Diesen Schrei werde ich nie vergessen. Ich sitze Alexander Zverev gegenüber, etwa 40 Meter entfernt. Es ist der 3. Juni 2022, das Halbfinale der French Open in Paris gegen Rafael Nadal. 3:13 Stunden sind gespielt, noch nicht mal zwei Sätze um. Gewinnt Zverev, ist er die Nummer 1 der Welt, egal, wie das Finale ausgeht, das er gegen Casper Ruud sicher gewonnen hätte. Der Hamburger hat die Form seines Lebens, als es passiert. Bei einer Vorhand knickt Zverev mit dem rechten Knöchel um. Bein und Fuß bilden fast einen rechten Winkel. Ein grauenhafter Anblick! Sein Schrei geht durch Mark und Bein, die plötzliche gespenstische Stille nach dem Raunen im Publikum ist beängstigend. Er liegt im roten Sand.
Vier Jahre später: 7. Juni 2026. Wieder liegt Zverev im Sand, fast an derselben Stelle. Und wieder sitze ich auf ebenfalls fast demselben Platz 40 Meter gegenüber. Diesmal liegt er aber freiwillig im Dreck, hat soeben seinen ersten Grand-Slam-Titel gewonnen. Endlich, im 41. Anlauf. Schon mittags um 11.57 Uhr läuft er durch den Presseraum unter dem Court Philippe Chatrier. Für viele Spieler der kürzeste Weg vom Auto zum Training auf Court 5. Er ist ruhig, locker, hat sein Team im Schlepptau. Kein Zweifel: Er ist bereit. Der Tag fürs Geschichtsbuch! Der Titel für Zverev ist überfällig, der „Unvollendete“ ist nicht mehr. Derselbe Platz, ein anderer Gegner und die Nummer 1, inzwischen heißt sie Jannik Sinner, ist Lichtjahre weg. Dass der Italiener dennoch nicht im Finale steht, hat einen Grund: Sein Körper verträgt keine Hitze, Zverev liebt sie.
Das zehnte Jahr begleite ich Alexander Zverev. Bücher könnte ich schreiben über die Erlebnisse rund um den Erdball. Es sind vor allem die Szenen am Rande, die in Erinnerung bleiben, die Bilder fernab der Kameras. Wenn er im Fahrstuhl, körperlich am Ende, in Melbourne zusammensackt, oder wir in Wimbledon gemeinsam über die Anlage gehen und er davor warnt: „Der Berrettini schlägt auch nach seiner Verletzung mit 235 km/h auf.“ Einen Tag später war Zverev raus.
Auch, wie liebevoll er Dackel Mishka im Arm hat, wenn er aus dem Auto steigt, das ihn zur Anlage bringt oder er den Siegerpokal der French Open in den Händen hält, wie er mit dem Hund von Hailey Baptiste spielt, die nach ihm auf den Trainingsplatz kommt. Der schleckt ihn ab, als wäre Zverev sein Herrchen. Egal, wie man zu Zverev steht, in Paris habe ich in diesen Tagen oft gehört: „Ich würde ihm den Titel gönnen. Er hat ihn verdient.“ Auffällig: Auch die, die ihn kritisch sehen, unsympathisch finden, sagten das. Der Tennisspieler Zverev ist längst anerkannt. So weit, dass er sogar Mitleid erntete, wenn er mal wieder ein Grand-Slam-Turnier vergeigte und er weiter warten musste auf diesen einen Titel, den er vielleicht nie gewinnen würde.
Nach seinem Sieg bekomme ich beinahe mehr Nachrichten auf mein Handy als zu meinem Geburtstag. Alle haben denselben Tenor: „Endlich! Wird auch Zeit! Jaaaaaa! He did it!!!!!“ Keine einzige ist negativ, das wäre früher anders gewesen. Nach dem Unfall ließ er keinen Zweifel, dass er wieder zu seiner Topform findet. Er nahm die Verletzung an und kämpfte. Da waren aber auch die Gewaltvorwürfe zweier Ex-Freundinnen gegen ihn, mit einer hat er eine Tochter. Zverev wurde angefeindet, während Matches mit Zwischenrufen belegt. Allein bewiesen wurde nie etwas. Und er spielte einfach weiter, nervenstark, erreichte 2024 das Finale der French Open, während parallel zum Turnier der Prozess wegen häuslicher Gewalt gegen ihn lief, der schnell wieder eingestellt wurde. Er gilt als unschuldig.
