Politik

Geht das nur mir so?: Wer von der Aktivrente wirklich profitiert

Geht das nur mir so?: Wer von der Aktivrente wirklich profitiert
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Neulich saß ich mit einer Bekannten zusammen. Eine Powerfrau, viele Jahre in leitender Position. Inzwischen ist sie Rentnerin. Eigentlich, also zumindest auf dem Papier. Tatsächlich arbeitet sie nämlich weiter. Sie bezieht volle Rente, bekommt weiter volles Gehalt. Und lacht. Weil dank der Aktivrente jetzt die ersten 2000 Euro des Gehalts steuerfrei sind.

Ganz ehrlich: Ich hätte es wohl genauso gemacht. Und genauso gelacht. Natürlich nimmt man so etwas mit. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Idee der Aktivrente ist richtig. Deutschland fehlen Arbeitskräfte. Die Babyboomer gehen in den Ruhestand, viele Firmen suchen händeringend Personal. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die mit 66 oder 67 noch fit und motiviert sind. Warum sollte man sie nicht ermuntern, trotz Rente weiterzuarbeiten?

Die Frage ist: Wen soll die Aktivrente eigentlich bewegen? Nehmen wir die Verkäuferin, die nach dem Renteneintritt überlegt, ob sie noch zwei Tage pro Woche arbeiten soll. Oder den Handwerker, dessen Rücken nicht mehr alles mitmacht, der aber gerne noch etwas dazuverdienen würde. Oder die frühere Pflegekraft, die sich fragt, ob sich die zusätzliche Belastung überhaupt lohnt.

Für Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen (und Renten) machen ein paar hundert Euro mehr im Monat einen echten Unterschied. Zusätzliche Arbeit finanziert dann nicht die nächste Kreuzfahrt, sondern die Stromrechnung, die Autoreparatur oder etwas mehr Luft am Monatsende. Genau bei ihnen kann ein finanzieller Anreiz etwas verändern. Genau diese Menschen müsste die Politik im Blick haben.

Aber wie ist das bei Spitzenverdienern? Bei Menschen, die auch nach Erreichen des Rentenalters noch 7000, 8000 oder 9000 Euro im Monat verdienen. Glaubt wirklich jemand, dass sie nur wegen der steuerfreien 2000 Euro weiterarbeiten? Kaum. Sie arbeiten weiter, weil ihnen ihr Beruf Spaß macht, weil ihre Erfahrung gefragt ist oder weil sie Angst vor der Bedeutungslosigkeit haben.

Meine Bekannte gehört vermutlich genau in diese Gruppe. Und sie macht ja nichts falsch. Sie nimmt lediglich in Anspruch, was die Politik ihr anbietet. Von der Aktivrente zu profitieren, ist leichter, als einen Handyvertrag zu kündigen. Die Frage lautet auch nicht, warum sie das Steuergeschenk annimmt. Die Frage lautet, warum der Staat es ihr gibt.

Dabei haben wir doch alle in der jüngeren Vergangenheit gelernt: Der Staat hat keinen Euro zu verschenken, weil er eh nichts hat außer Schulden.

Aber die deutsche Politik liebt die Gießkanne. Wenn Energiepreise steigen, wird breit entlastet. Wenn Heizkosten steigen, wird breit gefördert. Staatliche Unterstützung gibt es auch für superreiche Eltern. Und wenn Menschen belohnt werden sollen, die länger arbeiten, als sie müssten, dann eben auch die Topverdiener (sofern sie Angestellte sind).

So fließt Steuergeld an Menschen, die den Anreiz gar nicht brauchen. Dabei sollte doch genau das der Maßstab sein. Eine Förderung ist kein Geschenk. Sie soll Menschen zu einer Entscheidung bewegen, die sie ohne diesen Anreiz vielleicht nicht getroffen hätten.

Die Verkäuferin, die nach Renteneintritt noch zwei Tage pro Woche arbeitet, und der Spitzenverdiener mit 8000 Euro Monatsgehalt stehen nicht vor derselben Entscheidung. Warum behandelt der Staat sie dann so?

Vielleicht verpasst