Wirtschaft

„Matrix für die Nase“ – so verändert diese neue KI-Brille für 700 Euro den Alltag

„Matrix für die Nase“ – so verändert diese neue KI-Brille für 700 Euro den Alltag

Wer die Rokid Glasses zum ersten Mal aufsetzt, traut seinen Augen kaum. Die Brille sieht aus wie eine ganz normale Alltagsbrille – schwarzes Kunststoffgestell in leicht abgerundeter Trapezform im Wayfarer-Stil, etwas breitere Bügel. Rokid arbeitet hier mit dem Brillenhersteller Bolon zusammen.

Nur wer genau hinschaut, entdeckt oben links im Rahmen eine winzige Kameralinse. Hier, in diesem unscheinbaren Detail, steckt das Versprechen des chinesischen Herstellers Rokid: KI-gestützte Augmented Reality, so unauffällig verpackt, dass niemand merkt, was man da auf der Nase trägt.

Rokid wurde 2014 gegründet und hat sich auf Augmented-Reality-Brillen spezialisiert. Mit den Rokid Glasses, die seit Ende April 2026 nun auch offiziell in Deutschland erhältlich sind, geht das Unternehmen einen anderen Weg als Konkurrenten wie Meta mit seinen Ray-Ban-Brillen in der Vergangenheit: Es verbaut ein echtes Display in die Gläser – ein sogenanntes Waveguide-Display, das Informationen direkt ins Sichtfeld projiziert, ohne die Durchsicht zu versperren.

Auch Meta hat inzwischen eine Display-Brille präsentiert, in Deutschland gibt es sie aber bisher nicht im Handel. Was die Rokid-Brille kann und wo sie an ihre Grenzen stößt, haben wir im Alltagstest ausprobiert.

Das Herzstück ist ein beidseitiges Micro-LED-Display, das grüne Schrift und einfache Grafiken ins Sichtfeld einblendet. Die Auflösung beträgt 640 mal 480 Pixel, das Sichtfeld umfasst 30 Grad. Mit bis zu 1500 Nits Helligkeit ist das Display auch im Freien noch ablesbar – allerdings nur, wenn man die volle Helligkeit manuell wählt. Eine automatische Helligkeitsanpassung fehlt.

Auf halber Stufe ist das Display bei Sonnenschein kaum noch zu erkennen. Die Helligkeit lässt sich immerhin in 15 Stufen manuell regeln. Wer von innen auf die Gläser schaut, wenn das Display eingeschaltet ist, sieht ein leises Grünleuchten – Kenner werden unweigerlich an den Regen aus grünen Zeichen aus dem Film Matrix erinnert.

Die Darstellung beschränkt sich auf Text und schlichte Grafik, alles grün dargestellt, wie auf den ersten Computermonitoren. Videos lassen sich auf dem Display nicht betrachten. Was man sieht, ist klar und scharf.

Die Anzeige kann im Sichtfeld über die App nach oben oder unten verschoben werden. Das ist sinnvoll, weil die Standardposition für manche nicht passt.

Angetrieben wird das Ganze vom Qualcomm Snapdragon AR1, dem derzeit meistgenutzten Chip für Smart Glasses. Die Brille wiegt 49 Gramm – erstaunlich wenig, wenn man bedenkt, was darin steckt. Auch nach stundenlangem Tragen drückt nichts, kneift nichts.

Kamera der Rokid Glasses nicht auf Smartphone-Niveau

Die integrierte Kamera stammt von Sony, löst mit zwölf Megapixeln auf und übernimmt eine Doppelrolle: Sie dient sowohl für Foto- und Videoaufnahmen als auch als Auge der KI für die Bilderkennung. Bei guten Lichtverhältnissen sind die Fotos ordentlich, zeigen aber spätestens beim leichten Heranzoomen, dass sie mit dem Smartphone nicht mithalten können.

