 3. November, vor allem die Republikaner von Donald Trump (80) massiv unter Druck stehen, sind die Demokraten in Michigan in der Defensive. Sie müssen einen Senatssitz verteidigen. Jetzt soll Obamas politische Starpower helfen. Dabei hatte der Ex-Präsident auch eine fiese Spitze gegen Amtsinhaber Trump im Gepäck.
Mit dem Auftritt landete Obama mitten in der Zerreißprobe der Demokraten zwischen Progressiven und Moderaten. Mit dem Erstarken des linken Parteiflügels wurde auch der Gaza-Krieg zum zentralen Streitthema. Progressive Aktivisten fordern eine klare Verurteilung der israelischen Kriegsführung. Das sorgt für Spannungen mit jüdischen und moderaten Wählern. Durch El-Sayeds knappen Vorwahlsieg wurde der Senatssitz zum umkämpften Wahlkampfschauplatz. Sein republikanischer Herausforderer Mike Rogers (63) nutzt Vorwürfe über angebliche Verbindungen zu radikalen muslimischen Organisationen als Wahlkampfmunition.
So wurde ein erwarteter Selbstläufer zum Wahlkrimi: El-Sayed, der als erster Muslim im US-Senat Geschichte schreiben will, lag zuletzt nur wenige Prozentpunkte vorn. Der Mediziner wurde von rund 3000 Menschen in der Schule frenetisch bejubelt. „Abdul, Abdul, Abdul!“, skandierte die Menge. Er rechnete mit Trumps „dummem Iran-Krieg“ ab, unter dessen wirtschaftlichen Folgen Amerika leide. Statt Bomben zu werfen, solle Amerika seine Schulkinder unterstützen. Emotional erinnerte El-Sayed an eine Begegnung mit Ex-Präsident Bill Clinton (80) im Jahr 2007, der ihm eine politische Karriere nahegelegt hatte. Seine damalige Antwort: „Haben Sie meinen Namen gesehen?“
Obama verspottet Trumps Umbauten am Weißen Haus
Dann warf sich Obama ins Zeug. Bissig verspottete er Trumps Umbauten am Weißen Haus: „Das Weiße Haus sieht inzwischen aus, als hätte Saddam Hussein (der irakische Ex-Diktator, d. Red.) eine Cheesecake Factory eröffnet!“ Hintergrund: Die „Cheesecake Factory“ ist eine US-Restaurantkette, die für ihre extravagante Einrichtung bekannt ist – was in Obamas Augen zu Trumps protzigen Umbauten des Weißen Hauses passt.
Obamas dramatischer Appell: „Diese Wahl ist unsere letzte große Chance, zumindest einen Teil des Unsinns dieser Regierung einzudämmen.“ Die besondere Verbindung zwischen Obama und El-Sayed war spürbar: Für den Senatskandidaten ist der frühere Präsident, der wegen seines Mittelnamens Hussein selbst Ziel politischer Angriffe wurde, ein Vorbild. Obama verteidigte El-Sayed gegen Attacken auf dessen Namen und muslimischen Glauben.
BILD sprach vor Obamas Auftritt mit demokratischen Wählern. Die Stimmung: ein Mix aus Zuversicht und Wut auf Trump. Besonders der Iran-Krieg und die steigenden Energiepreise machen Tom Moran (72), Schulbusfahrer aus Fenton (Michigan), wütend: „Benzin ist teurer geworden, Diesel ist teurer geworden, alles ist unbezahlbar.“ Rogers hält er für einen „Ja-Sager“ Trumps. Obama ist für ihn ein Hoffnungsträger: „Er erinnert mich an bessere Zeiten – und daran, dass nichts für immer bleibt.“ Heather Petersen (52), Lebensmittellieferantin aus Port Huron, weist Vorwürfe über angebliche Verbindungen El-Sayeds zur Muslimbruderschaft zurück: „Ich glaube diesen ganzen Unsinn nicht, den Mike Rogers verbreitet!“
Auch der Gaza-Konflikt bewegt die demokratische Basis. „Abgesehen von den Lebenshaltungskosten ist das für viele Menschen eines der wichtigsten Themen“, sagt Lucy Sarnacki (34) aus Detroit. Bei ihrer Unterstützung für Kandidaten achte sie besonders auf deren Haltung zu Palästina.
Für Dr. Sadaf Ali ist die Frage sogar entscheidend: „Wenn Völkermord für dich keine rote Linie ist, dann bist du nichts für mich. Ich würde niemanden wählen, der sich nicht gegen Völkermord stellt.“ Dass diese Haltung gemäßigte Wähler abschrecken könnte, glaubt sie nicht.
Der Enthusiasmus im demokratischen Wahlkampf ist spürbar: Die Warteschlange vor der Halle zog sich um den Block. Händler verkauften Buttons mit Aufschriften wie „Deport ICE“, Poster und T-Shirts. Der Eindruck vor Ort: Die Trump-Opposition wittert Morgenluft.