Kultur

„Hockey ist der einzige Nicht-Kampfsport, der Prügel feiert“

„Hockey ist der einzige Nicht-Kampfsport, der Prügel feiert“

Plötzlich war sie da. Vor einigen Wochen tauchte eine Autorin wie aus dem Nichts auf Bestsellerlisten auf. Seitdem fragen sich Leser, Buchhändler und Kulturredaktionen gleichermaßen: Wer ist Elle Kennedy? So ist die 44-jährige Kanadierin aktuell mit gleich vier Büchern in den Top 20 der „Spiegel-Bestsellerliste“ vertreten. Am höchsten rangiert ihr Roman „The Deal“ auf Platz 3, der in der vergangenen Woche sogar die Liste anführte.

An dieser Stelle kommt Amazon ins Spiel. Dort verkauft man bekanntlich schon lange nicht mehr einfach nur Bücher, sondern auch Geschichten. Mit seinem 2014 ins Leben gerufenen Streaming-Dienst „Prime Video“ hat das Unternehmen aus Seattle in den vergangenen Jahren mit Serien wie „Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ und „Fallout“ bereits Reichweitenerfolge erzielt. Ihre neue Eigenproduktion „Off Campus“ basiert auf dem ersten von insgesamt fünf Romanen Elle Kennedys, besagtem „The Deal.“ Dieser erschien bereits 2015, es folgten „The Mistake“, „The Score“, „The Goal“. Der Epilog-Band „The Legacy“ schloss die Reihe 2021 ab.

Nachdem sich bereits 2019 eine Produktionsfirma die Filmrechte für den ersten Band sicherte, gab Amazon 2024 die Serienorder. Seit dem 13. Mai lässt sich auf Prime Video nun der filmische Ausfluss des ersten Kennedy-Bands anschauen. Und findet dort scheinbar regen Anklang bei den Zuschauern. Nach eigenen Angaben des Streamingdienstes erreichte die Serie in den ersten zwölf Tagen weltweit 36 Millionen Zuschauer, womit sie einen der erfolgreichsten Serienstarts in der Geschichte des Streaming-Diensts hingelegt hätte – einzig getoppt von „Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ und der Videospieladaption „Fallout“.

Auch in Deutschland ist die Serie erfolgreich. Wie das Branchenportal dwdl.de mitteilte, dominierte „Off Campus“ im Mai das Ranking der Sendungen mit den meisten Streams. Die ersten vier Plätze machen die ersten vier Episoden unter sich aus, insgesamt sind alle acht Folgen in den Top 15 vertreten.

Auch der Piper Verlag hat sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Pünktlich zum Serien-Release hat der Verlag über sein Imprint „Everlove“ die Tetralogie mit einer Startauflage von 40.000 Exemplaren einfach nochmal neu herausgebracht: in hübsch designten Hardcover-Ausgaben mit pastellfarbenem Leineneinband und dem in diesem Fall obligatorischen Farbschnitt. Die Wälzer müssen ja schließlich gut aussehen, wenn sie landauf, landab von BookTokerinnen und Instagrammern in Handykameras gehalten und so in den digitalen Äther gejagt werden. Elle Kennedy gab unlängst dem „Hollywoodreporter“ gegenüber an, dass die sozialen Medien großen Einfluss auf ihre Buchverkäufe hätten und erklärte sogar, dass „BookTok den Printmarkt gerettet“ habe.

Dabei ähnelt das Setting von „Off Campus“ teils frappierend dem von „Maxton Hall“, einer weiteren Prime-Eigenproduktion aus dem letzten Jahr. Böse Zungen behaupten, dass Amazon seine „Kunden kauften auch …“-Funktion nun konsequent auf seine eigenen Serienproduktionen anwendet, um seinen Zuschauern eine maximale Schnittmenge zu bieten. Doch der wahre Grund für die vielen Parallelen dürfte dem Genre an sich geschuldet sein: „Young Adult“-Literatur besteht in der Regel aus einem Potpourri fester Topoi und Motive – den „Tropes“ –, womit sich das Genre immer wieder mit dem Vorwurf aussetzt, eine Art „Setzkasten“-Literatur zu sein.

„Off Campus“ ist wie „Maxton Hall“ in einem fiktiven College-Setting mit seinen archetypischen Charakteren angesiedelt, also in erster Linie mit einer schüchternen, zielstrebigen Protagonistin, die sich im Lauf der Handlung vom Aschenputtel zur Prinzessin wandelt. In „Off Campus“ ist das die zurückhaltende Musikstudentin Hannah (Ella Bright), die sich in den Bandsänger Justin (Josh Heuston) verguckt. Wenn der nicht auch ständig irgendwo mit seiner Orlando-Bloom-Gedächtnisfrisur auf dem Campus herumläuft, spielt er Gitarre, stöhnt Vokale in ein Mikrofon und schaut dabei wie ein am Weltschmerz dahinscheidender Welpe.