Im Halbdunkel wird die Bildqualität schnell unbrauchbar. Videos entstehen in verschiedenen Formaten, allerdings nicht im weitverbreiteten 16:9 – zur Auswahl stehen 9:16, 9:19,5, 3:4 und 4:3. Wer gewohnt ist, horizontal zu filmen, wird das vermissen. Fotos und Videos werden zunächst auf der Brille gespeichert und müssen dann in die Begleit-App „Hi Rokid“ übertragen werden. Die maximale Videolänge beträgt zehn Minuten.

Die Seele der Rokid Glasses ist ihr KI-Assistent, den man per Sprachbefehl „Hi Rokid“ aktiviert oder durch Antippen des Touchpads am rechten Bügel. Was dann folgt, ist im Markt der Smart Glasses tatsächlich ungewöhnlich: Nutzer können zwischen ChatGPT und Gemini wählen – und in der App jederzeit wechseln. Andere Brillen dieser Kategorie binden sich an ein einziges Modell. Dieser Pragmatismus ist einer der stärksten Pluspunkte der Rokid Glasses.

Wer mit der Kamera auf eine Pflanze zeigt und fragt, wie man sie pflegt, bekommt eine überraschend brauchbare Antwort. Die Bilderkennung funktioniert erstaunlich gut – sie benötigt einige Sekunden zur Analyse, liefert dann aber präzise Beschreibungen. In der App lassen sich KI-Shortcuts anlegen, die per Steuerung über das Touchpad am rechten Brillenbügel abgerufen werden können. Voreingestellt sind Dinge wie die aktuelle Wettervorhersage.

Für den Sprachassistenten stehen eine männliche und eine weibliche Stimme bereit. Die weibliche klingt im Vergleich etwas zu betont geflüstert. Wir haben uns für die männliche Stimme entschieden.

Rokid Glasses übersetzt in Echtzeit

Besonders beeindruckend ist die Live-Übersetzungsfunktion. Wer mit einem Japaner, Spanier oder Chinesen spricht, sieht die Übersetzung des Gehörten direkt auf dem Display. Eine wirkliche Unterhaltung kommt aber auch auf diese Weise nicht zustande. Online unterstützt das System 89 Sprachen. Offline – direkt auf der Brille, ohne Cloud-Verbindung – sind es sechs: Chinesisch, Englisch, Japanisch, Französisch, Deutsch und Spanisch. Für die Offline-Funktion braucht es aber ein leistungsfähiges Smartphone mit mindestens Snapdragon 8 Gen 2 oder ein iPhone 14.

Die Funktion hat aber eine Eigenheit, die im Praxistest auffällt: Weil viele Sprachen ihren Satzsinn erst am Ende enthüllen, korrigiert die KI ihre Übersetzung gelegentlich noch nachträglich – manchmal, wenn man den Text bereits halb gelesen hat. Das ist inhaltlich sinnvoll, weil die Übersetzung dadurch akkurater wird.

Im Gespräch kann es aber irritieren. Dialoge aus Filmen oder Serien lassen sich übrigens nicht übersetzen, wenn der Ton direkt vom Smartphone auf die Brille übertragen wird – die Übersetzung funktioniert nur, wenn das Mikrofon den Ton aufnimmt.

Der eingebaute Teleprompter lädt Texte aus der App in die Brille und lässt sie automatisch an der Sprechgeschwindigkeit ausrichten. Das funktioniert technisch sehr gut. Bei einer Sprechpause hält auch der Teleprompter an.

Doch wer vor Publikum spricht und die Zuhörer ansieht – was ja der Sinn eines Teleprompters ist –, präsentiert diesen ein dezentes Grünleuchten auf den Brillengläsern. Denn genau in dieser Position ist das beleuchtete Display auch von außen sichtbar. Für den professionellen Einsatz bei Präsentationen taugt die Funktion deswegen kaum.

