Hamburg – Er hatte 40 Milliarden, 220 000 Mitarbeiter – aber keine Kinder. Er lebte in der Schweiz, blieb aber Deutscher und liebte den HSV. Er vererbte alles seiner Stiftung und schenkte zum Abschied seiner Heimatstadt Hamburg eine neue Oper im Hafen – für 350 Millionen. Wer war Klaus-Michael Kühne (89), dieser knorrige, silbergescheitelte, kämpferische Hanseat?
Ein Arbeitstier. Ein Logistik-Genie. Ein Fußballfan. Ein Opern-Liebhaber (Spender für Elbphilharmonie). Hobby? 2 persönliche Luxus-Hotels: „Fontenay“ (Hamburg) und das „Castell Son Claret“ auf seiner Lieblingsinsel Mallorca. Hier liegt auch seine Ferienvilla in Port d’Andratx. Hier lag auch seine 40-m-Benetti-Yacht „Chrimi III“ (Name aus ihren Vornamen „Chri“ + „Mi“, Christine und Michael).
Sein Milliarden-Imperium
Ihm gehörten über seine „Kühne Holding“ die Welt-Spedition „Kühne & Nagel“ (53 %, 83 000 Mitarbeiter), die Reederei „Hapag-Lloyd“ (30 %, 17 000 Mitarbeiter), die „Lufthansa Group“ (20 %, 100 000 Mitarbeiter) und der Chemie-Riese „Brenntag“ (20 %, 18 000 Mitarbeiter). Auch an Flixbus war er beteiligt. Er machte 100 Milliarden Jahresumsatz – und hat nie studiert.
Wie wird man der 47. reichste Mensch der Welt („Forbes“)? Und der zweitreichste Deutsche – nach „Lidl“-Gründer Dieter Schwarz (86, ca. 60 Milliarden). Mit viel Arbeit. Mit viel Glück. Und mit einer weltumfassenden Vision. Er war 29, als er die Logistikfirma vom kränkelnden Vater übernahm. Seine geniale Idee: Er wurde vom einfachen Spediteur (Transport von A nach B) zum Architekten einer weltweiten Lieferkette: See, Luft, Bahn, Lkw, Zoll und IT (digitale Logistiklösung). Er gründete 1‑Mann-Büros rund um die Welt. Er wartete nicht, er handelte.
So wurde Kühne zum Logistik-König
Er wurde zum König der internationalen Lieferkette: „Zu Beginn habe ich viele Fehler gemacht. Das war eine bewegte Zeit. Aber ich habe mich letztlich durchgebissen. Gott sei Dank ist alles gut gegangen. Ich bin ein Kämpfer und lasse nicht locker, bis ich meine Ziele erreiche. Es gehört allerdings immer auch Glück dazu – und das hatte ich, viel Glück sogar.“ Er stand immer früh auf – 6.30 Uhr. Dann strampelte er auf seinem Heimtrainer (er hatte 2017 eine Herzklappen-OP).
Seit einem halben Jahrhundert lebte er in Schindellegi im Kanton Schwyz. Hier liegt auch das weltweite Hauptquartier von „K & N“. Er hat erst sehr spät geheiratet – mit 52, zu spät für Kinder: „Natürlich bereue ich das. Nur war ich im Unternehmen eben so stark gefordert, dass es für mich keine Alternative gab. Ich habe Opfer gebracht.“
Sein teurer Fehler mit Benko
Die FAZ fragte ihn mal: „Waren Sie ein ‚harter Hund‘ als Manager?“ Er: „So würde ich das nicht bezeichnen. Ja, ich mache es meiner Umgebung nicht immer leicht, das ist richtig. Ich mache viel Druck und fordere viel. Insofern bin ich manchmal unbequem, das ist mir bewusst …Sympathieträger ist man auf diese Weise nicht immer.“ Durch den Immobilien-Pleitier René Benko (49) hat er eine halbe Milliarde verloren: „Er hat mich um den Finger gewickelt.“ Er besuchte Benko auf dessen Yacht „Roma“ (62 m, 18 Crew, Gemälde von Picasso, Warhol, Basquiat). Der Patriarch und der Blender. Vielleicht sah er in ihm eine Art „verlorenen Sohn“ – nicht den Gangster. Als Benko kurz vor der Pleite nochmal Geld von Kühne wollte, landete er im Privatjet mit Bodyguards (Ex-„Cobra“) in Hamburg und buchte in Kühnes „Fontenay“ die Super-Suite. Kühne servierte ihn ab.
Sein letztes Geschenk an Hamburg
Kühne war politisch konservativ. Er hätte eine schwarz-grüne Zukunftskoalition bevorzugt. Sein letztes großes Traumprojekt war die neue Oper in der Hafencity – eine Oper für alle to go. Er wusste, dass er die Einweihung nicht mehr erleben würde. Aber als großer Hamburger Unternehmer pflanzt man auch Bäume, deren Schatten man nie erlebt. Er trennte sich nie von seinem deutschen Pass.