Hauptnachrichten

Hunderte Tote bei Sturzflut: Ein Gletscher-Kollaps löste die Katastrophe aus

Hunderte Tote bei Sturzflut: Ein Gletscher-Kollaps löste die Katastrophe aus
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Kathmandu/Peking – Die verheerende Sturzflut an der Grenze zwischen Nepal und China ist nach Einschätzung mehrerer Experten und Behörden nicht durch ein Erdbeben, sondern durch den Kollaps eines Gletschers ausgelöst worden.

Während Rettungskräfte am Donnerstag weiter nach Vermissten suchten, stieg die Zahl der Opfer dramatisch an: Allein in Nepal wurden nach Angaben des Katastrophenschutzes 165 Tote und 826 Vermisste gezählt. Auf der chinesischen Seite in Tibet gelten weitere 558 Menschen als vermisst. Insgesamt soll die Zahl sogar noch höher liegen. Behörden sprechen von mehr als 1500 Menschen, die gesucht werden.

Doch kein Erdbeben

Zunächst hatte die US-Erdbebenwarte USGS am Mittwoch ein Beben der Stärke 4,4 nahe der Grenze gemeldet. Nach Auswertung von Satellitenbildern, seismischen Daten und Langzeitwellen korrigierten die Forscher ihre Einschätzung jedoch. Demnach handelte es sich um einen massiven Gletscherabbruch, der eine Eis- und Gerölllawine auslöste. Diese wurde talwärts zur gewaltigen Flutwelle aus Wasser, Schlamm und Felsbrocken.

„Wir haben eindeutig bestätigt, dass es eine große Eislawine gab, wahrscheinlich eine Mischung aus Eis und Gestein“, sagte der Glaziologe Simon Allen von der Universität Zürich über die Naturkatastrophe. Der Geophysiker Luis Donoso verortet den Gletscher-Abbruch in 5200 Metern Höhe.

Pegel um 9 Meter angeschwollen

Besonders betroffen: der Lhende Khola, ein Nebenfluss des Bhote Koshi. Nach Einschätzung des International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) stürzten enorme Mengen Eis und Geröll in den Fluss, blockierten zeitweise das Wasser und lösten anschließend die Sturzflut aus. Der Pegel des Trishuli-Flusses soll innerhalb von nur 30 Minuten um bis zu neun Meter angestiegen sein.

Die Folgen: katastrophal! Drohnenbilder zeigen zerstörte Straßen, eingestürzte Gebäude und ganze Ortschaften, die von zementgrauem Schlamm überzogen wurden. In besonders schwer getroffenen Gebieten ragten nur noch obere Stockwerke aus den Schlammmassen. Autos wurden verschüttet, Brücken zerstört, Verkehrswege abgeschnitten. Chinesische Medien berichteten zudem von metertiefen Schlammmassen und einem neu entstandenen Stausee, der weitere Gefahr birgt.

Mehrere Deutsche unter den Vermissten

Unter den Vermissten befinden sich zahlreiche ausländische Touristen und Pilger. Nepal meldete allein 133 vermisste Inder auf dem Weg zum heiligen Kailash-Berg in Tibet. Nach Angaben von Trekkingagenturen gelten derzeit auch acht Deutsche als nicht erreichbar.

Forscher stellen einen möglichen Zusammenhang mit der Erderwärmung her. „Es ist nicht weit hergeholt, anzunehmen, dass wir hier eine schreckliche Folge des menschengemachten Klimawandels sehen“, sagte der kanadische Geowissenschaftler Dan Shugar. Das Himalaya-Gebirge erwärmt sich deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Studien zufolge hat sich der Eisverlust in der Region seit dem Jahr 2000 etwa verdoppelt. Bereits im vergangenen Sommer hatte dieselbe Region eine schwere Gletscherflut erlebt. Experten warnen deshalb, dass solche Ereignisse künftig häufiger auftreten könnten.

Vielleicht verpasst