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Die Navigationsfunktion spielt Google Maps vom Smartphone auf das AR-Display der Brille. Das ist im Alltag tatsächlich praktisch, weil man das Smartphone nicht ständig in der Hand halten muss. Rokid selbst empfiehlt allerdings ausdrücklich, Navigation nicht beim Autofahren zu verwenden – und auch nicht in schlecht beleuchteten Umgebungen.

Wer navigiert, sollte das Display also im Verkehr ausschalten, was den Vorteil der Hands-free-Nutzung gleich wieder einschränkt. Zwar werden dann Weghinweise per Audio ausgegeben, doch das können normale Ohrhörer auch.

Auch Sehkorrektur ist möglich

Wer eine Sehkorrektur benötigt, kann Korrekturgläser einsetzen. Sie werden mithilfe eines Magneten von innen in den Rahmen eingesetzt. Einen entsprechenden Rahmen dafür gibt es optional für 39 Euro bei Rokid.

In diesen Rahmen können Optiker dann Korrekturgläser einsetzen. Durch die Doppelverglasung – reguläre Brillengläser plus Waveguide-Glas dahinter – kommt es unglücklicherweise zu zusätzlichen Reflexionen. Wir empfanden das auf Dauer als störend.

Der Ton wird über die Brillenbügel direkt in Richtung Ohren geleitet, ohne Ohrhörer. Wer in der Nähe steht, kann allerdings mithören. Das ist kein Fehler der Rokid Glasses, sondern ein strukturelles Merkmal aller Open-Ear-Lösungen dieser Art. Bass ist kaum vorhanden, dafür klingt Sprache verständlich und Musik passabel in ruhiger Umgebung. In lauteren Umgebungen ist man der Außenwelt schutzlos ausgeliefert.

Der fest eingebaute Akku hält bei gemischter Nutzung etwa zwei bis acht Stunden durch – je nachdem, wie intensiv KI, Navigation, Kamera und Display beansprucht werden. Im reinen Stand-by-Betrieb hält die Brille einen Arbeitstag lang durch. Aufgeladen wird sie über einen magnetischen Adapter mit USB-C-Buchse.

Die Rokid-App auf dem Smartphone war für unseren Geschmack etwas zu stromhungrig. An Testtagen war sie auf unserem Smartphone die stromhungrigste Anwendung.

Die Rokid Glasses kosten in Deutschland 699 Euro. Das ist kein Schnäppchen. Konkurrenzprodukte wie die Ray-Ban-Brillen von Meta, die ohne Display auskommen, sind deutlich günstiger – bieten aber auch keine Informationsdarstellung im Sichtfeld. Auch Rokid hat ein günstigeres Modell ohne Display.

Fazit: Die Rokid Glasses sind eine Brille, die zeigt, wohin die Reise einmal gehen wird – und wie weit die Miniaturisierung bereits vorangekommen ist. Das AR-Display funktioniert, die KI-Integration ist durchdacht, und die Möglichkeit, zwischen ChatGPT und Gemini zu wählen, ist ein echter Mehrwert gegenüber der Konkurrenz. Die Echtzeit-Übersetzung beeindruckt, auch wenn sie im schnellen Gespräch überfordert ist. Kamera, Teleprompter und Navigation haben jeweils ihre Tücken.

Das grundlegende Problem, das auch Meta mit seinen Ray-Ban-Brillen kennt, bleibt aber bestehen: Eine Kamera an der Brille ist in vielen sozialen Situationen eine unerwünschte Begleiterin. Wer die Brille aufsetzt, signalisiert seiner Umgebung, dass er prinzipiell aufnehmen könnte.

Diesen Makel löst keine Software und kein Update. Wenn die Brille ein Foto aufnimmt oder filmt, leuchtet vorn eine LED auf, um die Aufnahme zu signalisieren. Doch erfahrungsgemäß achten viele Menschen nicht auf solche Zeichen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Thomas Heuzeroth ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Verbraucher- und Technologiethemen, Unterhaltungselektronik und Telekommunikation.

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