Essen (Nordrhein-Westfalen) – Zwei Bewacher, eine Fußfessel – und trotzdem war der Häftling plötzlich weg. Für die spektakuläre Befreiung eines vorbestraften Verbrechers brauchten seine Helfer offenbar nicht einmal Spezialwerkzeug. Ein Universalschlüssel soll genügt haben, um die mechanische Fußfessel zu öffnen. Besonders brisant: Solche Schlüssel für baugleiche Modelle sind für wenige Euro im Internet erhältlich.
Der vorbestrafte Dijvar Gündüz saß wegen Drogenhandels und gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft. Er war bereits zu insgesamt 17 Jahren Haft verurteilt worden. Die Urteile waren allerdings noch nicht rechtskräftig.
Häftling floh bei MRT-Termin
Am 14. Oktober 2026 brachten zwei Justizbeamte den Untersuchungshäftling der JVA Essen zu einem MRT-Termin in einer Arztpraxis in der Essener Innenstadt. Im Treppenhaus der Arztpraxis schlugen zwei maskierte Männer zu: Sie überwältigten die Bewacher, befreiten den Häftling von seinen Fußfesseln und flüchteten in unterschiedliche Richtungen, Dijvar Gündüz auf einem E‑Roller. Seitdem wird nach ihm gefahndet: „Sowohl der entwichene Strafgefangene als auch seine Helfer sind derzeit noch auf der Flucht“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag zu BILD. Doch schon damals drängte sich die Frage auf: Hatten die Fluchthelfer womöglich Schlüssel? Und wenn ja, woher?
Fußfessel-Schlüssel für 10 Euro erhältlich
Seitdem beschäftigt der Fall auch den Rechtsausschuss des NRW‑Landtages. Jetzt kommt ein brisantes Detail ans Licht: Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) informierte NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) jetzt das Gremium vertraulich darüber, dass die Fußfessel kein individuelles Schloss hatte. Stattdessen soll ein Universalschlüssel gepasst haben, der auch baugleiche Fesseln öffnet. Solche Schlüssel sind für unter zehn Euro im Internet erhältlich.
Das NRW-Justizministerium hält sich zu der dpa-Information bedeckt. Eine Sprecherin sagte BILD, sie könne keine Details aus vertraulichen Informationen des Rechtsausschusses preisgeben. Schriftlich erklärte sie: „Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich die von Ihnen vorgetragenen Umstände weder bestätigen noch dementieren kann.“
Warum waren die Befreier so gut vorbereitet?
Der Vorfall hat inzwischen Konsequenzen: Das Ministerium überprüft nach eigenen Angaben die Abläufe und Sicherheitsvorkehrungen bei Gefangenenausführungen: „Dabei wird auch die Frage der Fesselung einbezogen.“ Die Umstände der Befreiung seien außerdem Gegenstand der staatsanwaltlichen Ermittlungen. Schließlich soll Dijvar Gündüz selbst erst am Vorabend von dem Arzttermin erfahren haben, doch die Befreier waren perfekt vorbereitet.
Inzwischen ermitteln die Behörden auch gegen einen JVA-Bediensteten, der im Trakt von Dijvar arbeitete und unter Korruptionsverdacht steht. Ob der Beamte tatsächlich bei der Befreiungsaktion geholfen hat, ist bislang nicht bewiesen.