Berlin – Briten gegen Briten, Meloni gegen Trump, Warschau gegen Kiew, Trump gegen Nato: Viel ist nicht mehr übrig von der Einheit des Westens, die nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ein kurzes Hoch hatte. Macht der Westen Moskau und Peking zu Gewinnern?
Schlagzeilen von nur einer Woche: US-Präsident Donald Trump und Italiens Regierungschefin Giorgia Meloni auf der G7-Weltbühne im Zoff um Eitelkeiten und wer mit wem aufs Foto darf. Ähnlich giftig – und das mitten im Krieg: Ukraine-Präsident Wolodymyr Selenskyj (48) schickt den ihm zu Kriegsbeginn verliehenen höchsten polnischen Orden an Warschau zurück, weil zwischen den beiden Alliierten ein Streit über einen 80 Jahre alten Krieg entbrennt. Und die Briten, älteste Demokratie Europas, sägen mit Keir Starmer Premier Nr. 6 seit dem Brexit ab.
All das registriert man in Moskau mit großer Zufriedenheit – und noch mehr in Peking. China denkt nicht in kurzatmigen Wahlperioden und Quartalszahlen wie der Westen, Peking denkt in Jahrhunderten. Und es läuft gut für Xi und seine autokratischen Mitstreiter. Wirtschaftlich mit einem Westen, der mit Rohstoffabhängigkeit an der kurzen Leine gehalten wird. Politisch mit dem schleichenden Niedergang der Demokratien. Militärisch mit einem entfesselten Wladimir Putin, der mit Chinas Hilfe die Ukraine und damit den Westen auf die Probe stellt.
Chinas Taktik: Zurücklehnen, Zuschauen, Abwarten
Was also tun, damit der Westen nicht zur Beute wird? BILD hat mit dem Experten gesprochen, der Russlands und Chinas Machtfantasien ausgezeichnet kennt: Adrian Geiges, Journalist und Autor einer Biografie über Xi Jinping, den Partei- und Staatschef in China. Er sagt: „Während China und Russland Stärke zeigen, schwächt sich der Westen mit Selbstbezichtigungen und falschem Moralisieren.“ Von der Selbstzerfleischung Europas und der USA profitieren vor allem die Gegner der Freiheit, so der Experte.
Aus seiner Sicht begeht der US-Präsident aktuell einen schweren Fehler. „Trump behandelt seine Verbündeten schlechter als die Gegner des Westens“, so Geiges. Statt die freie Welt zu einen, spalte er sie mit Provokationen und Angriffen auf Partnerstaaten. Die größte Gefahr sieht Geiges jedoch darin, China zu unterschätzen: „Wir schlafwandeln in ein chinesisches Zeitalter. Es ist fünf vor zwölf.“ Machthaber Xi Jinping habe China grundlegend verändert. Besonders brisant: Xi verbindet die kommunistische Ideologie mit chinesischem Nationalismus.
Was er meint: Wirtschaftliche Interessen seien der Politik untergeordnet, das Ziel sei strategische Abhängigkeit des Auslands von China. Als Beispiel nennt er die Energiewende: „Wir wiederholen den Fehler der Gas-Abhängigkeit von Russland – nur dieses Mal mit China.“ Trotz aller Warnungen sieht der Experte aber auch Chancen. Denn auch China kämpft mit Problemen – von der Immobilienkrise bis zur hohen Jugendarbeitslosigkeit.
Geiges‘ Forderung: „Was die freie Welt braucht, ist Einigkeit und Stärke – wirtschaftlich und militärisch.“ Doch dafür gilt: Der Westen hat die Uhren, Peking und Moskau haben jede Menge Zeit.