All diese Widrigkeiten überstand er und blieb über all die Zeit eines: Weltklasse. Wie viele andere hätten resigniert, wären an der schweren Verletzung, den Vorwürfen, dem ständigen Scheitern bei den Grand Slams zerbrochen. Er nicht. Weil der Glaube an sich unfassbar stark war und ist, selbst als er vor zwei Jahren mit gesenktem Kopf sagte: „Ich werde nächstes Jahr schon 28, aber ich habe noch keinen Grand-Slam-Titel gewonnen.“ Das Problem lag eher auf dem Platz in den Situationen, wo er den Sack hätte zumachen können. Wie 2020 gegen Dominic Thiem im Finale der US Open. Zwei Pünktchen fehlten ihm. Daran dachte ich beim 30:0 aus seiner Sicht im letzten Spiel. „So weit war er schon mal“, sagte ich zu meinem geschätzten Nachbarn von der Süddeutschen Zeitung.
Natürlich hatte Zverev auch das Pech wie viele andere, dass er mit Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer drei Granden vor sich hatte, die gefühlt jeden Titel unter sich ausmachten. 66 haben sie zusammen. Und kaum ist das Trio gesprengt, kommen mit Sinner und Alcaraz zwei neue Dominatoren, die kaum Konkurrenz zulassen. Bis zu diesem 7. Juni 2026.
Daher verstehe ich seine überwältigende Freude, als er die olympische Goldmedaille 2021 in Tokio errang, bei den Corona-Spielen. Ich war dabei, das können nur ganz wenige Menschen sagen, vielleicht 200, mehr nicht. Diese gespenstische Atmosphäre werde ich auch nie vergessen. Normale Zuschauer waren nicht zugelassen. Noch vor den offiziellen Terminen nach der Siegerehrung rief er per Videocall in Berlin an, bei seiner Ex-Freundin Brenda Patea. Die gemeinsame Tochter Mayla war knapp vier Monate alt. Ihr zeigte Zverev sofort sein Gold, das ihn so furchtbar stolz macht. Bis heute. Zu Recht.
Dass er auch nach seinem ersten Grand-Slam-Titel immer noch sagt, der Olympiasieg stehe über allem, glauben ihm die wenigsten, aber im Kern hat er recht. „Den kann man nur einmal in vier Jahren holen, daher ist er am schwierigsten zu erringen“, begründet er. Grand Slams gibt es im selben Zeitraum 16.
Nun wird er sicherlich wieder schnell in Berlin anrufen und die kommenden Tage sicher nutzen, seiner Tochter, die er über alles liebt, die Mini-Trophäe, die er mit nach Hause bekommt, zu zeigen. Oder er nimmt Mayla, inzwischen fünf Jahre alt, mit auf Sommertour, so wie im vergangenen Jahr, als sie in Stuttgart und Halle/Westfalen dabei war. Im Februar war sie in Mexiko, als Papa den Doppel-Titel mit Kumpel Marcelo Melo gewann. Unvergessen der liebevolle Kuss, den er ihr nach dem Matchball gab, verbunden mit der Frage: „Nimmst den Pokal mit nach Hause?“ Die Kleine nickte stolz.
Für seinen Olympiasieg und dafür, dass er sich immer näher an die Nummer 1 heranpirschte, die damals Novak Djokovic hieß, überreichte ich ihm vor den US Open 2021 den Sport-Bild-Award, auf dem Dach des Knickerbocker-Hotels am Times Square in New York. Auszeichnungen bekommt man als guter Sportler immer mal, die wandern sicher in irgendeine Kiste, das ist das allgemeine Denken. Wer hat auch schon den Platz, das alles aufzustellen oder an die Wand zu hängen?
Monate oder Jahre später sah ich ein Foto von Zverev, aufgenommen zu Hause. Im Hintergrund zufällig zu sehen: der Sport-Bild-Award neben anderen Auszeichnungen im Regal. Ein Aha-Effekt für mich, der mir zeigte: Er schätzt es schon, wenn seine Leistung von Medien, Institutionen usw. anerkannt wird. Der Applaus des Publikums ist das eine, das andere aber auch ganz schön. Und mein Sportler des Jahres ist er jetzt schon.
Zverev ist angekommen im Leben. Mit Freundin Sophia Thomalla ist er nahezu fünf Jahre zusammen, was wohl nur die wenigsten erwartet hatten. Seine fürchterliche Arroganz aus seinen ersten Profijahren, geschürt durch Ex-Manager Patricio Apey, hat er abgelegt. Inzwischen kommt er witzig und eloquent daher, sowohl in Interviews auf dem Platz als auch vor Journalisten. Viele Anekdoten, Situationskomik, wenn er von einem Mann aus dem Publikum einen Heiratsantrag erhält oder das Leben der Löwen („Schläft 18 Stunden am Tag, hat vier Stunden Sex und isst zwei Stunden. Klingt nicht so schlecht, um ehrlich zu sein“) preist.
Und er lässt in sein Herz schauen, wenn er über Dackel Mishka, seine Oma, Verletzungen oder die Zweifel spricht, ob er alles richtig macht und sein Team noch das Richtige ist. Letzteres hat sein Vertrauen nun gerechtfertigt. Grand-Slam-Sieger Alexander Zverev, das klingt gut, das geht ihm runter wie Öl. Endlich! Und verdient.