Elle Kennedy und ihre Serie verknüpfen dieses klassische „Mauerblümchen verguckt sich in Schul-Superstar“-Motiv mit zwei weiteren genretypischen „Tropes“: „Slowburn“ und Eishockey. Um die Aufmerksamkeit von Justin zu erhaschen, beschließt Hannah, vor den Augen des gesamten Campus den Eishockey-Überflieger und Mädchenschwarm Garrett (Belmont Cameli) zu daten. Der bekommt im Gegenzug von Hannah den dringend benötigten Nachhilfeunterricht, um die Prüfungen zu bestehen und seine Chance auf eine NFL-Karriere zu wahren. Wie sich diese „Fake Dating“-Konstellation – die eine Spielart des „Slowburn“-Tropes ist – über die Staffel hin entwickelt, ist bereits nach wenigen Minuten der ersten Folge klar.

Doch, Moment, schon wieder Eishockey? Spätestens seit dem 2019 erschienenen Megaseller „Heated Rivalry“ von der ebenfalls kanadischen Autorin Rachel Reid und der anschließenden Serien-Adaption von HBO Max ist die „Icehockey Romance“ zum eigenen Subgenre der Young-Adult-Literatur mutiert. Doch wo „Heated Rivalry“ die archaisch anmutende Welt des Eishockeys geschickt brach – Buch und Serie handeln von einer schwulen Romanze zweier Spieler –, zeichnet „Off Campus“ den Sport und sein Milieu als postmoderne Fallstudie zu Klaus Theweleits „Männerfantasien“: präpotente Eishockey-Bros mit Körpern wie aus dem Calvin-Klein-Katalog, die sich über den Campus saufen und dabei mit halbgeöffneten Mündern und dumpfen Elchblicken ihre Paarungsbereitschaft mit jungen Frauen zum Ausdruck bringen.

Interessant ist dennoch, warum gerade Eishockey zum festen „Trope“ in der von einem überwiegend jungen, weiblichen Publikum gelesenen „Young Adult“-Literatur geworden ist. Eine einigermaßen brisante Antwort auf die Anziehungskraft des Sports liefert Hannah gleich in der ersten Folge, als sie dem Womanizer Garrett zunächst die kalte Schulter zeigt und ihm erklärt, warum sie ja wirklich so gar nicht auf ihn steht: „Hockey ist der einzige Nicht-Kampfsport, der Prügel nicht bestraft, sondern feiert.“

Ist also womöglich gerade diese Toleranz gegenüber harter Körperlichkeit der Grund für die Eishockey-Faszination junger Menschen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Gewalt nahezu vollständig getilgt oder doch zumindest strengstens geahndet wird? Schließlich betrifft das längst auch den Sport. Ungebremst miteinander kollidierende Männerkörper, die zu Boden gehen und wieder aufstehen, ohne dass dies eine Ahndung zur Folge hat, sieht man weder im Basketball noch im American Football.

Und auch der zeitgenössische Fußball mit seinen gut frisierten Superstars, die in pinken Stollenschühchen über den Rasen tippeln und selten die Gelegenheit verstreichen lassen, ein „Foul zu ziehen“ und sich so als Opfer eines Regelverstoßes zu inszenieren, wirkt mittlerweile als Antithese zum Eishockey. Ist dieser denn nicht eine Art „Dirty Dancing“ auf dem Eis, das graziles Dahingleiten auf Schlittschuhen mit Brutalität verbindet? Der Eishockeyspieler als Inkarnation von „Der Schöne und das Biest“ in Personalunion?

„Off Campus“ schert sich nicht um derlei Überlegungen, sondern liefert das, was die Zuschauer erwarten: eine Highschool-Romance mit klar definierten Charakteren und nicht zu anstrengenden Dialogen. Statt also die Dominanz in den Streaming- und Büchercharts verächtlich abzuwinken, kann man die Bücher und die Serie als das sehen, was sie sind: ein crossmedial optimal vermarktetes Kulturprodukt, das mit seiner Einfachheit und eindeutigen Lesart genau den überspannten Nerv der Zeit zu treffen scheint.

„Off Campus“ ist bei Amazon Prime zu sehen.

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