Kultur

Jetzt droht dem deutschen Kulturgut der Kahlschlag

Jetzt droht dem deutschen Kulturgut der Kahlschlag

In diesen Tagen zeigt sich Deutschland mal wieder von seiner gefürchtetsten Seite: der moralischen. Wim Wenders mochte für eine Sekunde gehofft haben, die Debatte um den Auftritt der halbnackten, minderjährigen Nastassja Kinski in seinem Frühwerk „Falsche Bewegung“ möge den uralten und eher mittelspannenden Film dem Vergessen entreißen. Als Wenders neulich auf dem Deutschen Filmpreis so tat, als trage er mit der Frage, ob er die Szene nachträglich herausschneiden solle, die Bürde der kompletten Filmgeschichte allein auf seinen Schultern, jubelte ihm der Saal frenetisch zu.

Anderntags sahen die Schauspieler verdutzt, dass sich die Stimmung in den sozialen Medien gedreht hatte. Es galt plötzlich als opportun, in den aufbrausenden Shitstorm gegen den ab sofort als feige geltenden Meisterregisseur einzuschwenken. Beim späten Frühstück – die Party war lange gegangen – fiel einem das Telefon aus der Hand, so viel Verachtung troff aus tausend Instagram-Storys. Mit der angeborenen Geschmeidigkeit wahrer Erfolgsmenschen erklärte Wenders prompt, Streaming-, Fernseh- und Vertriebspartner seien angewiesen worden, den Film nicht mehr öffentlich zugänglich zu machen. Das hörte sich gut an, auch wenn es war, als würde die Bundesfachgruppe Obstbau ankündigen, man werde Maulbeeren bei Lidl künftig vergeblich suchen.

Ob Wenders späte Einsicht geritten haben mag oder aber die in Aussicht gestellte Anzeige durch den Medienanwalt Christian Schertz, darüber kann nur spekuliert werden. Jedenfalls durfte sich Nastassja Kinski über einen Pyrrhussieg freuen; einerseits hatte sie sich durchgesetzt mit ihrem Anliegen der rückwirkenden Filmgeschichtsklitterung. Andererseits haben sie nicht mal zu ihren besten Zeiten so viele Bundesbürger nackt gesehen wie jetzt, als bei der Google-Bild-Suche fast die Transistoren durchbrannten. Für die DVD des Films hatte sich jahrelang kein Mensch interessiert. Jetzt gingen die Schwarzmarktpreise durch die Decke. Auf den Flohmärkten von Berlin-Mitte wird die verstaubte Silberscheibe inzwischen im Verhältnis eins zu drei gegen Erstpressungen von Kraftwerk oder einen Eimer handgerührten Bio-Sauerteig gehandelt.

Der Präzedenzfall Wenders droht unterdessen, eine Lawine der Arbeitsbeschaffung im Kulturbetrieb loszutreten. In den Hinterzimmern der Filmförderungsanstalten rauchen die Köpfe. Man munkelt von der Gründung einer „Bundesprüfstelle für nachträgliche historische Anständigkeit“ (BPfnhA). Erste Entwürfe sehen vor, sämtliche Meisterwerke des Neuen Deutschen Films einer Generalüberholung zu unterziehen. Bei Rainer Werner Fassbinder müssen wohl 80 Prozent des Materials weggeschrubbt oder zumindest mit einem blinkenden Warnhinweis versehen werden: „Achtung: Dieses Werk enthält Spuren von ungesundem Nihilismus und toxischer Männlichkeit.“

Wenders selbst, stets offen für technologische Innovationen – man denke an seine bahnbrechenden 3D-Dokumentationen –, arbeitet gerüchteweise bereits an einer zeitgeistkompatiblen Lösung des Kinski-Dilemmas. Insider berichten, dass die Szene mittels Künstlicher Intelligenz optimiert werden soll. Die halbnackte Jugendliche wird digital durch eine vollständig bekleidete Version ihrer selbst ersetzt – oder durch eine stattliche Monstera-Zimmerpflanze.

Medienanwälte dürften sich unterdessen die Hände reiben. Wenn diese Form der filmischen Vergangenheitsbewältigung Schule macht, lässt sich das gesamte deutsche Kulturgut der 70er und 80er Jahre juristisch rückabwickeln. Als Nächstes sind die alten „Tatort“-Folgen dran, in denen Kommissare noch im Dienst rauchten, Zeuginnen ungefragt duzten und abends drei Herrengedecke verputzten. Ein Eldorado für Unterlassungserklärungen.

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