Kultur

„Ich muss dort arbeiten und atmen“ – Jafar Panahi in Teheran zu fünf Jahren verurteilt

„Ich muss dort arbeiten und atmen“ – Jafar Panahi in Teheran zu fünf Jahren verurteilt

Vorige Woche erfuhr der iranische Regisseur Jafar Panahi, dessen jüngster Film „Ein einfacher Unfall“ die Goldene Palme in Cannes gewann und für den Oscar nominiert wurde, dass seine sämtlichen Bankkonten gesperrt worden waren. Er suchte daraufhin die Vollzugsstelle der Kultur- und Medienstaatsanwaltschaft in Teheran auf, um den Grund dafür zu erfragen. Dort erfuhr er, dass er im Mai in einem Verfahren, von dem er nichts wusste, zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und einem Monat verurteilt worden war; außerdem zum Einzug seines gesamten Vermögens, einem zweijährigen Soziale-Medien-Verbot und einem zweijährigen Auslandsreise-Bann.

Panahi hatte keine Vorladung zu der Verhandlung erhalten. Das Gericht begründete die Verurteilung „in Abwesenheit“ damit, dass Panahi sich im Ausland aufhalte und „nicht erreicht werden“ könne. Das ist nachweislich falsch, denn Panahi war am 30. März aus den USA zurückgekehrt, wo er im Vorfeld der Oscars Werbung für seinen Film gemacht hatte. An dem Tag des Urteils, dem 20. Mai, war Panahi in einer weiteren Verhandlung vor dem Revolutionsgericht in Teheran persönlich anwesend. Und im September sagte Panahi ebenfalls persönlich bei einer Befragung durch die Kultur- und Medienstaatsanwaltschaft aus.

Die Mechanismen des iranischen Justizsystems, in dem Hardliner und Liberalere rivalisieren, vermögen Außenstehende kaum zu durchschauen. Bereits im Jahr 2010 wurde Panahi wegen „Propaganda gegen das System“ (sprich: seinen Filmen) zu sechs Jahren Gefängnis und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Obwohl ein Berufungsgericht das Urteil im folgenden Jahr bestätigte, blieb der Regisseur auf freiem Fuß, denn ob eine Strafe tatsächlich angetreten werden muss, obliegt der Entscheidung der Justiz.

In den folgenden Jahren drehte Panahi – immer im Schatten dieses Urteils – fünf Filme, die aus dem Land geschmuggelt und bei großen Festivals gezeigt wurden; „Taxi Teheran“ gewann sogar den Goldenen Bären bei der Berlinale. 2022 wurde Panahi aufgrund des zwölf Jahre alten Urteils doch noch in Haft genommen, kam aber nach einem Hungerstreik und internationalen Protesten nach sieben Monaten wieder frei. In der Folge hob der Oberste Gerichtshof Irans das Urteil aus dem Jahr 2010 auf.

Das hieß nicht, dass Panahi nun unbehelligt hätte arbeiten können. Auch seinen nächsten Film „Ein einfacher Unfall“ drehte er innerhalb des Landes, aber außerhalb des Systems. Das heißt, er legte das Drehbuch nicht der staatlichen Vorzensur vor. Dort hätte es keinerlei Chance gehabt, handelt der Film doch von ehemaligen Gefangenen des Regimes, die zufällig auf ihren mutmaßlichen Folterer treffen und ihn aus Rache töten wollen. Der Film wurde nach Frankreich geschmuggelt und trat nach der Goldenen Palme einen weltweiten Siegeszug durch Festivals und Kinos an.

Während Panahi seinen Film im Ausland vorstellte – er war vollkommen legal ausgereist –, wurde Ende 2025 von einem Teheraner Gericht ein neues Urteil gegen ihn gefällt. Als Begründung dienten sein neues Werk („Ein unterirdischer und problematischer Film gegen das Establishment“), seine Hilfe für politische Gefangene und die Unterstützung von Protesten einschließlich der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Dafür sollte Panahi ein Jahr ins Gefängnis. Trotz der drohenden Verhaftung kehrte er Ende März in den Iran zurück und ist dort tatsächlich bis heute auf freiem Fuß geblieben. Wie es nach der neuesten Verurteilung weitergeht, ist völlig offen.

„Ich bin jemand, der in seinem Land sein muss“, hatte Panahi kurz vor seiner Rückkehr dem Branchenblatt „Variety“ gesagt. „Ich muss dort atmen und dort arbeiten. Und selbst wenn sie diese Haftstrafe vollstrecken wollen, können sie das gerne tun. Nichts wird mich davon abbringen, zurückzukehren.“

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